Weltbild im März 2020

Pandemie und Panik

Seit letzter Woche ist es offiziell: Die Weltgesundheitsbehörde WHO hat die aktuelle Coronavirus-Epidemie zur Pandemie erklärt. Per 16. März 2020 waren weltweit in 150 Ländern über 167.511 bestätigte Infektionen gemeldet. Mittlerweile sind mehr Menschen außerhalb Chinas mit dem Virus infiziert als im Ursprungsland selbst. Das Epizentrum liegt derzeit in Europa, knapp zwei Drittel der Infizierten außerhalb Chinas sind dort registriert. Die Kapitalmärkte, schon seit einiger Zeit im Krisenmodus, haben nun endgültig in den Panikmodus geschaltet.

Kurz und knapp:

  • Mit dem Wechsel des Epizentrums der Corona-Pandemie von China nach Europa haben die Kapitalmärkte endgültig in den Panikmodus geschaltet, historische Kursverluste in Frankfurt und an der Wall Street waren die Folge.
  • Das öffentliche und damit auch wirtschaftliche Leben in Europa ist zum Stillstand gekommen. Eine Rezession der bereits 2019 durch den US-chinesischen Handelsstreit belasteten europäische Wirtschaft dürfte unausweichlich sein.
  • Teils drastische Maßnahmen der Notenbanken konnten die Märkte bislang nicht beruhigen, es braucht eine konzertierte Aktion von Regierungen und Zentralbanken, ähnlich wie in der Finanzkrise 2008.
  • Wir rechnen auch in den nächsten Wochen mit einer hohen Volatilität, verbunden mit dem Risiko weiterer Kursverluste. Eine Chance auf eine nachhaltige Erholung besteht erst, wenn die Zahl der Neuinfektionen in Europa und den USA ihren Höhepunkt erreicht hat.
  • Für den Langfristanleger bieten die stark gefallenen Kurse durchaus wieder selektiv interessante Einstiegschancen bei Aktien von Unternehmen mit technologischen Alleinstellungsmerkmalen und solche mit soliden Bilanzstrukturen und attraktiven Dividendenausschüttungen.

Aktienmärkte mit historischen Kursverlusten
Investoren verkaufen nahezu alle schnell liquidierbaren Vermögenswerte: Aktien, Unternehmensanleihen und sogar Gold wird massiv verkauft. Im Gegenzug wird Sicherheit gesucht: im Schweizer Franken und in sicheren Staatsanleihen wie denen von Deutschland und den USA. Nicht nur das Ausmaß der Kursverluste, sondern vor allem die Schnelligkeit überrascht dabei: In nur 18 Handelstagen hat zum Beispiel der Deutsche Aktienindex (DAX) vom historischen Höchstkurs am 19. Februar knapp 40 Prozent an Wert verloren. Allein am Donnerstag vergangener Woche lag der Verlust bei 12,2 Prozent – der zweithöchste Tagesverlust seit Einführung des Index im Jahr 1987. Anderen Börsen erging es nicht besser: US-Aktien haben am Montag ebenfalls rund 12 Prozent verloren, der höchste Tagesverlust seit 1987. Weltweit wurde seit Mitte Februar die gigantische Summe von über 20.000 Milliarden US-Dollar Börsenwert vernichtet – das entspricht in etwa der Jahreswirtschaftsleistung der USA.

Corona: von China um die Welt
Seit der offiziellen Statistik, beginnend am 21. Januar 2020, hat sich das Coronavirus zuerst nahezu ausschließlich in China verbreitet. Ursprung und die am stärksten betroffene Region war Wuhan in der Provinz Hubei. Bis Mitte Februar wurden zudem nur einige hundert Infektionen in Nachbarländern verzeichnet. Auch wenn die chinesische Volkswirtschaft dadurch spürbar in Mitleidenschaft gezogen wurde, ging man bis Mitte Februar jedoch noch von einem temporären und vor allem regionalen Problem aus. Mit der Ausweitung der Epidemie vor allem nach Europa nahmen jedoch die Sorgen um die Auswirkungen auf Unternehmen und die globale Wirtschaft massiv zu, was zu dem Ausverkauf an den Kapitalmärkten in den vergangenen Wochen führte.
Mittlerweile haben Regierungen weltweit teils drastische Maßnahmen ergriffen, um die schnelle Verbreitung des Virus zu verhindern: Ausgangssperren, Einreiseverbote, Geschäfte werden geschlossen, Veranstaltungen verboten und Öffnungszeiten von Restaurants eingeschränkt. Lediglich Supermärkte, Apotheken und Tankstellen dürfen noch öffnen. Es geht mittlerweile nicht mehr darum, den Virus aufzuhalten, sondern um die Verlangsamung seiner Verbreitung. Damit soll verhindert werden, dass Kliniken an ihre Kapazitätsgrenze kommen und nicht mehr alle Infizierten aufnehmen und entsprechend behandeln können.

