Weltbild im Juni 2020

Zwischen FOMO und TINA

Nein, liebe Leser, bei FOMO handelt es sich nicht um eine neuartige Knetmasse für Kinder und mit TINA ist auch nicht die Freundin der Zeichentrickfigur Bibi Blocksberg gemeint. Vielmehr handelt es sich um zwei Abkürzungen, die ganz gut die gegenwärtige starke Kursrallye internationaler Aktien erklären können.

Der Begriff FOMO bedeutet „Fear of missing out“ – die Angst, etwas zu verpassen. Ursprünglich beschreibt dies das Verhalten Jugendlicher im Zeitalter von Social Media wie Facebook, Instagram oder Snapchat. Die Symptome werden dabei wie folgt beschrieben:

Unsicherheit: Handele ich richtig, wenn ich sehe, wie die anderen handeln?
Stress: hervorgerufen durch die Angst, etwas zu verpassen
Druck: der Druck, selbst etwas tun zu müssen

Kurz und knapp:

  • „Fear of missing out“ (FOMO) – die Angst etwas zu verpassen und der Druck, etwas tun zu müssen, trieben Investoren in den Aktienmarkt, die Hausse nährte die Hausse. Die Kauflaune wurde befeuert durch die massiven Hilfs- und Konjunkturprogramme, vor allem aber durch die offenen Geldschleusen der Notenbanken.
  • Gleichzeitig erleben wir die tiefste globale Wirtschaftskrise seit den 1930er Jahren. Zwar dürfte sich die Konjunktur im zweiten Halbjahr deutlich erholen. Bis jedoch das Niveau vor der Corona-Pandemie erreicht wird, dauert es wohl bis weit ins Jahr 2021 hinein.
  • Hier kommt TINA ins Spiel – „There is no alternative“. Angesichts der schon seit Jahren andauernden Phase von Niedrig- und sogar Negativzinsen werden Aktien schon lange als alternativlos bezeichnet.
  • Auch aktuell erzielen Investoren bei Aktien eine Risikoprämie, die Differenz zwischen Gewinn- und Anleiherendite, von vier Prozent. Aktien erwirtschaften also trotz ihrer hohen Bewertung heute immer noch höhere Renditen als Anleihen, ganz im Unterschied zum Anfang der 2000er Jahre.
  • Wer sicherheitsorientiert anlegen will, kommt dennoch an Anleihen nicht vorbei, auch wenn dies zu Lasten der Rendite geht. Wer wiederum renditeorientiert anlegen will, kommt an Aktien langfristig nicht vorbei und muss bereit sein, entsprechende Risiken einzugehen.

Die weltweiten Aktienmärkte sind in diesem Jahr in wahrlich historische Dimensionen vorgestoßen: Auf den absoluten Rekord Mitte Februar folgte der schnellste Bärenmarkt seit Kriegsende. So hat zum Beispiel der Deutsche Aktienindex (DAX) in nur 20 Handelstagen knapp 40 Prozent an Wert verloren. Genauso rasant ging es auch wieder nach oben: Nach nur 18 Handelstagen war der Bärenmarkt mit über 20 Prozent Kursgewinn schon wieder Geschichte. Bis Anfang Juni konnte der DAX sogar 50 Prozent zulegen und lag damit nur knapp unter seinem vorherigen historischen Höchstkurs. Andere Indizes zeigten eine ähnliche Entwicklung, der US-Technologieindex Nasdaq konnte sogar sein bisheriges Rekordhoch übertreffen.

Dies ist umso erstaunlicher, da diese Kursrally in die Zeit der tiefsten globalen Wirtschaftskrise seit den 1930er Jahren fällt: wirtschaftlicher Stillstand über mehrere Wochen, Massenarbeitslosigkeit in den USA, Rekordkurzarbeit in Deutschland, Einbruch bei den Auftragseingängen und der Industrieproduktion wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Zwar dürfte sich die Wirtschaft im zweiten Halbjahr deutlich erholen. Bis jedoch das Niveau vor der Corona-Pandemie erreicht wird, dauert es wohl bis weit ins Jahr 2021 hinein.

