Weltbild im September 2020

„Ladies and Gentlemen, the President of the United States“

"Not ›America First‹ but ›Democracy First‹ and ›Human Dignity First‹ is the slogan which will really lead America to first place in the world […]."

Thomas Mann, in Greensboro Daily News, 1941

Alle vier Jahre ist es soweit: Die führende Welt-, Wirtschafts- und Militärmacht wählt einen neuen Präsidenten. Wohl selten zuvor in der jüngeren Geschichte wurde diese Wahl mit größerer Spannung erwartet und so von Hoffnungen und Ängsten begleitet wie in diesem Jahr. Bevor ich auf die Wahl und mögliche Auswirkungen eingehe, einige grundsätzliche Informationen zum Wahlverfahren.

Wann wird in den USA gewählt?
Die Präsidentschaftswahl findet traditionell am „Dienstag nach dem ersten Montag im November statt“. Diese etwas kurios anmutende Terminierung hat historische Gründe: Der Termin liegt nach der Erntezeit, aber vor dem Winter, was die Anreise zu den Wahllokalen erleichterte. Der Sonntag fiel aus weltanschaulichen Gründen aus, Samstag war in der Regel Markttag. Den darauffolgenden Montag wollte man ebenfalls nicht. Donnerstags wird traditionell im Vereinigten Königreich gewählt – auch das wollte man vermeiden. Blieben also nur noch Dienstag und Mittwoch und man entschied sich für den Dienstag. Dieses Jahr findet die Wahl am 03. November statt.

Kurz und knapp:

  • Der republikanische Amtsinhaber Donald Trump ist durch sein Versagen in der Corona-Krise angeschlagen. Viele Versprechungen aus dem letzten Wahlkampf konnte er nicht einlösen. Stattdessen hat er mit einer Steuerreform, die vor allem Reiche und Unternehmen begünstigt, sowie seiner „Law and Order“-Politik in der aktuellen „Black Lives Matter“-Bewegung die Gesellschaft weiter gespalten.
  • Sein demokratischer Herausforderer Joe Biden genießt hohe Zustimmung in der afroamerikanischen Bevölkerung, sein Programm befriedigt sowohl links-liberale als auch Wähler aus der Mittelschicht. Er führt in Umfragen mit einem Vorsprung von fast zehn Prozentpunkten.
  • Aber Umfragewerte sind keine Wahlergebnisse. Wie die Wahl ausgehen wird, ist ungeachtet dieses Vorsprungs kaum prognostizierbar. Dennoch spricht vieles für einen Machtwechsel im Weißen Haus.
  • Für die Kapitalmärkte bedeutet die Wahl zumindest historisch gesehen nichts Schlechtes, egal wer gewinnt. Wahljahre waren immer gute Börsenjahre. Seit 1948 hat der S&P500 250 Tage vor der Wahl im Durchschnitt um 8,3 Prozent zulegen können, in den 250 Tagen danach um durchschnittlich 2,5 Prozent.
  • Der Gesundheitssektor sowie die erneuerbaren Energien könnten von einem Wahlsieg Bidens am stärksten profitieren. Zu den Verlierern dürften vor allem Unternehmen aus dem Bereich fossiler Energien gehören. Insgesamt aber dürfte die Agenda Bidens die US-Unternehmen eher belasten.
  • Entscheidend für die weitere Börsenentwicklung ist allerdings nicht die Frage, wie der nächste Präsident der USA heißt, sondern die zukünftige Geldpolitik der US-Fed. Nach ihrem Strategieschwenk zeichnet sich eine deutliche Verlängerung der aktuellen rekordtiefen Zinsphase ab – ein wesentlicher Unterstützungsfaktor für die Erholung der Wirtschaft und ein weiter positives Umfeld für Aktien.

Wer darf wählen?
Grundsätzlich ist jeder Amerikaner, der das 18. Lebensjahr vollendet hat und in einem der 50 Bundesstaaten seinen Wohnsitz hat, wahlberechtigt – unabhängig von Geschlecht, Rasse oder Religion. Klingt eigentlich ganz einfach. Ist es aber nicht. Und dafür gibt es mehrere Gründe: In den USA gibt es keine Melde- und Ausweispflicht, somit kein zentrales Wahlregister und keine einheitlichen Wahlgesetze. Stattdessen müssen sich die Bürger selbst in ein Wahlregister eintragen lassen und ihre Identität je nach Bundestaat mit unterschiedlichen Dokumenten nachweisen. Das können Sozialversicherungsausweise, Kreditkarten oder sogar Kreditverträge sein – teils ohne Lichtbild. Einigen Bundesstaaten, vor allem aus dem konservativen Süden, wird vorgeworfen, durch sehr hohe Restriktionen die Registrierung zu erschweren oder durch den Zuschnitt von Wahlbezirken sichere Mehrheiten „zurechtzuschneiden“.

