Weltbild im Mai 2020

Die Welt im Stillstand

Noch zu Beginn des Jahres trieben die Entspannung im US-chinesischen Handelsstreit sowie der vom britischen Parlament im Dezember beschlossene Brexit die Aktienmärkte auf neue historische Höchstkurse. Im Weltbild Februar schrieb ich daher auch „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche“ – allerdings nur für den Fall, dass eine Ausbreitung des Covid-19-Virus außerhalb Asiens verhindert werden kann. Wie wir jetzt wissen, kam es anders und die Anleger gerieten mit steigenden Infektionszahlen in Europa, Amerika und anderen Teilen der Welt in Panik. Erst die massiven Unterstützungen von Regierungen und Zentralbanken sorgten ab Mitte März wieder für eine deutliche Entspannung an den Aktienmärkten weltweit.

Kurz und knapp:

  • Durch die Corona-Krise droht die stärkste Rezession seit den 1930er Jahren, Massenarbeitslosigkeit in den USA und Kurzarbeit auf Rekordniveau in Deutschland sind die nur unmittelbaren Folgen des wirtschaftlichen Stillstands.
  • Immer mehr Länder haben Lockerungsmaßnahmen beschlossen und teilweise bereits umgesetzt. Damit steigt auch das Risiko einer zweiten Infektionswelle. Gelingt die erneute Eindämmung der Ausbreitung nicht, droht ein erneuter Lockdown.
  • Neben der Privatwirtschaft werden auch die öffentlichen Haushalte durch sinkende Steuereinnahmen und massive Ausgabensteigerungen belastet, steigende Verschuldungsquoten sind die Folge.
  • Die Folgen der Pandemie werden noch lange spürbar sein, trotz einer erwarteten wirtschaftlichen Erholung in 2021 dürften einige Volkswirtschaften noch sehr viel länger brauchen, um das Vorkrisenniveau wieder zu erreichen.

Im Kontrast zur Entwicklung an den Aktienmärkten befindet sich die Wirtschaft rund um den Globus im freien Fall. Nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) wird die Weltwirtschaft in diesem Jahr die stärkste Rezession seit den 1930er Jahren erleben. Der staatlich verordnete wochenlange Stillstand führt zu bisher unvorstellbaren Einbrüchen in der Industrie, aber in besonderem Maße auch im gesamten Dienstleistungssektor. Eine der unmittelbaren Folgen: Gerade in Ländern mit einem nicht so dichten sozialen Netz – dazu gehört auch die führende Wirtschaftsmacht USA – steigt die Zahl der Arbeitslosen rapide an. Seit März haben in den USA 33 Millionen Menschen ihren Job verloren, die Arbeitslosenquote stieg auf 14,7 Prozent, ein weiterer Anstieg über 20 Prozent wird von vielen Analysten befürchtet. In den Ländern der Eurozone konnten großzügige Maßnahmen zur Kurzarbeit zwar Massenarbeitslosigkeit verhindern, dafür haben zum Beispiel in Deutschland Unternehmen für zehn Millionen Mitarbeiter Kurzarbeit beantragt, drei Mal so viele wie während der Finanzkrise.

Wie geht die Entwicklung weiter?
Der Schlüssel liegt wie nicht anders zu erwarten in der weiteren Ausbreitung des Erregers Covid-19. Weitere Lockerungsmaßnahmen und damit eine allmähliche Normalisierung der Wirtschaft stehen und fallen mit der Entwicklung der bestätigten Neuinfektionen. Und da gibt es unterschiedliche Geschwindigkeiten: In Europa, ausgenommen Großbritannien, haben die früh und konsequent ergriffenen Maßnahmen zu einer deutlichen Reduzierung der Covid-19-Infektionen geführt. Es ist zwar manchmal verwirrend, worauf die Politik schaut – Verdopplungsraten oder Reproduktionszahl – der positive Trend nach unten hält bislang aber noch an. In den Grafiken sind beispielhaft Deutschland und Frankreich dargestellt, aber auch in den stark betroffenen Ländern Italien und Spanien ist die Entwicklung ähnlich. Die nächste Gruppe sind die Länder, in denen die Neuinfektionen zwar nicht mehr steigen, aber ein anhaltender Abwärtstrend noch nicht erkennbar ist. Die USA und Großbritannien sind dafür gute Beispiele. Die dritte Kategorie sind Länder, in denen die Gefahr lange unterschätzt oder sogar heruntergespielt wurde. Russland und Brasilien sind traurige Beispiele dafür.

Immer mehr europäische Länder haben nun erste Lockerungsmaßnahmen beschlossen und teilweise bereits umgesetzt. Geschäfte dürfen wieder öffnen, bald auch die Gastronomie und Hotels. Unterricht findet teilweise wieder in den Schulen statt und nicht mehr ausschließlich im Homeschooling. Unternehmen fahren die Produktion langsam wieder hoch. Damit verbunden ist zwar immer auch das Risiko, dass durch die Lockerungen eine erneute Infektionswelle ausgelöst wird, viele Wissenschaftler und das Robert-Koch-Institut rechnen sogar damit. Mit nur schrittweisen Lockerungen sowie weiter strengen Hygiene- und Abstandsregeln hofft man jedoch, diese Entwicklung eindämmen zu können. Nichts desto trotz, sollten sich wieder deutlich mehr Menschen infizieren, dürften erneute Lockdown-Maßnahmen die Folge sein.

