Wochenklänge

„What goes up“

The Alan Parsons Project, 1978

„Die Börse ist keine Einbahnstraße – frei ins Englische und in die aktuellen musikalischen Wochenklänge übertragen steckt dahinter die simple Erkenntnis: „What goes up, must come down“ – den passenden Song dazu haben die beiden Musiker Alan Parson und Eric Woolfson im Jahr 1978 geschrieben und als „The Alan Parsons Project“ auf ihrem dritten Album „Pyramid“ veröffentlicht.

“The Alan Parsons Project” – von den Beatles bis ins deutsche Fernsehen
Alan Parsons war Tontechniker in den legendären Abbey Road Studios und an der Entstehung mehrerer Beatles-Alben beteiligt, später auch an Werken von Pink Floyd. Eric Woolfson war Songschreiber und Produzent. 1974 kreuzten sich ihre Wege und die gemeinsame Begeisterung für den amerikanischen Autor Edgar Alan Poe mündete im Debütalbum „Tales of Mystery and Imagination“, in dem sie Kurzgeschichten von Poe vertonten. Insgesamt veröffentlichten sie noch neun weitere Alben, von denen vor allem die Instrumentalstücke bekannt wurden. „EVE“ aus dem gleichnamigen Album war lange die Erkennungsmelodie der WDR-Sendung „Monitor“, während das ZDF den Song „Lucifer“ als musikalische Begleitung der Fußball-Weltmeisterschaft 1982 einsetzte.

„What goes up, must come down
What must rise, must fall“

Gerade nach langen und starken Kursanstiegen ist eine anschließende deutliche Korrektur wahrscheinlich. Das allerdings, was in der abgelaufenen Woche passiert ist, hat selbst hartgesottene Börsianer wie mich überrascht. Am Ende war es für den Deutschen Aktienindex die schlechteste Handelswoche seit fast neun Jahren: über 12 Prozent verloren deutsche Standardwerte in nur fünf Tagen, anderen Indizes erging es nicht besser. Es gab in den vergangenen 20 Jahren nur drei Wochen, in denen die Börse noch mehr verloren hat: in der Finanzkrise 2008, nach dem Anschlag auf das World-Trade-Center 2001 und im August 2011, als die USA das höchste Kreditrating AAA verloren und herunter gestuft wurden.

„How can you be so sure?
How do you know what the earth will endure?“

Noch am 19. Februar wurden bei den meisten Aktienindizes neue Höchstkurse gefeiert. Man wiegte sich in Sicherheit, dass die Ausbreitung des Coronavirus im wesentlichen auf China begrenzt bleibe und nicht auf andere Länder und Regionen überschwappen würde. Zudem war man überzeugt, dass eine Beeinträchtigung der chinesischen Wirtschaft nur vorrübergehend sei und spätestens im zweiten Quartal wieder eine Normalisierung eintrete. Doch die Zuversicht war trügerisch, wie sich jetzt zeigt: Während in China die Zuwächse an bestätigten Neuinfektionen in den vergangenen Tagen zurückgingen, stiegen sie außerhalb Chinas deutlich an. Vor allem Südkorea mit aktuell über 3.700 und Italien mit über 1.100 Infizierten wurden besonders stark getroffen. Und mit einer nahezu weltweiten Ausbreitung des Virus stiegen unter den Investoren die Sorgen um eine stärkere konjunkturelle Beeinträchtigung, risikobehaftete Anlagen wie Aktien wurden massenhaft verkauft.

„What's been lost, must be found“
Nach dem Kurssturz werden nun erst einmal Wunden geleckt, die Situation neu bewertet. Wirkliche Kaufbereitschaft ist auf dem reduzierten Niveau nicht zu erkennen, zu groß ist die Unsicherheit. Sicher dagegen ist allerdings heute, dass die konjunkturellen Auswirkungen größer sein werden als noch vor wenigen Wochen angenommen. Das Wachstum in China dürfte im laufenden Quartal mehr oder weniger zum Stillstand gekommen sein und auch im zweiten Quartal sollten die Auswirkungen noch zu spüren sein. Und selbst wenn es dann im zweiten Halbjahr zu Nachholeffekten kommt und die Wirtschaftsleistung wieder steigt, rechnen Volkswirte für das Gesamtjahr mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung in China um bis zu einem Prozentpunkt. Allein dadurch dürfte sich das globale Wachstum spürbar eintrüben. Hinzu kommt, dass es durch den zeitweiligen Produktionsstillstand in chinesischen Fabriken zu Engpässen in der weltweiten Lieferkette kommen dürfte. Im Zuge der Globalisierung haben viele Unternehmen ihre Lagerbestände an Vorleistungsgütern drastisch zurück gefahren und auf „just-in-time“ umgestellt – Vorprodukte werden so bestellt, dass sie genau zum Zeitpunkt der Weiterverarbeitung pünktlich eintreffen.

Nun aber wurden und werden Frachtflüge und Schifffahrten deutlich reduziert oder sogar ganz eingestellt. In der Folge stapeln sich in den Häfen Chinas die Container. Ein Containerschiff benötigt im Normalfall für die Strecke von China nach Europa etwas über dreißig Tage, dabei werden auf der Strecke auch andere Häfen angefahren. So dürften in den kommenden Tagen die ersten Lieferengpässe eintreten, was im Extremfall auch die Produktion in Fabriken in Europa empfindlich stören kann. Gerade für Deutschland, für das China der wichtigste Außenhandelspartner ist, wird eine Rezession nicht mehr ausgeschlossen. Die OECD hat heute die Prognose für das globale Wachstum um 0,5 Prozentpunkte auf 2,4 Prozent gesenkt – basierend allerdings auf den Annahmen, das die Ausweitung außerhalb Chinas milde verläuft und schnell unter Kontrolle gebracht werden kann. Dennoch rechnen die Experten der OECD im ersten Quartal mit einem Rückgang der weltweiten Wirtschaftsleistung.

Nicht nur die Börsianer sind alarmiert – auch die Notenbanken und Regierungen betrachten die Entwicklung mit Sorge. Die Erwartungen an sie sind hoch. Von der amerikanischen FED erhofft sich der Markt dieses Jahr mindestens zwei Zinssenkungen. Ursprünglich wollte die US-Notenbank die Zinsen in 2020 unverändert belassen. Auch auf der EZB lasten solche Erwartungen, allerdings ist deren Spielraum auf dem aktuellen Nullzinsniveau begrenzt. Auch die Regierungen werden in die Pflicht genommen. Die Rufe nach staatlichen Konjunkturprogrammen werden lauter, um einen möglichen Abschwung abzufedern. Zwei Dinge muss man jedoch bei all den Forderungen berücksichtigen: Weder niedrige Zinsen noch staatliche Konjunkturprogramme können gestörte Lieferketten wieder heilen. Und die Verschuldung von Staaten wie auch Unternehmen ist in den vergangenen Jahren so stark angestiegen, dass eine Ausweitung der Schuldenquoten nur noch begrenzt möglich ist.

Fazit:
Bis klar ist, wie stark die restliche Welt vom Coronavirus betroffen sein wird und wie schnell eine Ausbreitung eingedämmt werden kann, bleibt die Unsicherheit. Erst danach können die Folgen für Konjunktur und Unternehmen abgeschätzt und bewertet werden. Erst dann wird auch wieder die Bereitschaft steigen, in Risikoanlagen zu investieren. Bis dahin dürfte uns die volatile Phase als Zeichen der Unsicherheit erhalten bleiben.

2. März 2020 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
weiter zum nächsten Beitrag zurück zur Übersicht