Weltbild im Juli 2020

Ein Blick zurück – aktueller denn je?

Seit nun einem Jahr kommentiere ich an dieser Stelle aktuelle Entwicklungen an den Kapitalmärkten und in der Politik. Zum einen in den Wochenklängen, in denen – stets mit musikalischer Untermalung – Entwicklungen wie der Handelskrieg, die Niedrigzinsen, der Brexit oder seit einiger Zeit die Corona-Pandemie beleuchtet und ihre direkten Auswirkungen für Investoren analysiert werden. Im monatlichen Weltbild geht der Blick hingegen etwas weiter, hier geht es um Entwicklungen, die mittel- bis langfristig die Wirtschaft und die Welt beeinflussen.

Heute nach einem Jahr mit zahlreichen Verwerfungen, hervorgerufen durch die Ausbreitung des Coronavirus, führt uns der Blick zurück zu der Erkenntnis: Die Pandemie zeigt wie durch ein Brennglas die gesellschaftlichen und politischen Tendenzen. Sie sorgt zudem dafür, dass einige Trends, die ich in den in Weltbildern skizziert habe, zusätzliche Dynamik entfaltet und sich beschleunigt haben.

Kurz und knapp:

  • Der von den USA angezettelte Handelskrieg mit China hat bereits Zweifel an der ungebremsten Globalisierung hervorgerufen. Die Corona-Pandemie hat nun sehr deutlich den Finger in die Wunde gelegt, die Folge dürfte eine leichte De-Globalisierung sein.
  • China baut seine Machtposition immer konsequenter und rücksichtsloser aus, die Beziehungen zwischen Washington und Peking sind dadurch auf einem neuen Tiefpunkt angelangt. Die EU scheut als wichtigster Handelspartner noch den Konflikt mit China.
  • Die schon vorher stark gestiegene Schuldensituation von Unternehmen und Staaten hat sich durch die Pandemie noch einmal deutlich verschlechtert, immer mehr Länder stoßen an ihre Leistungsgrenze.
  • Die EU hat sich jüngst zu einem gigantischen Hilfs- und Finanzpaket mit einem Gesamtvolumen von 750 Milliarden Euro durchgerungen. Dies könnte und sollte der längst überfällige erste Schritt zu einer Wirtschafts- und Fiskalunion sein, um in Zukunft neben den Machtblöcken USA und China ernstgenommen zu werden.
  • Die „Japanisierung“ der Wirtschaft hat nun endgültig den Rest der Welt erfasst, die Zinsen werden auf absehbare Zeit sehr niedrig bleiben. Gewachsene Bündnisse, politisch und wirtschaftlich, sind brüchig geworden und nationale Egoismen haben zugenommen. Zudem bestehen die Herausforderungen hinsichtlich Klimaschutz und demographischer Wandel in den Industrieländern unverändert weiter.
  • In dieser Zeit der Unsicherheiten und andauernden Niedrigzinsen konnte Gold seinem Nimbus als Krisenmetall gerecht werden und neue historische Höchstkurse erklimmen.
  • Das macht Anlageentscheidungen schwieriger und komplexer und erfordert neues Denken.

Die letzten zwölf Monate waren sehr politische Monate. Der von den USA angezettelte Handelskrieg mit China hat Zweifel an der ungebremsten Globalisierung hervorgerufen. Macht es Sinn, Lieferketten immer weiter zu globalisieren, Vorprodukte zu immer günstigeren Kosten aus den noch so entlegensten Winkeln der Erde zu beziehen? Macht es zudem Sinn, die Lagerhaltung immer weiter zurückzufahren und das just-in-time-Prinzip, Vorprodukte erst dann zu beziehen, wenn sie in der Produktion benötigt werden, zu perfektionieren? Das geht nur so lange gut, wie Lieferketten störungsfrei funktionieren und zudem nicht durch Strafzölle verteuert werden. Die Corona-Pandemie hat sehr deutlich den Finger in die Wunde gelegt: Der wochenlange Lockdown in China hat Lieferketten unterbrochen, Engpässe bei so wichtigen Produkten wie Schutzausrüstungen für Krankenhäuser oder Medikamente wurden offensichtlich. Unternehmen werden für die Zukunft ihre Lieferketten überdenken und die Internationalisierung reduzieren müssen. Lieferketten werden wieder vermehrt regional aufgebaut. Zudem müssen die Unternehmen die über Jahre zurückgefahrene Lagerhaltung wieder aufbauen, um kurzfristige Störungen kompensieren und die Produktion aufrecht erhalten zu können. Die Globalisierung wird nicht zurückgefahren, dafür ist die Weltwirtschaft zu sehr vernetzt. Aber es findet eine leichte De-Globalisierung statt, die schon vor dem Handelsstreit eingesetzt hat und sich durch die Corona-Pandemie noch einmal verstärken dürfte.

