Wochenklänge

"Money makes the world go around"

aus “Cabaret”, 1972

Von der einzigartigen Liza Minelli gesungen, beschreibt das Lied die Erinnerungen des britisch-amerikanischen Schriftstellers Christopher Isherwood, der als Homosexueller Anfang der 1930er Jahre das pulsierende Berlin besuchte und von seiner Atmosphäre und der Freizügigkeit fasziniert war. Es ist aber auch eine Zeit, in der Deutschland wirtschaftlich am Abgrund steht – nach Hyperinflation und Wirtschaftskrise sind rund sechs Millionen Menschen ohne Job, was damals einer Arbeitslosenquote von 30 Prozent entsprach. Die Regierungen wechseln regelmäßig, der Reichspräsident als

„Schattenkanzler“ regiert mit Notverordnungen und die Nationalsozialisten gewinnen massiv an Macht. In dieser dunklen Zeit sucht die Berliner Bevölkerung Zerstreuung in diversen, teils sehr freizügigen Revue-Shows. Allerdings nur die, die es sich leisten können.

„Money makes the world go around
It makes the world go 'round.
A mark, a yen, a buck or a pound

Is all that makes the world go around
That clinking, clanking sound...
Can make the world go 'round“

Es ist eines der bekanntesten Lieder aus dem Film „Cabaret“ von 1972. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Musical von 1966, allerdings wurde der Song „Money, Money“ erst nachträglich für die Verfilmung geschrieben. 1973 erhielt „Cabaret“ acht Oscar-Auszeichnungen, u.a. für die beste Filmmusik.

„Höchstens eine Vereinbarung“, mehr aber nicht!
Heute steht die Weltwirtschaft zwar nicht am Abgrund wie Deutschland Anfang der 30er Jahre, aber durch Handelskrieg, Brexit und nun auch noch den Konflikt zwischen den USA und dem Iran haben sich die Perspektiven für die Unternehmen und die Weltwirtschaft in den vergangenen Monaten deutlich verschlechtert. Und eine Wende zum Besseren ist noch nicht in Sicht, wie die globalen Einkaufsmanagerindizes zeigen. Deutschland konstatiert die Bundesbank in ihrem Monatsbericht eine „schwache konjunkturelle Grundtendenz“, deren Ursache im „anhaltenden Abschwung der Industrie“ liege. Der ZEW-Index für die Konjunkturerwartungen ist im Juni deutlich eingebrochen, auch der aktuelle ifo-Index ist noch einmal weiter auf den tiefsten Stand seit November 2014 gefallen. Und die Hoffnungen auf einen Durchbruch in den Handelsgesprächen zwischen den USA und China wurden schon mal von US-Handelsminister Ross gedämpft. „Ich denke, das Ergebnis beim G20-Gipfel dürfte höchstens eine Vereinbarung zur aktiven Wiederaufnahme der Verhandlungen sein“ sagte er dem „Wall Street Journal“. Nicht viel, aber wenigstens etwas, könnte man meinen.

„A mark, a yen, a buck or a pound”
Unterstützung kam in der vergangenen Woche von alten Bekannten: Wie schon nach der Finanzkrise und der europäischen Schuldenkrise wecken die Notenbanken die Hoffnung, wieder tief ins Portemonnaie zu greifen. So hat EZB-Präsident Mario Draghi eine Zinssenkung sowie eine eventuelle Wiederaufnahme der Anleihekäufe in Aussicht gestellt, sollte sich das konjunkturelle und inflationäre Umfeld nicht verbessern. Die amerikanische FED hat zwar noch dem Druck Trumps widerstanden und die Leitzinsen am vergangenen Mittwoch nicht angetastet, allerdings zukünftige Zinssenkungen nicht ausgeschlossen. Die Finanzmärkte reagierten prompt: 10-jährige US-Staatsanleihen sanken unter zwei Prozent, deutsche Bundesanleihen mit 10-jähriger Laufzeit rentierten mit -0,32 Prozent so niedrig wie nie zuvor – sogar noch niedriger als entsprechende japanische Staatsanleihen jemals rentierten. Die Rendite der zweijährigen Staatsanleihen, Futures auf den Geldmarktsatz und die Overnight-Swaps zeigen ganz klar, was der Markt von der FED erwartet: drei Zinssenkungen bis zum Jahresende. Folgerichtig waren risikoreichere Anlagen im Gegenzug die klaren Gewinner - US-Aktien stiegen auf neues Allzeithoch, der Deutsche Aktienindex erreichte mit 12.438 Punkten zumindest ein neues Jahreshoch.

„Die Geister, die ich rief...“
Interessant dabei aber auch ein anderer Schauplatz: Gold hat einen fulminanten Kursprung hingelegt, auf Wochensicht zog die Feinunze um gut vier Prozent an und stieg mit über 1.400 US-Dollar auf den höchsten Stand seit 2013. Zwar profitiert das Gold von sinkenden Realzinsen, aber hier scheinen einige Investoren auch die Risiken zumindest nicht ganz auszublenden – und dies zu Recht. Nach dem Abschuss einer US-Drohne durch den Iran war ein militärischer Gegenschlag wohl schon beschlossen, wurde von US-Präsident Trump Medienberichten zufolge aber kurz vor dem Start abgeblasen. Trump, der Zauberlehrling aus Goethes berühmter Ballade: aus Überheblichkeit und im Machtrausch hat er einen Konflikt vom Zaun gebrochen, der sich verselbstständigt hat und sich nur noch schwer einfangen lässt. „Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister werd ich nun nicht los.“

Fazit: Billiges Notenbankgeld ist kein Allheilmittel
Das Notenbankgeld, entweder durch Anleihekäufe dem Markt direkt zugeführt oder durch Zinssenkungen Konsum- und Investitionsanreize schaffend, ist keine Medizin! Keine Notenbank der Welt wird es schaffen, die volkswirtschaftlichen Folgen einer militärischen Eskalation im Nahen Osten oder eines ausufernden Handelskrieges und damit die Auswirkungen auf die Kapitalmärkte komplett abzufedern. Geldpolitik kann die Symptome maximal lindern, aber die Ursachen nicht beseitigen. Die Kapitalmärkte verhalten sich dabei wie ein heroinabhängiger Junkie, der nach der nächsten Spritze giert, die ihm Linderung bringt. Lässt die euphorisierende Wirkung der Spritze nach, folgt der Kater. Denn die Ursachen sind noch da. Wann und wie diese beseitigt werden und wie die globale Volkswirtschaft und der Welthandel danach aussehen, ist weiterhin völlig ungewiss.

24. Juni 2019 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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