Weltbild im Februar 2020

Vom Eise befreit

„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
Im Tale grünet Hoffnungsglück.“

Aus „Faust“, J.W. Goethe, 1808

Während beim Blick aus dem Fenster der meteorologische Winter längst vorbei zu sein scheint, bevor er richtig angefangen hat, wirken auch die Kapitalmärkte wie vom Eise des Handelskrieges und Brexit befreit und konjunkturelles Hoffnungsglück treibt die Kurse. Weder die drohende Eskalation nach der Ermordung des hochrangigen iranischen Generals Soleimani durch einen gezielten US-Raketenangriff Anfang Januar noch die Corona-Epidemie in China konnten den Börsenzug bislang aufhalten. Auf den ersten Blick sieht also alles danach aus, als könnten Aktien weltweit an ihre fulminante Entwicklung des vergangenen Jahres anknüpfen und 2020 ein weiteres gutes Börsenjahr werden. Wagen wir nun den zweiten Blick und beleuchten die verschiedenen Einflussfaktoren, wägen Chancen und Risiken ab:

Kurz und knapp:

  • Die Notenbanken sollten auch 2020 ein Unterstützungsfaktor für die Aktienmärkte bleiben, ein Schwenk hin zur Normalisierung der Geldpolitik ist derzeit nicht absehbar.
  • Handelskrieg und Brexit sind zwar nicht von der Agenda verschwunden, aber haben an Brisanz verloren – es wäre allerdings verfrüht, sie als Risikofaktoren abzuhaken.
  • Das globale Wirtschaftswachstum sollte in 2020 in etwa der gleichen Größenordnung wie im Vorjahr liegen, mit einer leichten Verbesserung in Europa.
  • Sollten sich die Chancen für Trumps Wiederwahl weiter erhöhen, dürfte die positive Grundstimmung für den US-Aktienmarkt durch die Wahl nicht getrübt werden.
  • Investoren wechseln auf der Suche nach attraktiven Ausschüttungen von Anleihen zu Aktien, jeder noch so kleine Rückschlag an den Börsen wird zum Kauf genutzt.
  • Derzeitige Unbekannte und damit größtes Risiko bleibt das Coronavirus und seine möglichen negativen Effekte für die prognostizierte konjunkturelle Erholung.

Die Geldpolitik
Die Notenbanken weltweit sind seit Jahren ein wesentlicher Kurstreiber. Zur Bewältigung der Finanzkrise 2008 und der europäischen Staatsschuldenkrise 2010 haben die amerikanische FED und die europäische EZB mit unkonventionellen Maßnahmen die Märkte gestützt und Liquidität in nie gekanntem Ausmaß zur Verfügung gestellt. Die Ende 2015 von der FED begonnen Zinserhöhungen wurden im vergangenen Jahr gestoppt, stattdessen ging es mit den Zinsen in drei Schritten nach unten. Auch die EZB hat mit der Wiederaufnahme des Anleihekaufprogramms den Fuß auf dem geldpolitischen Gaspedal fester durchgedrückt. Andere Zentralbanken agieren ähnlich: Weltweit hat es in den letzten sechs Monaten kumuliert 51 Zinssenkungen gegeben – der höchste Wert seit der Finanzkrise vor über zehn Jahren. Und ein erneuter Schwenk hin zu einer Normalisierung ist derzeit nicht absehbar. Damit dürften die Notenbanken auch in 2020 ein wesentlicher Unterstützungsfaktor bleiben.

Die Geopolitik
Handelskrieg und Brexit – kaum ein politisches Thema hat die Investoren in 2019 so beschäftigt wie diese. Beide sind von der Agenda zwar nicht verschwunden, haben aber an Aufmerksam deutlich eingebüßt. Mit dem Phase-1-Abkommen zwischen den USA und China wurde ein Waffenstillstand besiegelt und ein Teil der vorher verhängten Strafzölle reduziert. China wird zur Reduzierung der Handelsbilanzungleichgewichte verstärkt US-Produkte importieren. Zwar werden in der zweiten Phase weitere wichtige Punkte geklärt werden müssen, die durchaus Konfliktpotential haben. Das Thema dürfte aber erst nach der US-Wahl im November wieder an Brisanz gewinnen. Gleiches gilt für den Brexit: nach einigen Verschiebungen hat Großbritannien zum 31. Januar die Europäische Union verlassen, bleibt aber rechtlich bis zum Abschluss eines Abkommens wie ein EU-Mitglied gestellt. Dieses muss bis Ende des Jahres unterzeichnet sein – in der Tat ein straffer Zeitplan. Dennoch dürfte auch dies in der Wahrnehmung der Investoren erstmal nicht mehr die Rolle spielen wie noch im Vorjahr. Einen Haken hinter beide Themen sollten die Investoren allerdings nicht vorschnell setzen. Denn die beiden Hauptprotagonisten Trump und Johnson waren in der Vergangenheit oft genug für eine (negative) Überraschung gut.

