Weltbild im Dezember 2019

Statt „Golden Twenties“ die „Silver Economy“

Zum Ende des Jahres treten wir auch in eine neue Dekade ein – das 21. Jahrhundert wird 20. Vor genau 100 Jahren begannen die so genannten „Goldenen Zwanziger“ – einerseits geprägt von Hyperinflation, Zusammenbruch der Weltbörsen, Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit sowie dem Erstarken der Nationalsozialisten in Deutschland. Andererseits aber fand gerade in Europa eine regelrechte „Kulturrevolution“ in der Malerei, Literatur, dem Theater und der Musik statt.

Die zwanziger Jahre des laufenden Jahrhunderts werden wohl weder „golden“, noch stehen uns solche massiven Krisen bevor. Dennoch wird sich die Welt in den kommenden Jahren und Jahrzehnten deutlich verändern. Die nach dem zweiten Weltkrieg und vor allem nach dem Zusammenbruch der UdSSR und des Warschauer Paktes entstandene Dominanz der USA verschwindet und es entsteht mindestens eine bipolare Welt, längerfristig sogar eine multipolare Welt. Und diese steht vor enormen Herausforderungen: Neben der Bekämpfung des Klimawandels gilt es, den demografischen Wandel und ein in den Regionen sehr unterschiedliches Bevölkerungswachstum mit all seinen Auswirkungen auf Staaten, Industrie und jeden Einzelnen von uns zu bewältigen.

Kurz und knapp:

  • In 30 Jahren werden knapp zehn Milliarden Menschen auf unserer einen Erde leben, während bereits die Biokapazität von 2,5 Erden benötigt wird, sie zu ernähren.
  • Überalterung wird in allen Regionen zum Problem, der demografische Wandel aber trifft besonders Europa, 2050 dürften hier 28 Prozent der Menschen über 65 Jahre alt sein.
  • Die entwickelten Volkswirtschaftlichen wandeln sich zur „Silver Economy“ mit starken Veränderungen und großen Herausforderungen in puncto Konsumverhalten, Arbeitswelt, Staatsfinanzen und Sozialsysteme.
  • Immer weniger Arbeitnehmer können die zukünftigen Renten nicht mehr finanzieren, und während die „impliziten Staatsschulden“ weiter steigen, wird die private Altersvorsorge immer wichtiger.

„One world is enough for all of us“
Als die britische New-Wave-Band „The Police“ mit ihrem Sänger Sting 1981 diesen Song veröffentlichte, lebten etwas über 4,5 Milliarden Menschen auf der Erde. Damals reichte die Biokapazität von einer Erde aus, um die Weltbevölkerung zu ernähren. Seitdem kamen bis heute jährlich durchschnittlich 1,4 Prozent Menschen dazu, aktuell leben auf unserer Erde rund sieben Milliarden Menschen. Das stärkste Wachstum fand dabei in den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt statt. Die Gründe dafür sind mehrschichtig: Während in den Industrieländern die Geburtenrate kontinuierlich zurück ging, blieb sie in den ärmeren Regionen relativ konstant. Zusätzlich stieg die Lebenserwartung in diesen Regionen deutlich an, als eine Folge der verbesserten medizinischen Versorgung. „Die Bevölkerung wuchs nicht, weil sich die Menschen plötzlich wie die Hasen vermehrten – sie wuchs, weil sie endlich aufhörten, wie die Fliegen zu sterben“, hat es der US-Ökonom Nicholas Eberstadt einmal ziemlich spitz formuliert.

Die Probleme werden nicht kleiner
Die Weltbevölkerung wird nach Schätzungen der Vereinten Nationen auch weiterhin wachsen, wenn auch mit einer geringeren Rate. 2050 dürften rund 9,7 Milliarden Menschen die Erde bevölkern, im Jahr 2100 sogar 10,8 Milliarden. Schon in gut 30 Jahren wird die Biokapazität von knapp 2,5 Erden benötigt, um die dann fast 10 Milliarden Menschen zu ernähren.

Neben der weiter wachsenden Weltbevölkerung erwarten die Experten der Vereinten Nationen einen stark steigenden Anteil älterer Menschen in fast allen Regionen der Welt. In den Industrieländern werden in den nächsten zehn Jahren die letzten geburtenstarken Jahrgänge, die sogenannten „Baby-Boomer“ der Jahrgänge bis Ende der sechziger Jahre, das Rentenalter erreichen. Dies trifft besonders Europa, wo bereits in dreißig Jahren der Anteil der über 65-jährigen auf 28 Prozent der Gesamtbevölkerung ansteigen wird. Lediglich in Afrika wird aufgrund einer weiter hohen Geburtenrate der Anteil deutlich geringer sein.

Die Volkswirtschaften der entwickelten Länder wandeln sich zur „Silver Economy“ mit wesentlichen Veränderungen und großen Herausforderungen:

Punkt 1: Verändertes Konsumverhalten
Die Menschen werden älter, leben gesünder und sind vitaler als noch vor Jahrzehnten. Und sie sind vermögend: Das Pro-Kopf-Nettovermögen in der Europäischen Union ist in der Altersgruppe zwischen 50 und 70 Jahren am höchsten. Es entwickelt sich also eine kaufkräftige Schicht in der Bevölkerung, die andere Konsumbedürfnisse hat. Mobilität, Freizeit, Tourismus, aber auch Medizintechnik, Pflege und Betreuung und autonomes Leben sind die Bereiche in der Wirtschaft, die immer stärker an Bedeutung gewinnen werden. Nach Schätzungen der Europäischen Kommission steigen die Konsumausgaben der „Silver Ager“ bis zum Jahr 2025 auf über fünf Billionen Euro, womit sie dann rund 44 Prozent der gesamten privaten Konsumausgaben ausmachen werden. Ausgaben für Gesundheit, Ernährung und Freizeit dürften dabei den Schwerpunkt ihres Konsums bilden.