Der Vormarsch Chinas war ein Thema im Weltbild im August vergangenen Jahres. China baut seitdem seine Machtposition immer konsequenter und rücksichtloser aus. Das erst vor wenigen Wochen verabschiedete „Sicherheitsgesetz“ für Hongkong ist ein erschreckendes Beispiel dafür. Damit wird Hongkong faktisch der Rechtsprechung der Volkrepublik unterstellt. Und damit wird auch die bis zum Jahr 2047 geltende Vereinbarung mit Großbritannien bei Übergabe der ehemaligen Kronkolonie an China 1997 – ein Land, zwei Systeme - mit einem Federstrich beseitigt. Der Protest aus dem Ausland hält sich in Grenzen, lediglich Großbritannien als ehemalige Kolonialmacht und die USA und haben mit Sanktionen darauf reagiert. Erst in den letzten Tagen hat sich der Konflikt mit den USA weiter zugespitzt. Die USA haben die Schließung des chinesischen Konsulates in Houston angeordnet, angeblich wegen Spionagetätigkeiten. Die Reaktion folgte prompt. Nur wenige Stunden später ordnete China die Schließung des US-Konsulates in Chengdu in der Provinz Sichuan an. Damit sind die politischen Beziehungen beider Länder auf einem neuen Tiefpunkt angelangt.

Die Europäische Union hingegen scheut den Konflikt mit China, und das aus mehreren Gründen: China ist ein extrem wichtiger Handelspartner für die Europäische Union. Das gesamte Handelsvolumen der EU-Länder mit China (Importe und Exporte) betrug im Jahr 2018 604 Milliarden Euro, Platz zwei knapp hinter den USA. Ein Drittel davon entfiel auf Deutschland. Deutsche Maschinen und Autos sind im Ausland, vor allem in China, sehr begehrt. Deutsche Unternehmen haben zudem in China viele Produktionsstätten aufgebaut, die ihnen Vorprodukte oder günstiger hergestellte Endprodukte liefern. China ist damit der wichtigste Partner im Außenhandel für Deutschland. Mit keinem anderen Land der Welt betreibt Deutschland mehr Außenhandel als mit China. Der politische Protest gegen das Verhalten Chinas ist daher auch immer ein Ritt auf der Rasierklinge, zu sehr ist die Wirtschaft der Eurozone und vor allem Deutschlands von China abhängig. Umso mehr, als sich die USA während der Präsidentschaft Trumps als immer unberechenbarer und unzuverlässiger gezeigt hat.

Auch die stark steigende Verschuldung, bei Unternehmen wie auch bei Staaten, war ein Thema im Weltbild im Juli vor genau einem Jahr. Bereits im Sommer vergangenen Jahres warnte die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), die „Zentralbank der Zentralbanken“, vor der steigenden Verschuldung. Gerade im Unternehmenssektor würde durch die Niedrigzinspolitik der Notenbanken eine „Zombifizierung“ der Wirtschaft erfolgen, Unternehmen würden durch niedrige Zinskosten künstlich am Leben gehalten. Seitdem hat sich die Schuldensituation bei Unternehmen deutlich verschlechtert, die Corona-Pandemie hat vor allem im abgelaufenen Quartal zu einer rekordhohen Zunahme der Schulden durch neu emittierte Anleihen geführt. Auch bei Staaten hat sich die Schuldensituation teils dramatisch verschlechtert. Länder wie Italien stoßen an ihre Leistungsgrenze, weil die ohnehin schon angespannte Schuldensituation durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie aus dem Ruder zu laufen droht. Auch in anderen Ländern der Eurozone wie Frankreich wird die Schuldenquote Ende des Jahres deutlich über 100 Prozent der Wirtschaftsleistung liegen.

