Weltbild im August 2019

Die Seidenstraße – Chinas Weg zur Nummer Eins

Heiße staubige Wüsten, tief verschneite Bergpässe, Kriege und Räuber – unzählige Mythen und Legenden ranken sich um die alte Handelsroute, auf der schon im ersten Jahrhundert vor Christus Waren aus Asien in den Mittelmeerraum transportiert wurden. Zweitausend Jahre zuvor hatte China ein Verfahren entwickelt, aus den Raupenfäden, mit denen der Kokon mit bis zu 300.000 Wendungen umwickelt wurde, feinste Seidenstoffe zu spinnen. Fortan besaß China das Monopol, die Ausfuhr der Seidenraupe und deren Eier war bei Todesstrafe verboten. Um Geburt Christi blühte der Handel mit dem Mittelmeerraum dann richtig auf. Der Transport erfolgte über unzählige Zwischenhändler, was die Seide unglaublich teuer machte. Der römische Gelehrte Plinius klagte: „So viel kosten uns der Luxus und unsere Frauen.“

Kurz und knapp:

  • 1820 noch die führende Wirtschaftsmacht, konnte China vom Westen nur militärisch zurückgedrängt und gedemütigt werden.
  • Spätestens in dreißig Jahren will das um seine Vormachtstellung betrogene Reich der Mitte wieder da sein, wo es seinem Verständnis nach hingehört: auf Platz Eins der Welt. Und spätestens dann will China auch Fußball-Weltmeister werden.
  • 2013 kündigte Peking das Projekt „Neue Seidenstraße“ an, Ziel ist der Auf- und Ausbau globaler Handels- und Infrastrukturnetze mit über 60 Ländern in Afrika, Asien und Europa.
  • Bislang schaut der Westen nur staunend und ungläubig zu.
  • Gleichzeitig erreicht der Handelskonflikt zwischen den USA und China eine neue Eskalationsstufe.
  • Zusammenarbeit statt Abschottung aber ist die Lösung, die Seidenstraße könnte dafür ein Anfang sein.

Die militärische Demütigung einer Wirtschaftsmacht
Bis ins 18. Jahrhundert hinein war China eine führende Wirtschaftsmacht, lediglich die Top-Position tauschte man immer mal wieder mit Indien. Der chinesische Markt war völlig abgeschottet, an westlichen Waren nicht interessiert. „Wir besitzen alle Dinge“, sagte Kaiser Qianlong 1793 einem britischen Gesandten, es gebe keinen Bedarf an Erzeugnissen Englands. Zuvor schon versuchten mehrere europäische Mächte erfolglos, auf diplomatischem Wege die Handelsschranken Chinas zu durchbrechen. China aber schottete seinen Markt immer mehr ab und wurde wirtschaftlich stärker. 1820 kam ein Drittel der Weltproduktion aus China. Es bestanden massive Handelsüberschüsse gegenüber Europa, hauptsächlich bezahlt in Silber. Da Diplomatie nicht fruchtete, fasste England einen perfiden Plan. Man lieferte das, was China nicht in dieser Qualität hatte: Opium. Die Ostindienkompanie schmuggelte in großem Umfang die Droge nach China. Der Verbrauch stieg rapide an, China erlebte einen massiven Abfluss an Silber. England wollte China damit unter Druck setzen, scheiterte jedoch. Man sah sich gezwungen, kriegerisch eine Lösung herbeizuführen. China war militärisch hoffnungslos unterlegen, die Niederlage zwangsläufig. 1842 verpflichtete sich China, seinen Markt zu öffnen und den Drogenhandel zuzulassen. Zugleich musste Hongkong an England abgetreten werden. Die endgültige Demütigung folgte 1895 mit der Niederlage im japanisch-chinesischen Krieg. 1912 dankte der letzte Kaiser Chinas ab, die Kuomintang errichteten die erste chinesische Republik. 1921 wurde die Kommunistische Partei gegründet, die aus einem Bürgerkrieg siegreich hervorging und 1949 die Volksrepublik gründete. Die unterlegenen Kuomintang flüchteten nach Taiwan und errichteten einen eigenen Staat, der von China bis heute nicht anerkannt wird.

Seidenstraße 2.0 – „One Belt, One Road“
Im September 2013 kündigte der chinesische Staatspräsident Xi Jinping das Projekt „Neue Seidenstraße“ an. Ziel ist der Aufbau und Ausbau globaler Handels- und Infrastrukturnetze mit über 60 Ländern in Afrika, Asien und Europa.