Wie kommt das Ergebnis zustande?
Ist diese Hürde geschafft und ordnungsgemäß registrierte Wähler geben ihre Stimme ab, heißt das jedoch noch nicht, dass die Partei mit den meisten Stimmen auch den zukünftigen Präsidenten stellt. In den USA gilt die indirekte Wahl über ein Wahlmännergremium („Electoral College“). Die abgegebenen Stimmen in den jeweiligen Bundesstaaten bestimmen die Wahlmänner, die wiederum einige Wochen nach der eigentlichen Wahl den Präsidenten wählen. Dabei stimmen die Wahlmänner für den Kandidaten der Partei, die bei der „Popular Vote“, dem Wahlergebnis der Bürger, die Mehrheit erreicht hat. Es gilt das relative Mehrheitswahlrecht: „The Winner takes it all“ – unabhängig wie die Stimmenverteilung in dem jeweiligen Bundesstat ist. Bevölkerungsreiche Staaten haben dabei mehr Wahlmännerstimmen, dazu gehören an der Spitze Kalifornien mit 55, Texas mit 35, Florida und New York mit jeweils 29 Stimmen und Illinois und Pennsylvania mit jeweils 20 Stimmen. Diese sechs Staaten versammeln rund 35 Prozent der insgesamt 538 zu vergebenen Wahlmännerstimmen. Derjenige Kandidat, der die einfache Mehrheit der Wahlmännerstimmen erhält, wird Mitte Januar des Folgejahres zum neuen Präsidenten vereidigt.

Zählt Volkes Stimme?
In der Regel ja – aber es gibt auch Ausnahmen. Es kann durchaus sein, dass die abgegebenen Wählerstimmen eine Mehrheit für Kandidat A ergeben, aber die gewählten Wahlmänner aufgrund unterschiedlicher Stimmanteile der Bundesstaaten mehrheitlich Kandidat B zum Präsidenten wählen. Das war in der Nachkriegszeit bereits zweimal der Fall: Im Jahr 2000 bekam der Demokrat Al Gore mehr Wählerstimmen als der Republikaner George Bush. Die Besonderheit dieser Wahl war zudem, dass das Ergebnis in Florida äußerst knapp war. Erst nach drei Entscheidungen des Obersten Gerichtshofes wurden die Wahlmännerstimmen George Bush zugewiesen und er wurde Präsident. Auch bei der letzten Wahl hatte die Demokratin Hillary Clinton einen Vorsprung von knapp 2,9 Millionen Stimmen und holte 51,1 Prozent der gültigen Stimmen – dennoch wurde Donald Trump aufgrund der Stimmenmehrheit der Wahlmänner zum 45. Präsidenten der USA gewählt.

Wie ist die Ausgangslage in diesem Jahr?
In diesem Jahr fordert der Demokrat Joe Biden den republikanischen Amtsinhaber Donald Trump heraus. Während Trump bei seiner Wahl 2016 ohne vorheriges politisches Amt war, gehört Biden zum Establishment: Der 78-jährige war von 1973 bis 2009 Senator für den Staat Delaware, zweimal bewarb er sich bei den Demokraten als Präsidentschaftskandidat. In der Präsidentschaft Obamas war er Vizepräsident. Amtsinhaber Trump ist seit Wochen angeschlagen. Sein Versagen in der Corona-Krise hat dazu geführt, dass die USA zu den am stärksten betroffenen Ländern gehören. Viele Versprechungen aus dem letzten Wahlkampf – ob es die Mauer an der Grenze zu Mexiko war, aus US-Sicht bessere Freihandelsabkommen oder die Abschaffung der von seinem Vorgänger eingeführten Krankenversicherung – konnte er nicht einlösen. Stattdessen hat er mit einer Steuerreform, die vor allem Reiche und Unternehmen begünstigt, sowie seiner „Law and Order“-Politik in der aktuellen „Black Lives Matter“-Bewegung die amerikanische Gesellschaft weiter gespalten. Außenpolitisch hat Trump mit „America first“ in der Sicherheitspolitik und bei den Handelsbeziehungen viel Porzellan zerschlagen. Biden verfolgt ein anderes Programm, er gilt eher als Brückenbauer denn als Spalter. Ein Ausbau der Krankenversicherung, die Erhöhung des Mindestlohns sowie die Schaffung von zusätzlichen Arbeitsplätzen stehen in seinem Wahlprogramm. Auch die Bündnisstreue zur Nato und die Einheit mit Europa wird von ihm beschworen. Dennoch: Mit seiner aktuellen „Buy American“-Kampagne zum Schutz der heimischen Industrie zielt er auf die weiße Wählerschaft in traditionell industriellen Gebieten ab und schließt auch Strafzölle nicht aus. Biden spricht damit eher die linksliberale Wählerschaft sowie die Mittelschicht an, während Trump die Interessen der rechts-konservativen und nationalistisch eingestellten Wählerschaft bedient.