Die Konjunktur
Nach dem teils deutlichen konjunkturellen Dämpfer, vor allem in stark exportorientierten Volkswirtschaften, wird nun mit einer leichten Erholung gerechnet. Die Wirtschaft in den USA läuft unverändert auf Hochtouren, auch wenn das Wachstum in diesem Jahr wohl etwas geringer ausfallen wird als in 2019. In Europa und speziell Deutschland hingegen hat der Handelskrieg stärkere Spuren hinterlassen. Die Industrie leidet besonders, lediglich der starke Bau- und Dienstleistungssektor konnten einen stärkeren konjunkturellen Rückgang verhindern. Allerdings blicken die Unternehmen wieder etwas zuversichtlicher in die Zukunft, was eine Verbesserung der aktuellen Lage erwarten lässt. China bleibt weiterhin Wachstumsmotor, der allerdings durch das Coronavirus etwas ins Stottern geraten ist. Mögliche Auswirkungen sind derzeit schwer abzuschätzen, ein Abwürgen des Konjunkturmotors in China ist aber nicht zu erwarten. Insgesamt dürfte das globale Wachstum in der gleichen Größenordnung wie 2019 liegen, mit einer leichten Verbesserung in Europa. Positiv wirken die anhaltende lockere Geldpolitik der Notenbanken und die geringeren politischen Risiken.

Die Wahl in den USA
Anfang November wird in den USA der Präsident gewählt. Donald Trump stellt sich als Amtsinhaber zur Wiederwahl, bei den Demokraten findet derzeit die Kür des Herausforderers statt. Trump sonnt sich in seinen selbst deklarierten Erfolgen: Die Russland-Ermittlungen konnten kein rechtwidriges Verhalten im letzten Wahlkampf 2016 beweisen, ein Amtsenthebungsverfahren wurde im republikanischen dominierten Senat abgeschmettert. Zudem kann sich Trump nach einer umfangreichen Steuerreform sowie einem ersten Handelsabkommen mit China als Retter der US-Wirtschaft profilieren. Seine Zustimmungsraten sind aktuell die höchsten seit Amtsantritt im Januar 2017. Wer von demokratischer Seite sein Herausforderer sein wird, wird gerade in diversen Vorwahlen ermittelt. Galt lange der ehemalige Vize-Präsident unter Barack Obama, Joe Biden, als aussichtsreichster Kandidat, ist er in der Gunst deutlich abgestürzt. Stattdessen führt aktuell der 78-jährige Bernie Sanders, dessen Kandidatur 2016 nur knapp an Hillary Clinton gescheitert ist. Sanders bezeichnet sich selbst als „demokratischer Sozialist“, und das verschreckt viele: Stärkung der Gewerkschaften, Erhöhung des Mindestlohns, Reformierung und Regulierung des Finanzsektors, staatliche Krankenversicherung für alle sowie eine massive Besteuerung von hohen Einkommen und Vermögen – dies ist jedem liberalen Wirtschaftspolitiker etwas zu viel Sozialismus. Gemäßigte Anhänger der Demokraten könnten sich bei einer tatsächlichen Kandidatur Sanders dazu ermutigt sehen, eher Donald Trump als das kleinere Übel zu wählen. Wegweisend werden die Vorwahlen in vierzehn Bundesstaten sein, die am 03. März abgehalten werden, darunter in wichtigen Staaten wie Texas und Kalifornien. Investoren in den USA bevorzugen die wirtschaftsfreundliche Politik der Republikaner. Sollte tatsächlich Sanders als Kandidat der Demokraten den Amtsinhaber Trump herausfordern, ist dessen Wiederwahl wahrscheinlich. Damit dürfte die positive Grundstimmung für den US-Aktienmarkt durch die Wahl nicht getrübt werden.