Wie sind die wirtschaftlichen Auswirkungen?
Kurzfristig: verheerend. Die größte Rezession seit den 1930er Jahren und ein starker Anstieg der Arbeitslosigkeit. Unternehmen fahren Investitionen zurück und Menschen sparen, statt zu konsumieren. Gerade im Dienstleistungssektor droht eine umfangreiche Pleitewelle, aber auch Großunternehmen in besonders betroffenen Branchen wie Touristik und Luftfahrt müssen wohl staatlich gestützt werden. Dies schlägt auch auf die Konsumstimmung durch: In einer aktuellen Umfrage des Marktforschungsinstitutes GFK sagen ein Drittel der befragten Deutschen, dass sie für Kleidung, Autos und Luxusgüter weniger Geld ausgeben wollen. Ein Viertel der Befragten will sogar auf einen Urlaub verzichten. Zusätzlich hat sich das Einkaufsverhalten verändert: Im April wurden in Deutschland 70 Prozent der Käufe online getätigt – natürlich eine Folge der geschlossenen Einzelhandelsgeschäfte. Dennoch wird sich nach Ansicht der Marktforscher der Konsum noch stärker Richtung Online-Handel verschieben, zu Lasten des stationären Handels.

Neben der Privatwirtschaft werden auch die öffentlichen Haushalte durch sinkende Steuereinnahmen und massive Ausgabensteigerungen aufgrund der Stützungsmaßnahmen in Mitleidenschaft gezogen. Die öffentliche Verschuldung wird massiv ansteigen. Deutschland kommt dabei aufgrund der Sparpolitik der letzten Jahre relativ glimpflich davon, hier erwartet der IWF eine Schuldenquote von 75 Prozent in Relation zur Wirtschaftsleistung, nach 60 Prozent im Vorjahr. Länder wie Frankreich und die USA dürften aber eine Verschuldungsquote deutlich über 100 Prozent erreichen, Italien sogar 160 Prozent.

Wie sind die langfristigen Aussichten?
Das ist derzeit schwer zu prognostizieren. Unter der Annahme, dass es weitere Lockerungsmaßnahmen in Europa und nach einer Reduzierung der Neuinfektionszahlen auch in den USA gibt, rechnen die Experten des IWF mit einer deutlichen wirtschaftlichen Erholung im Jahr 2021. Trotz dieser werden viele Volkswirtschaften bis ins Jahr 2022 brauchen, um das Niveau von vor der Pandemie zu erreichen. In manchen Ländern dürfte es sogar noch länger dauern. Eine vollständige Normalisierung der gesamten Wirtschaft erwarten Wissenschaftler sowieso erst, wenn ein Impfstoff gegen den Erreger vorliegt.

Dies dürfte dazu führen, dass wir die Folgen noch lange spüren werden. Menschen werden weniger konsumieren und Unternehmen weniger investieren. Staaten werden versuchen, die stark gestiegene Verschuldung wieder zurückzufahren. Das geht nur durch Einsparungen oder Steuererhöhungen. Zudem zeigt die Covid-19-Pandemie eine größer werdende Kluft, wenn nicht sogar gesellschaftliche Risse: In den USA waren besonders ärmere Bevölkerungsschichten mit südamerikanischen und schwarzafrikanischen Wurzeln sowie der Niedriglohnsektor betroffen. Auch innerhalb der europäischen Union dürfte die Kluft größer werden, hier aber zwischen den „reichen“ Ländern im Norden mit stabilen Staatsfinanzen und den höher verschuldeten Ländern in der europäischen Peripherie im Süden. Die Diskussionen um eine stärkere Vergemeinschaftung der Fiskalpolitik bis hin zur gemeinschaftlichen Haftung dürften anhalten.

Zu guter Letzt:
Auch die Arbeitsbedingungen dürften sich infolge der Krise ändern. Die Erfahrungen aus dem wochenlangen Home-Office und Videokonferenzen statt Dienstreisen dürften bis in die Nach-Pandemie-Zeit wirken. Es ist zu erwarten, dass Tätigkeiten, die nicht unbedingt Arbeitsplatz-bezogen ausgeübt werden, zukünftig verstärkt auch von zu Hause aus erledigt werden. Der französische Autokonzern PSA hat bereits entsprechende Ankündigungen gemacht: Arbeitnehmer, die nicht in der Produktion arbeiten, sollen zukünftig begründen, warum sie ins Büro kommen. Und nicht, warum sie von zu Hause arbeiten. Sollte dies ein Trend werden, dürften verstopfte Straßen im Berufsverkehr seltener werden. Die Umwelt wird es uns danken – wenigstens eine gute Hinterlassenschaft der Pandemie.