Was sagen die aktuellen Umfragen?
Für Amtsinhaber Trump sieht es aktuell nicht gut aus, die Zustimmungsraten für seine Politik sind seit Monaten niedrig. Die aktuelle Berichterstattung über die Verunglimpfung von im Krieg gefallenen Soldaten, sein Verhalten nach der Ermordung des Afroamerikaners George Floyd, dazu die aktuellen Veröffentlichungen über sein Verhalten zu Beginn der Corona-Pandemie – all das belastet seinen Wahlkampf. Hinzu kommt, dass in der aktuell schwersten Wirtschaftskrise eine Wiederwahl schwieriger wird. So hat Bill Clinton 1992 mit dem Spruch „It’s the economy, stupid“ in der damaligen Wirtschaftskrise die Wahl gegen Amtsinhaber George Bush sen. gewonnen, obwohl dieser nach dem Irak-Krieg ein Jahr zuvor noch Zustimmungswerte von über 90 Prozent erzielen konnte. Anders Herausforderer Biden: Er genießt hohe Zustimmung in der afroamerikanischen Bevölkerung, sein Programm befriedigt sowohl links-liberale als auch Wähler aus der Mittelschicht. Seit Wochen führt er in Wahlumfragen mit einem Vorsprung von fast zehn Prozentpunkten. Aber aus diversen Wahlen wissen wir: Umfragewerte sind keine Wahlergebnisse. So hat zum Beispiel bei der letzten Wahl die demokratische Kandidatin Hillary Clinton bis zuletzt in den Umfragen geführt, sie erzielte sogar die absolute Mehrheit der Wählerstimmen. Aufgrund des indirekten Wahlmännerverfahrens hat sie aber letztlich die Wahl doch recht deutlich verloren.

Wo wählt man eher demokratisch und wo republikanisch?
Beide Parteien haben ihre Stammwählerschaft; Bundesstaaten, in den traditionell demokratisch oder republikanisch gewählt wird. Bei den Demokraten sind es die amerikanische Westküste sowie die Staaten an der nördlichen Ostküste und das ehemalige industrielle Gebiet um die großen Seen im Nordosten der USA („Rust Belt“). Bei den Republikanern sind es die südlichen Bundesstaten und die eher landwirtschaftlichen Gebiete im Mittleren Westen („Corn Belt“). Daneben gibt es Bundesstaaten, in denen die Mehrheiten häufig wechseln – die sogenannten „Swing States“. Wichtigster Swing State ist Florida, in dem schon so manche Wahl entschieden wurde. 29 Wahlmännerstimmen sind dort zu vergeben – und wer die gewinnt, dessen Chancen auf den Gesamtsieg steigen.

Wie die Wahl ausgehen wird, ist ungeachtet des recht deutlichen Vorsprungs von Joe Biden, dem demokratischen Herausforderer, kaum prognostizierbar. Dennoch – vieles spricht für einen Machtwechsel im Weißen Haus.