Das alles sieht und weiß der Anleger, trotzdem steigen die Kurse rasant. Die Kauflaune wurde befeuert durch die massiven Hilfs- und Konjunkturprogramme, vor allem aber durch die offenen Geldschleusen der Notenbanken. Seit Ende Februar hat die amerikanische FED die unvorstellbare Summe von 3.000 Milliarden US-Dollar in die Märkte gepumpt, von der europäischen EZB kamen 1.200 Milliarden Euro. In Kombination mit den seit einigen Wochen eingeleiteten Lockerungsmaßnahmen stieg damit die Hoffnung auf eine baldige wirtschaftliche Erholung. Seit Mitte Mai war zudem eine regelrechte „Trash-Rally“ zu beobachten. Unternehmen, die durch den Lockdown am stärksten getroffen wurden, konnten besonders stark zulegen: Touristik-Unternehmen wie die deutsche TUI oder der US-Kreuzfahrtanbieter Carnival verdoppelten sich im Kurs, die Aktien des Flugzeugbauers Airbus konnten trotz der Krise der Fluggesellschaften und des Streits mit den USA um Subventionen genau wie die Anteile des Schweizer Betreibers von weltweiten Duty-Free-Shops Dufry zwischenzeitlich um 60 Prozent zulegen.

Für die Psyche der Investoren keine leichte Zeit, angesichts der realwirtschaftlichen Umstände. Diejenigen, die den Zug verpasst hatten, wurden unsicher: Ist es richtig, nicht investiert zu sein, während viele andere kaufen? Die Angst etwas zu verpassen und der Druck etwas zu tun, trieben auch diese Investoren letztlich in den Markt, die Hausse nährte die Hausse. Die letzten Tage haben allerdings gezeigt, dass FOMO auch in die andere Richtung wirkt. Sobald Gewinnmitnahmen und Zweifel an einer sehr schnellen konjunkturellen Erholung die Kurse wieder spürbar drücken, wird die Psyche der Anleger erneut geprüft: Bleibe ich investiert oder folge ich dem Trend und verkaufe ebenfalls? Zumal die Bewertungen der internationalen Indizes gemessen an den erwarteten Unternehmensgewinnen so hoch sind wie zuletzt während der Technologieblase im Jahr 2000.

Und hier komm TINA ins Spiel – „There is no alternative“.

Angesichts der schon seit Jahren andauernden Phase von Niedrig- und sogar Negativzinsen wurden Aktien lange als alternativlos bezeichnet. Zumindest im liquiden Kapitalmarkt warfen sichere Anlagen keine Rendite mehr ab, die es mit der von Aktien hätte aufnehmen können. Angesichts der höchsten Bewertung von Aktien seit 20 Jahren wurde diese „Alternativlosigkeit“ allerdings immer wieder hinterfragt. Wie sieht es heute vor dem Hintergrund der Corona-Krise aus?

Aktien sind Risikoinvestments. Investoren beteiligen sich mit dem Kauf einer Aktie an einem Unternehmen. Als Miteigentümer profitieren sie vom unternehmerischen Erfolg und werden mit Kursgewinnen und Dividenden am Erfolg beteiligt. Gleichzeitig tragen sie aber auch ein unternehmerisches Risiko, das sich durch Kürzung oder sogar einen kompletten Ausfall der Dividendenzahlung sowie einem Wertverlust – im Konkursfall bis hin zum Totalverlust – widerspiegelt. Aktien stehen dabei in Konkurrenz zu Anleihen, bei denen man nicht Miteigentümer, sondern Kreditgeber ist. Im Gegensatz zu Aktien gibt es ein festes Zahlungsversprechen des Schuldners, also eines Unternehmens oder auch Staates, was Zinsen und Rückzahlung anbelangt.

