Wochenklänge

„What’s going on“

Marvin Gaye, 1971

Das Album erschien 1971 und war ein Befreiungsschlag für Marvin Gaye. In den 1960er war der US-amerikanische Sänger ein solider Hitlieferant für die von Berry Gordy streng geführte Plattenfirma Motown. Der frühe Krebstod seiner Duettpartnerin Tammi Terrell, die Erfahrungen seines Bruders im Vietnamkrieg, die unglückliche Ehe mit der Schwester seines Plattenbosses und nicht zuletzt der Missbrauch durch den Vater in seiner Kindheit ließen bei Marvin Gaye immer größere Zweifel an der Sinnhaftigkeit seines Tuns aufkommen. All das verarbeitete er im Album „What’s going on“, mit dem er gleichzeitig auch einen radikalen Rollenwechsel vollzog vom samtstimmigen Sexsymbol zum Songautor mit gesellschaftlicher Botschaft, verpackt in genialer Soulmusik voll Wärme und Eleganz. Gaye schuf damit das wohl erste Konzeptalbum der Soulmusik, das Magazin „Rolling Stone“ bezeichnet es als eines der wichtigsten Alben der Soulmusik überhaupt. Marvin Gaye starb 1984 einen Tag vor seinem 45. Geburtstag – von seinem eigenen Vater im Streit erschossen. Bis heute haben seine Songs nichts von ihrer Wucht, aber leider auch nichts von ihrer Aktualität eingebüßt.

„Don't punish me with brutality
Talk to me, so you can see
Oh, what's going on“

Straft uns nicht mit Brutalität, sondern redet mit uns, damit ihr erfahrt, was wirklich los ist! Die USA erleben seit Tagen massive Proteste nach dem Tod eines Afroamerikaners während eines Polizeieinsatzes – wieder einmal. George Floyd starb, nachdem ihm ein Polizist acht Minuten lang sein Knie auf den Hals drückte. Die US-Regierung reagiert mit Härte und will sogar das Militär einsetzen. Die Proteste werden begleitet von massiven Plünderungen und Präsident Trump heizt die Stimmung zusätzlich an: „When the looting starts, the shooting starts“ – wenn ihr plündert, schießen wir. Die starken gesellschaftlichen Unterschiede in den USA zwischen den unterschiedlichen ethnischen Gruppen waren immer da und sie sind nach Aussage des Fed-Präsidenten Jerome Powell immer noch eine Folge der Sklaverei. Menschen afroamerikanischer Abstammung haben in den USA weniger Bildungsmöglichkeiten, eine schlechtere Gesundheitsversorgung und schlechteren Zugang zu ausreichendem Wohnraum. Zwangsläufig gehören die Schwarzen zu der von der Corona-Pandemie am stärksten betroffenen Bevölkerungsgruppe. Sie spüren den massiven Stellenabbau vor allem im Dienstleistungsbereich und im Niedriglohnsektor am deutlichsten. Viele von ihnen haben mit ihrem Job auch ihre Krankenversicherung verloren. Mehrere Generationen leben in viel zu kleinen Wohnungen, dadurch ist das Infektionsrisiko innerhalb der Familie deutlich höher.

Rassenhass ist in den USA keine neue Erscheinung, der Protest dagegen auch nicht. Dass er dieser Tage allerdings so heftig und so weit verbreitet auftritt, ist der immer größer werdenden Kluft zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Arm und Reich zuzuschreiben. Die Pandemie zeigt nun das traurige Ausmaß dieser Kluft. Und die Politik tut nichts dagegen, im Gegenteil: Trumps innenpolitisches Programm nach seiner Wahl 2016 lag in der Förderung und Unterstützung der weißen Mittelschicht und der sehr vermögenden Bevölkerungsschicht.

Bereits jetzt wirft die Präsidentschaftswahl im November ihren Schatten voraus. Derzeit führt der demokratische Herausforderer Joe Biden in den Umfragen, einige wichtige Bundesstaaten, die sogenannten „Swing States“ drohen für die Republikaner verloren zu gehen. Trump forciert eine Öffnung der Wirtschaft, um die Chancen seiner Wiederwahl zu erhöhen. Damit erhöht sich zwangsläufig das Risiko, dass sich die positive Entwicklung der Neuinfektionen in den USA wieder umkehrt. Aber auch an anderer Stelle droht Ungemach: China hat als Reaktion auf die Kritik an seinem harten Vorgehen in Hongkong angedroht die Einfuhr von US-Agrarimporten vorerst gestoppt. Damit ist ein Teil des Phase-1-Abkommens, das größere Importe nach China vorsah, auf Eis gelegt. Ein Wiederaufflammen des US-chinesischen Handelsstreits mit der Folge neuer Strafzölle ist wahrscheinlicher geworden.

Fazit: Den steigenden Kursen nicht hinterherlaufen, denn die Schwankungen dürften anhalten
Dass in diesem Umfeld Aktien weltweit in den letzten Wochen massive Kursgewinne verbuchen konnten, erstaunt damit umso mehr. Seit Mitte April summieren sie sich auf über zehn Prozent, viele Indizes notieren auf dem höchsten Stand seit Anfang März. Die Bewertungen gemessen an den erwarteten Unternehmensgewinnen der nächsten zwölf Monate liegen auf Niveaus wie zu Zeiten der Technologieblase Anfang der 2000er Jahre. Klar ist, dass die schrittweisen Lockerungen in Kombination mit der massiven geld- und fiskalpolitischen Unterstützung eine spürbare wirtschaftliche Erholung in der zweiten Jahreshälfte zur Folge haben werden. Von einer vollständigen Normalisierung sind wir jedoch noch weit entfernt. Investoren sollten sich von den Gewinnen nicht blenden lassen und den Kursen nicht hinterher laufen. Das zweite Halbjahr könnte an den Kapitalmärkten weiterhin sehr schwankungsstark werden, auch wenn wir das Risiko eines erneuten Absturzes auf die Tiefstkurse vom März als wenig wahrscheinlich erachten.

„Mother, mother
There's too many of you crying
Brother, brother, brother
There's far too many of you dying“

Abseits von Wahlkampfgetöse und Corona-Pandemie: Langfristig gilt es, Gräben zuzuschütten und gesellschaftliche Risse zu kitten. Zu viele Mütter weinen, zu viele Brüder sterben. Eine große gesellschaftliche Aufgabe für Politiker weltweit und vor allem für den US-Präsidenten – wie immer er im Januar 2021 auch heißen mag.

2. Juni 2020 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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