Die fehlenden Anlagealternativen
Es ist das alte Lied – und es wird wohl noch einige Zeit gesungen werden. Die Nominalrenditen von sicheren Staatsanleihen liegen größtenteils im negativen Bereich, die von qualitativ hochwertigen Unternehmensanleihen nur knapp über der Nulllinie. Berücksichtigt man zusätzlich die Inflation, sorgt ein Großteil der festverzinslichen Anlagen für einen realen Kapitalverlust. Daran wird sich auf absehbare Zeit nichts ändern. Ich halte nichts von dem Schlagwort „Dividende ist der neue Zins“ – zu unterschiedlich sind Investments in Anleihen und Aktien, vor allem unter Risikoaspekten. Dennoch entdecken Immer mehr Investoren, private und institutionelle, auf der Suche nach attraktiven Ausschüttungen die Dividendenpapiere. Man kann beobachten, dass jeder noch so kleine Rückschlag an den Börsen zum Kauf genutzt wird. Dieses Interesse wird im aktuellen Umfeld anhalten und für weiter steigende Kurse sorgen.

„Der alte Winter in seiner Schwäche
zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dorther sendet er, fliehend, nur
ohnmächtige Schauer körnigen Eises“

Bisher ist noch kein neuer Winter über die Märkte hereingebrochen, auch die einzelnen Schauer körnigen Eises konnten die Frühlingsstimmung nicht trüben. Doch was könnte das oben beschriebene Szenario gehörig durcheinanderwirbeln?

Ein winziges Virus namens Corona – oder Covid-19, wie die offizielle Bezeichnung heißt.
Seit offizieller Bestätigung des Ausbruchs in China sind über 79.000 Menschen infiziert und über 2.600 gestorben – deutlich mehr als bei der SARS-Epidemie im Jahr 2002. Seit Wochen befindet sich die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt im Ausnahmezustand: 60 Millionen Menschen in Quarantäne, die Ferien zum chinesischen Neujahrsfest verlängert. Restaurants und Geschäfte sind geschlossen, Millionen Arbeiter und Angestellte sind bisher noch nicht an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt. Wichtige Handelsmessen und Sportgroßereignisse wurden abgesagt. Über die wirtschaftlichen Auswirkungen kann derzeit nur spekuliert werden, eines steht jedoch fest: Das Wachstum in China wird einen deutlichen Dämpfer erleiden, und das spürt auch der Rest der Welt. Chinas Anteil an der Weltwirtschaft beträgt rund 16 Prozent, ein Drittel des globalen Wachstums kommt aus dem Reich der Mitte. Zudem ist die chinesische Wirtschaft heute sehr viel stärker vom Dienstleistungssektor abhängig, 60 Prozent des Wachstums Chinas wird in diesem Sektor erwirtschaftet. Aber auch über die chinesischen Landesgrenzen hinweg steigen die Sorgen: In einer globalen Wirtschaft sind die Unternehmen auf eine lückenlose Lieferkette angewiesen. Viele Vorprodukte werden in China hergestellt, ein längerer Produktionsstillstand dort würde die Produktionsabläufe weltweit stören. Aktuell beunruhigen die Infektionszahlen außerhalb Chinas: eine deutliche Zunahme in Südkorea, Japan und auch Italien lassen Befürchtungen über eine globale Pandemie aufkommen.

Die wichtigsten Notenbanken betrachten dies als das derzeit größte konjunkturelle Risiko und stehen bereit, um mögliche Störungen durch geldpolitische Maßnahmen abzufedern. Derzeit wird mit einer Normalisierung in China erst Mitte bis Ende April gerechnet. Auch wenn danach mit gewissen Nachholeffekten zu rechnen ist, dürfte das Weltwirtschaftswachstum in 2020 darunter leiden. Der IWF hat die Wachstumsprognose für China bereits um 0,4 Prozentpunkte gesenkt, das Wachstum der Weltwirtschaft werde voraussichtlich 0,1 Prozent geringer ausfallen – wenn eine globale Ausbreitung des Virus verhindert werden kann. Damit droht zwar keine globale Rezession, aber die Wachstumsraten werden wohl etwas unter den noch zu Jahresbeginn prognostizierten liegen.

Fazit:
Alles in allem stehen die Chancen gut, dass auch das Börsenjahr 2020 einen positiven Verlauf nehmen kann. Vorausgesetzt, dass sich geopolitisch nicht neue Krisenherde auftun oder altbekannte wieder eskalieren. Und auch vorausgesetzt, dass die Ausbreitung des Coronavirus eingedämmt werden kann. Dann kann auch zum Ende des Jahres 2020, wie schon Ende 2019, der Investor, der an der Börse investiert war, sagen:

„Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein!“