Die grundsätzliche Frage lautet dabei: Wird das Risiko bei Aktien besser honoriert als das von risikolosen Anlagen in Form von Staatsanleihen bester Qualität? Auf den ersten Blick lässt sich die Frage schwer beantworten, da Kursgewinne von Aktien genauso unsicher sind wie die Dividenden, bei Anleihen hingegen die Rendite bei einem Investment bis zum Ende der Laufzeit feststeht. Um es doch vergleichbar machen zu können, wird die Gewinnrendite einer Aktienanlage ermittelt. Dafür wird der Umkehrwert des Kurs-Gewinn-Verhältnisses (KGV) errechnet. Das KGV drückt aus, mit dem Wievielfachen des zu erwarteten Gewinns ein Unternehmen an der Börse bewertet wird. Wird beispielsweise ein Unternehmen aktuell mit dem 20-fachen des erwarteten Gewinns bewertet, liegt die Gewinnrendite bei fünf Prozent. Diese Gewinnrendite ist aussagekräftiger als die Dividendenrendite. Bei der Dividende können die Unternehmen stärker eingreifen, zum Beispiel kann nur ein Teil des Gewinns als Dividende ausgezahlt werden oder es kann mehr als der Gewinn als Dividende und damit zum Teil aus der Substanz gezahlt werden.

Betrachten wir also die Gewinnrendite von Aktien im Vergleich zur Rendite von Staatsanleihen am Beispiel der USA. Die Bewertung des S&P500 liegt aktuell beim knapp 22-fachen des erwarteten Jahresgewinns der im Index enthaltenen Unternehmen – ein stolzer Wert. Eine ähnlich hohe Bewertung gab es zuletzt im Frühjahr 2000 kurz vor dem Platzen der Technologieblase. Der Durchschnitt der letzten 20 Jahre liegt bei 16,2. Wem die aktuelle Bewertung zu teuer erscheint, der schaut sich risikolose Alternativen an, zum Beispiel die Rendite 10-jähriger amerikanischer Staatsanleihen. Sie bieten aktuell eine Rendite von 0,7 Prozent – verglichen mit einer Gewinnrendite bei US-Aktien von 4,7 Prozent (der Umkehrwert des Kurs-Gewinn-Verhältnisses (KGV) von 21,4) also deutlich niedriger. Investoren erzielen nach dieser Kalkulation bei Aktien damit eine Risikoprämie, die Differenz zwischen Gewinnrendite und Anleiherendite, von 4,0 Prozent. Nicht üppig in Anbetracht des Risikos, aber doch deutlich positiv. Dennoch: Eine garantierte Rendite bei Aktien gibt es nicht, sie kann sowohl höher als auch niedriger ausfallen.

Vor 20 Jahren, als US-Aktien ähnlich bewertet wurden wie heute, lag die Rendite der Staatsanleihen hingegen bei 6,4 Prozent. Das Investment in Aktien bot damals weniger Rendite als bei sicheren Anleihen und war dementsprechend keine Alternative. Wer das damals erkannt und Aktien gemieden hat, dem blieb ein Kursverlust von US-Aktien von über 40 Prozent in den folgenden zweieinhalb Jahren erspart.

In der Grafik sieht man, dass Aktien trotz ihrer hohen Bewertung und der daraus resultierenden niedrigen Gewinnrendite immer noch mehr Rendite erwirtschaften als Anleihen, ganz im Unterschied zum Anfang der 2000er Jahre.

Fazit: TINA – die Alternativlosigkeit von Aktien – gilt nur eingeschränkt.
Wer sicherheitsorientiert anlegen will, kommt an Anleihen nicht vorbei, auch wenn dies zu Lasten der Rendite geht. Wer wiederum renditeorientiert anlegen will, kommt an Aktien langfristig nicht vorbei und muss bereit sein, entsprechende Risiken einzugehen. Vielleicht nicht heute oder morgen, aber die Aussicht auf weiter niedrige Zinsen bei Staatsanleihen lässt Aktien auf längere Sicht zur Erzielung einer spürbar positiven Rendite tatsächlich alternativlos erscheinen. Auch wenn dieser Begriff mittlerweile ziemlich abgedroschen ist.