Dem versucht die Europäische Kommission durch ein gigantisches Hilfs- und Finanzpaket – teils durch nicht zurückzuzahlende Zuschüsse – entgegen zu wirken. Der mühsam ausgehandelte Kompromiss auf dem EU-Gipfel Mitte Juli, mit dem zwar das Gesamtvolumen von 750 Milliarden Euro verabschiedet wurde, enthält allerdings einen höheren Anteil an Krediten an die jeweiligen Länder als ursprünglich geplant. Erstmalig tritt dabei die Europäische Kommission als Anleiheemittent am Kapitalmarkt auf – ein erster Schritt zur Wirtschafts- und Fiskalunion? Wünschenswert wäre es, damit Europa als Ganzes politisch und wirtschaftlich gestärkt aus der Krise hervorgeht. Stärke, die notwendig ist, um neben den Machtblöcken USA und China ernstgenommen zu werden. Deutschland hat im Gegensatz zu anderen Ländern innerhalb der EU die letzten Jahre eine sehr solide, wenn nicht sogar sparsame Haushaltspolitik betrieben. Die „schwarze Null“ war das Mantra der Finanzminister, egal ob von der CDU oder der SPD. Das gibt Deutschland heute bei einer Staatsverschuldung in Relation zur Wirtschaftsleistung von 60 Prozent per Ende letzten Jahres genug Spielraum, die finanziellen Herausforderungen der Corona-Pandemie aus eigener Kraft zu schultern. Durch das selbst auferlegte Spardiktat sind jedoch viele Zukunftsinvestitionen auf der Strecke geblieben – ob der Breitbandausbau, der Ausbau der erneuerbaren Energien oder die Sanierung des maroden Straßennetzes: Deutschland hinkt in vielen Dingen hinterher und riskiert seine Wettbewerbsfähigkeit. Auch das war bereits ein Thema im Weltbild November, und auch hier legt die Corona-Pandemie die Dringlichkeit und den Nachholbedarf schonungslos offen.

Flankiert werden diese Maßnahmen von der Europäischen Zentralbank (EZB), die bereits seit Jahren eine Nullzinspolitik fährt und wieder massiv Staatsanleihen am Markt kauft. Wer hoffte, dass der Wechsel an der Spitze der EZB von Mario Draghi zu Christine Lagarde einen Wechsel der Geldpolitik und damit Aussichten auf wieder nennenswerte Zinserträge mit sich bringt, wurde enttäuscht. Auch bei diesem Thema im Weltbild im Oktober zeigt sich: Lagarde fährt eine Geldpolitik wie nie zuvor und selbst zu Zeiten von Mario Draghi unvorstellbar. Corona macht das unvorstellbare möglich. Das Unvorstellbare ist in einigen Bereichen Realität geworden. In meiner über 30-jährigen Tätigkeit an den Kapitalmärkten dachte ich, bereits alles Vorstellbare gesehen und erlebt zu haben. Jahrzehntelange Gesetzmäßigkeiten, alte Muster aber gelten nun nicht mehr – das war bereits nach der Finanzkrise 2008/2009 teilweise der Fall und hat sich durch die Corona-Pandemie noch verstärkt. Die „Japanisierung“ der Wirtschaft hat den Rest der Welt erfasst, die Zinsen werden auf absehbare Zeit sehr niedrig bleiben. Gewachsene Bündnisse, politisch und wirtschaftlich, sind brüchig geworden. Nationale Egoismen nehmen zu. Die Verschiebung der Machtpole hin zu China hat an Dynamik gewonnen. Darüber hinaus bestehen die Herausforderungen hinsichtlich Klimaschutz und demographischer Wandel in den Industrieländern, ein Thema im Weltbild im Dezember, unverändert weiter.

In diesen 12 Monaten zunehmender Unsicherheiten, Rekordrezession und Abstürzen an den Aktienmärkten gab es jedoch einen Anker der Stabilität: Gold. Bereits im Weltbild im September habe ich über die Faszination des Gelben Metalls geschrieben und Gold als notwendigen Bestandteil der Vermögensallokation herausgestellt. Der Goldpreis konnte in den letzten Tagen neue historische Höchstkurse über dem Niveau der Finanzkrise 2011 erreichen. Die Nachfrage nach Gold in Form von Münzen und Barren stieg nach Angaben des Goldhändlers Degussa seit März deutlich an – nach Toilettenpapier horten die Deutschen jetzt Gold. Aber auch Investments in mit physischem Gold hinterlegten börsennotierten Gold-ETFs sind sehr begehrt, die Goldbestände dieser Investmentform liegen mit aktuell 3.300 Tonnen 800 Tonnen über dem Niveau der Finanzkrise 2011.

Fazit:
Die aktuellen Entwicklungen machen Anlageentscheidungen zunehmend schwieriger und komplexer und erfordern neues Denken. Wir denken mit Ihnen und für Sie und werden Ihnen in der aktuell schwierigen und auch in der nach Corona herausfordernden Zeit ein zuverlässiger und guter Partner sein. Damit verabschiedet sich das Weltbild in den wohlverdienten Sommerurlaub. Bleiben Sie gesund, wir lesen uns im September an gewohnter Stelle wieder.