Was sind die wirtschaftlichen Auswirkungen?
Das wirtschaftliche Leben in Europa kommt zum Stillstand. Eine Situation, wie es sie nach dem zweiten Weltkrieg noch nie gegeben hat. Gerade die europäische Konjunktur, die bereits im letzten Jahr unter dem US-chinesischen Handelsstreit besonders gelitten hat, wird davon stark getroffen. Eine Rezession in Europa ist wohl unausweichlich. Regierungen schnüren derweil Rettungspakete, um die besonders betroffenen Branchen Tourismus und das Hotel- und Gaststättengewerbe zu unterstützen. Auch in den USA, wo bisher 1.678 Infizierte registriert wurden, deuten sich ähnliche Konsequenzen für das öffentliche Leben an wie in Europa. Damit dürfte die größte Volkswirtschaft der Welt ebenfalls spürbar in Mitleidenschaft gezogen werden.

Was kann den Kursverfall stoppen?
In erster Linie natürlich eine Eindämmung der Pandemie und ein deutlicher Rückgang der Neuinfektionen. In China kann man bereits erkennen, dass die drastischen Maßnahmen einer wochenlangen Quarantäne von über 60 Millionen Menschen in der Provinz Hubei Wirkung zeigen. Es werden kaum noch Neuinfektionen gemeldet, zudem sind viele der Infizierten bereits genesen. Das zum Stillstand gekommene wirtschaftliche Leben in China normalisiert sich allmählich wieder. Ähnlich wie die Regierungen haben auch die Zentralbanken auf die Krise reagiert, teils mit drastischen Maßnahmen. Die amerikanische Notenbank FED hat in einem beispiellosen Schritt die Leitzinsen auf nahezu null gesenkt – zwei Zinsschritte von insgesamt 1,5 Prozentpunkten innerhalb von zwei Wochen. Die Finanzmärkte konnten damit jedoch nicht beruhigt werden – im Gegenteil: Die Zinssenkung von einem Prozentpunkt am letzten Sonntag wurde sogar als Panikreaktion der Notenbanker gewertet. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) konnte mit ihren Maßnahmen nicht überzeugen. Sie helfen vor allem den Banken, die umfangreiche Liquiditätsspritzen erhalten, um die Kreditvergabe am Laufen zu halten. Es braucht unverändert eine konzertierte Aktion von Regierungen und Zentralbanken, ähnlich wie in der Finanzkrise 2008: Finanzhilfen für in Not geratene Unternehmen und arbeitsmarktpolitische Maßnahmen, um Entlassungen zu vermeiden. Eine Rezession kann damit zwar nicht verhindert, wohl aber abgefedert werden.

Wie schätzen wir die Lage kurzfristig ein?
Neben der Frage, wie stark sich die Pandemie noch ausweitet und wann der Höhepunkt erreicht sein wird, beschäftigt Investoren natürlich, welche Auswirkungen dies auf die Unternehmen und die Konjunktur haben wird. Kapitalmärkte schauen in die Zukunft und antizipieren zukünftige Entwicklungen. Und da wird derzeit eine Rezession mit deutlichen Gewinneinbrüche bei den Unternehmen eingepreist. Bei einem Kursverslust von 40 Prozent bei deutschen Standardaktien in den letzten drei Wochen stellt sich allerdings auch die Frage, wie viel eines solchen Zukunftsszenarios bereits in den aktuellen Kursen enthalten ist. Wir rechnen in den nächsten Wochen unverändert mit einer hohen Volatilität, auch das Risiko weiterer Kursverluste ist vorhanden. Eine Chance auf eine nachhaltige Erholung der Aktienkurse sehen wir erst, wenn die Zahl der Neuinfektionen in Europa und den USA ihren Höhepunkt erreicht hat.

Wie sollte man sich aktuell positionieren?
Für den Langfristanleger bieten die stark gefallenen Kurse durchaus wieder selektiv interessante Einstiegschancen bei Qualitätsaktien. Darunter verstehen wir Unternehmen, deren Geschäftsmodelle die aktuelle Krise überdauern werden. Also insbesondere solche mit technologischen Alleinstellungsmerkmalen und Unternehmen mit soliden Bilanzstrukturen und attraktiven Dividendenausschüttungen.

Fazit: Das Gesicht der Wirtschaft wird sich durch die Corona-Krise nachhaltig verändern
Der unerschütterliche Glaube in eine total globalisierte Wirtschaftswelt hat nicht erst durch die Corona-Pandemie Risse bekommen. Auch der Handelsstreit zwischen den USA und China hat bereits mögliche Probleme aufgezeigt. Unternehmen, die auf störungsfreie globale Lieferketten angewiesen sind, müssen diese nun überprüfen, Abhängigkeiten müssen reduziert werden. Die Vorratshaltung wichtiger Vorprodukte für die Weiterverarbeitung muss ausgebaut werden. Dies ist ein längerer Prozess, der das Gesicht der Wirtschaft in den nächsten Jahren verändern wird.