Punkt 2: Arbeitswelt
Bereits heute beklagen speziell deutsche Unternehmen einen zunehmenden Mangel an Arbeitskräften und vor allem an Fachkräften. Und das Problem wird sich noch verschärfen: Bis 2050 dürfte nach Schätzungen der Vereinten Nationen die arbeitsfähige Bevölkerung in Europa und auch in Deutschland um jährlich 0,6 Prozent schrumpfen – in Deutschland allein hieße das über acht Millionen weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter. Die Industrie fordert seit längerem bessere Zuwanderungsbedingungen, um Fachkräfte auch aus dem außereuropäischen Ausland nach Deutschland zu locken. Erst kürzlich hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung errechnet, dass in den nächsten vierzig Jahren 260.000 Menschen nach Deutschland einwandern müssten, um den Mangel an Fachkräften auszugleichen – pro Jahr! Erleichtern soll dies das im März nächsten Jahres in Kraft tretende Einwanderungsgesetz, was es gut qualifizierten Arbeitskräften erlaubt, auch ohne Arbeitsvertrag nach Deutschland zu kommen, um sich eine Arbeitsstelle zu suchen. Die berufliche Qualifikation muss allerdings mit den deutschen Ausbildungsstandards vergleichbar sein.

Punkt 3: Staatsfinanzen und Sozialsysteme
Wir alle erinnern uns noch an Norbert Blüm, der 1986 als Arbeitsminister das Plakat „Denn eins ist sicher: die Rente“ an eine Litfaßsäule klebte, obwohl schon damals die Überalterung der Gesellschaft absehbar war. In Europa nimmt das Verhältnis von Arbeitnehmern zu Rentnern rapide ab: Kamen im Jahr 2000 noch vier Berufstätige auf einen Rentner, werden es im Jahr 2050 nur noch 1,8 sein – Tendenz weiter sinkend. Das bringt die überwiegend umlagenfinanzierten Rentensysteme völlig aus dem Gleichgewicht. Neben Europa trifft es in Asien besonders Japan, aber auch China und Südkorea werden eine massiv alternde Bevölkerung erleben. Die Sozialsysteme geraten dadurch aus den Fugen und die private Vorsorge wird immer unerlässlicher für ein auskömmliches Einkommen im Alter, sowohl über die private Vorsorge als auch über die vom Arbeitgeber angebotene betriebliche Altersvorsorge. Im Zeitalter von Niedrig- und Negativzinsen werden dafür aber leider noch sehr wenig Anreize geschaffen. Die zukünftigen Leistungsversprechen der Staaten, man spricht auch von „impliziten Staatsschulden“, übersteigen die heutigen Staatsschulden teils um ein Vielfaches. In Deutschland liegt diese implizite Staatsschuld bei knapp 165 Prozent des Sozialproduktes und ist damit drei Mal so hoch wie die aktuelle Rate. Da die zukünftigen Renten wegen der abnehmenden Zahl von Arbeitnehmern nicht mehr gedeckt werden, gibt es nur den Ausweg, länger zu arbeiten und das Rentenniveau mittelfristig zu senken.

Fazit: Der demographische Wandel stellt Staaten, Unternehmen und jeden einzelnen von uns in den vor uns liegenden „Zwanzigern“ vor große Herausforderungen
Anders als im vorigen Jahrhundert stehen wir vor keinen „Goldenen Zwanzigern“, sondern erleben den Übergang zur „Silver Economy“. Die Herausforderungen sind vielfältig, von den klimatischen Veränderungen sowie der Grundversorgung der wachsenden Bevölkerung mit Nahrung und Wasser ganz zu schweigen. Den Herausforderungen müssen wir uns alle stellen: Staaten, Unternehmen und jeder Einzelne von uns. Die private Vorsorge wird immer wichtiger, und langfristig bieten Aktieninvestments hier die beste Möglichkeit. Schon einhundert Euro monatliche Sparleistung reichen aus, um bei einer angenommenen Rendite von vier Prozent nach dreißig Jahren das eingezahlte Kapital zu verdoppeln. Private Sparpläne, aber auch die betriebliche Altersvorsorge sind dafür die geeignetsten Instrumente. Die Industrie muss sich der sich verändernden Arbeitswelt und dem sich verändernden Konsumverhalten stellen. Zudem muss sie innovativ und nachhaltig sein, damit die Welt auch für die nächsten Generation lebenswert bleibt. Die Staaten müssen diese Innovationen und nachhaltiges Wirtschaften fordern und fördern. Gleichzeitig müssen sie aber auch eine nachhaltige Finanzpolitik betreiben, damit die nächsten Generationen nicht von der ausufernden Staatsverschuldung erdrückt werden. Gelingt dies alles, bleibt die Erde auch für die zukünftigen Generation ein lebens- und liebenswerter Planet.