Was bedeutet das für die Kapitalmärkte?
Eines vorweg – historisch gesehen nichts Schlechtes, egal wer gewinnt. Wahljahre waren immer gute Börsenjahre, und das betrifft sowohl die Zeit vor als auch nach der Wahl. Bei allen Wahlen seit 1948 hat der S&P500 250 Tage vor der Wahl im Durchschnitt um 8,3 Prozent zulegen können, in den 250 Tagen danach um durchschnittlich 2,5 Prozent. Eines ist allerdings bemerkenswert: In der Phase VOR der Wahl, in der dann ein republikanischer Präsident gewann, konnte die Börse mehr zulegen als beim Sieg eines Demokraten. In der Phase NACH der Wahl hingegen konnte bei einem demokratischen Sieg die Börse deutlich zulegen, während bei einem republikanischen Präsidenten es zu leichten Kursrückgängen kam.

Trump gilt als Lieblingskandidat der Wall Street, nach dem Motto: „Da weiß man, was man hat“. Zumal Trump mit einer großen Steuerreform (eins seiner wenigen eingelösten Wahlversprechen) vor allem die Unternehmen wesentlich entlastet hat. Er selbst prophezeit einen „Crash, wie es ihn noch nie gab“, falls er verliert. Sollte Biden gewinnen, dürfte dies jedoch keine großen Turbulenzen an den Märkten auslösen. Er ist weder ein Gegner der Wall Street noch ein Sozialist. Allerdings dürfte die politische Agenda der Kandidaten durchaus Branchen unterschiedlich bevorzugen bzw. belasten. Trump geht es um die Stärkung der Unternehmen aus dem Öl- und Gassektor. Er hat dutzende Umweltschutzbestimmungen zurückgenommen und ist aus dem Pariser Klimaschutzabkommen ausgetreten. Ganz im Gegensatz zu Biden: Er tritt für verschärfte Umweltschutzbestimmungen ein, plant riesige Investitionen in erneuerbare Energien und will den CO2-Ausstoß der USA deutlich reduzieren. Gegensätze gibt es auch in der Gesundheitspolitik: Während Trump die Krankenversicherung „Obamacare“ am liebsten komplett abschaffen würde, plant Biden massive Investitionen in diesen Bereich. Trump hat zudem die von Obama verschärfte Regulierung des Finanzsektors sowie strengere Verbraucherschutzregelungen deutlich gelockert. Biden plant diese Lockerungen teilweise wieder zurück zu nehmen.

Konkret heißt das: Unternehmen aus dem Gesundheitssektor wie auch aus dem Bereich erneuerbare Energien könnten von einem Wahlsieg von Joe Biden am stärksten profitieren. Zu den Verlierern dürften vor allem Unternehmen aus dem Bereich fossiler Energien gehören. Insgesamt dürfte die Agenda Bidens die amerikanischen Unternehmen allerdings eher belasten. Bidens Plan zur Erhöhung des Mindestlohns trifft viele Unternehmen aus dem Dienstleistungsbereich. Zudem will er die von Trump durchgesetzten Steuersenkungen teilweise zurücknehmen und die billionenschweren Aktienrückkäufe der Unternehmen erschweren.

In einem Bereich haben sich die Standpunkte von Trump und Biden jedoch angenähert: Ob „Make America great again“ von Trump oder „Buy American“ von Biden – beide wollen die heimische Wirtschaft und amerikanische Arbeitsplätze vor ausländischer Konkurrenz schützen, notfalls mit Strafzöllen. Ein deutlicher Schwenk hin zu einem wieder offeneren Welthandel ist somit auch unter Biden nicht zu erwarten.

Fazit: Egal ob Trump oder Biden, Hauptsache Powell bleibt locker!
Auch wenn die Wirtschaft eher republikanische Positionen bevorzugt und von den Maßnahmen Donald Trumps bisher profitiert hat – arrangieren können sich die Unternehmen der USA mit beiden. Und auch eines muss man auch berücksichtigen: Präsidenten können zwar gestalten, Schwerpunkte setzen, Entwicklungen fördern. Der „heimliche Herrscher“ sitzt jedoch nicht im Weißen Haus, sondern nur einen Steinwurf entfernt. In der „Constitution Avenue“ residiert die amerikanische Notenbank Fed. Sie wird mit ihren geldpolitischen Maßnahmen entscheidend für die Entwicklung der Kapitalmärkte auch nach der Wahl sein. Erst Ende August hat die Fed in der Abänderung ihres bisherigen Inflationsziel eine deutliche Verlängerung der aktuellen rekordtiefen Zinsphase angedeutet – ein wesentlicher Unterstützungsfaktor für die Erholung der Wirtschaft und ein weiter positives Umfeld für Aktien.

Unabhängig davon, wer der nächste „President of the United States“ wird.