Der Begriff „Seidenstraße“ ist dabei sehr bewusst gewählt worden. Spätestens 2049, dem einhundertsten Jahrestag der Gründung der Volksrepublik, soll China wieder da sein, wo es nach dem eigenen Verständnis hingehört: Auf Platz Eins in der Welt. Politisch, militärisch und vor allem wirtschaftlich. Man will Marktführer in allen Schlüsseltechnologien sein, die führende Innovationsmacht, Weltkulturmacht und ... Fußball-Weltmeister. Der Blick in die Vergangenheit ist notwendig, um die chinesische Position zu verstehen: man fühlt sich nach dem Opiumkrieg um seine Vormachtstellung betrogen, nahezu zwangskolonialisiert. Dieses Trauma ist tief in der chinesischen Erinnerung verwurzelt.

Für dieses Ziel wird viel, sehr viel Geld in die Hand genommen. Offiziell gibt es dazu von chinesischer Seite wenig Konkretes, aber man spricht von Investitionen von bis zu 8.000 Milliarden US-Dollar. Den größten Teil davon sollen die am Projekt Seidenstraße beteiligten Länder tragen, finanziert durch chinesische Kredite. Und das Interesse ist groß: Am „Seidenstraßen“-Gipfel in Peking Ende April dieses Jahres nahmen über 100 Staaten teil. Gerade die ärmsten Länder Afrikas haben sich bereits massiv gegenüber China verschuldet, mit teilweise weit über der Hälfte des eigenen Bruttosozialproduktes. China sichert sich dadurch Zugang zu wichtigen Rohstoffquellen und Infrastrukturpunkten. Das rächt sich in einigen Fällen: Als Sri Lanka Ende 2017 den Schuldendienst nicht mehr leisten konnte, musste der mit chinesischen Krediten finanzierte Hafen für 99 Jahre an eine staatliche chinesische Hafenlogistikfirma verpachtet werden. Chinas Reederei Cosco kaufte 2016 die Hälfte des Hafens von Piräus und stockte später auf 70 Prozent auf. Überall in Asien, Afrika und Europa werden Häfen gebaut oder ausgebaut, Bahnlinien erschlossen, Pipelines und Energieleitungen errichtet. Es gibt eine enge Zusammenarbeit mit Duisburg, dem größten Binnenhafen der Welt. 35 Züge in der Woche kommen die 12.000 Kilometer direkt aus China. Die Waren werden anschließend auf Schiffe verladen und weitertransportiert. All das dient dem Ziel, Handelswege zu erschließen und Absatzmärkte an sich zu binden.

Der Westen schaut bislang nur zu
Der Westen schaut derzeit staunend und ungläubig zu. Lediglich Italien hat sich im März 2019 als bisher erstes Land der G7-Gruppe der Initiative angeschlossen – gegen den massiven Protest der EU-Kommission. Es gibt ein chinesisches Interesse am Ausbau der Häfen von Genua und Triest, italienische Unternehmen sollen an chinesischen Bauvorhaben in Aserbaidschan beteiligt werden. Im Gegenzug soll der chinesische Markt für Orangen aus Italien geöffnet werden. Lange sollte der Westen jedoch nicht mehr nur zuschauen. Zwar wird durch die neue Seidenstraße keine neue Pest-Epidemie erwartet, dennoch dürfte sich die Welt wesentlich verändern, Schwerpunkte sich dramatisch nach Asien verschieben. In spätestens dreißig Jahren will China seine Ziele erreicht haben. Der Westen hat also dreißig Jahre Zeit, um gemeinsam politisch und wirtschaftlich an einem Strang zu ziehen, damit man neben der neuen Supermacht China bestehen kann. Aber 30 Jahre sind keine lange Zeit. Die Zeit drängt.

Unser Fazit: Zusammenarbeit statt Abschottung – die Seidenstraße könnte ein Anfang sein
Vor über einhundert Jahren vom Westen noch militärisch besiegt und gedemütigt, soll China auf seinem Weg zur führenden Wirtschaftsmacht nun mit Strafzöllen und Sanktionen behindert werden. In diesen Tagen hat der Handelskonflikt zwischen den USA und China eine neue Eskalationsstufe erreicht, ein Währungskrieg scheint nur noch eine Frage der Zeit. Kehren beide Parteien nicht zeitnah wieder an den Verhandlungstisch zurück, dürfte es in dieser Auseinandersetzung wohl keinen Gewinner geben, aber umso mehr Verlierer. Statt immer neuen Drohungen, verhängten Strafzöllen oder Währungsabwertungen sollten sich die großen Volkswirtschaften auf anderen Wegen begegnen. Nicht, dass man den Chinesen in Allem entgegenkommen muss, aber aufeinander zugehen ist immer noch besser als sich abzuschotten. Die Seidenstraße könnte dafür ein Anfang sein.