Trügerische Sicherheit

Warum Anleihen nicht mehr unbedingt der sicherste Hafen sind

Spätestens, wenn die dunklen Gewitterwolken aufziehen und das Meer unruhig wird, weiß jeder Kapitän, was zu tun ist und steuert einen sicheren Hafen an, um das Unwetter vorüberziehen zu lassen und ohne große Schäden die Fahrt fortzusetzen. In diesen Tagen bestimmen die sicheren Häfen allerdings in einem ganz anderen Zusammenhang mal wieder die Schlagzeilen. Im Zuge der Verunsicherung über die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus und die noch nicht absehbaren wirtschaftlichen Folgen sind Aktien in schweres Fahrwasser geraten und Investoren ergreifen scharenweise die Flucht in die für ihr Kapital vermeintlich sicheren Häfen. Traditionell gehören neben Gold und dem Schweizer Franken auch Anleihen als fester Bestandteil in der Vermögensallokation dazu.

Kurz und knapp:

  • In der Vergangenheit boten Staatsanleihen Anlegern einen Mehrwert durch Kupon, Liquidität, Diversifikation sowie eine gewisse Sicherheit im Konkursfall.
  • In knapp 80 Prozent der Phasen einer größeren Aktienmarktkorrektur warfen US-Staatsanleihen eine positive Rendite ab und waren somit eine gute Absicherung für den Krisenfall.
  • Im derzeitigen Niedrigzinsumfeld wird ein Großteil der G7-Staatsanleihen nur noch niedrig oder gar negativ verzinst, so dass Anleger auch in lange Laufzeiten investiert haben, um überhaupt noch Rendite zu erhalten.
  • Aufgrund der tiefen Nominalzinsen wirken sich auch kleinere Veränderungen prozentual bedeutsam auf die Rendite aus, so dass das potenzielle Risiko steigender Zinsen (derzeit zwar weniger erwartet) heute weitaus schmerzlicher für den Anleger sein könnte als noch vor 30 Jahren.

Ein Fels in der Brandung
Jahrzehntelang boten Staats- und qualitativ hochwertige Anleihen Anlegern einen Mehrwert durch den Kupon mit regelmäßigen Zinszahlungen, garantierten in der Regel eine hohe Liquidität und waren aus Gründen der Diversifikation für Investoren vor allem dann attraktiv, wenn die Aktienkurse fielen. Das verlieh Anleihen zu Recht den Status „sicherer Hafen“, wie ein Blick in die Vergangenheit zeigt: In Phasen, in denen der weltweit wichtigste US-Aktienindex S&P 500 mehr als zehn Prozent auf Monatsbasis verlor, warfen US-Staatsanleihen ohne Berücksichtigung der Inflation in 78 Prozent der Fälle eine positive Rendite ab, Unternehmensanleihen waren in 67 Prozent der Fälle der Fels in der Brandung einer stürmischen See am Aktienmarkt. Zwar schmälerte in einigen Zeiten eine hohe Teuerungsrate die reale Rendite der festverzinslichen Papiere, der positive Effekt wurde dadurch allerdings nicht maßgeblich beeinflusst.

Der Wind hat gedreht
Auch in der jüngsten Korrektur haben Anleihen erneut ihren Status eines sicheren Hafens bestätigt. Denn während der S&P 500 von seinem Hoch am 20. Februar in der Spitze rund 29 Prozent an Wert verlor, legten US-Staatsanleihen um 5,4 Prozent zu. Bei den entsprechenden Unternehmensanleihen mussten Anleger aber auch einen Verlust von 6,4 Prozent hinnehmen. Das bessere Abschneiden der Anleihen kam im Gegensatz zu den Perioden zuvor fast ausschließlich durch zeitweilige Kursgewinne zustande. Denn die Rendite gerade für die wegweisende 10-jährige US-Staatsanleihe fiel im Zuge der jüngsten Börsenturbulenzen auf ein Rekordtief von 0,43 Prozent. Und damit setzt sich in imposanter Weise ein Trend der vergangenen 40 Jahre nahtlos fort. Der Kursaufschwung am Rentenmarkt und damit stark fallende Zinsen haben dazu geführt, dass ein Großteil an qualitativ guten Staatsanleihen nur noch niedrig oder gar negativ verzinst sind. Die zehnjährigen Bundesanleihen rentieren aktuell mit minus 0,3 Prozent, was bedeutet, wer dem deutschen Staat Geld leiht, muss noch draufzahlen. Sicherheit geht hier ganz klar vor Rendite. Eine Sicherheit aber, die sich in den kommenden Jahren als trügerisch herausstellen könnte.

Risikoloser Zins gleich null
Im Grunde genommen ist ein Kauf von Anleihen mit langer Laufzeit und negativen Renditen nur für diejenigen Anleger folgerichtig, die von weiteren Zinssenkungen ausgehen oder gesetzlich verpflichtet sind, entsprechend zu investieren. Zugegeben, auch wir rechnen in der aktuellen Situation mit keinen zeitnahen Zinsanhebungen, schauen uns aber das in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegene Zinsänderungsrisiko für ein derartiges Szenario genau an. Hat sich eine Zinsanhebung von einem Prozent im Jahr 1990 aufgrund des hohen Zinskupons von 7,25 Prozent noch positiv auf den Ertrag einer zehnjährigen Bundesanleihe ausgewirkt, sah es zehn Jahre später schon anders aus. Und würden Stand heute die Zinsen rein theoretisch um einen Prozentpunkt angehoben, ginge der Kursverlust von fast neun Prozent voll zu Lasten des Anlegers.

Hinzu kommt für den Fall eines großen Ausverkaufs am Anleihemarkt noch ein mögliches Illiquiditätsrisiko. Die entsprechenden Prämien für die gestiegenen Risiken fallen allerdings verschwindend gering aus oder man bekommt sie gar nicht mehr, die Zeiten eines risikofreien Zinses sind damit erst einmal vorbei. An eine Kapitalvermehrung mit Anleihen ist derzeit also gar nicht zu denken, aber selbst der Kapitalerhalt ist mit dem jahrzehntelang sicheren Hafen Anleihe schwieriger geworden.

Fazit: Wegen gestiegener Risiken sind auch Alternativen zu Staatsanleihen als sichere Häfen gefragt
Das heißt im Ergebnis nicht, dass wir auf Anleihen als Diversifikation eines Portfolios ganz verzichten. Nach genauer Identifikation der Risiken und dem Verhältnis zum Ertrag sind sie weiterhin für uns ein adäquates Mittel, um eine professionelle und strategische Struktur auf Gesamtvermögensebene zu erreichen. Zusätzlich nutzen wir hierfür aber auch verstärkt alternative Asset-Klassen wie Immobilien und andere Sachwerte, alternative Anlagen, Gold und andere Rohstoffe sowie Private Equity und Private Debt. Aufgrund der steigenden Verschuldung der Staaten, der zunehmenden Bedeutung von indexierten Anleihenfonds und einer unzureichenden Risikoprämie für Staats- und qualitativ hochwertige Anleihen sind neue und alternative Ansätze gefragt, um ein Anlageportfolio so zu diversifizieren, dass weiterhin zuverlässige Renditen in Kombination mit einem vertretbaren Risiko möglich sind.