Wochenklänge

„The Time Warp“

The Rocky Horror Show, 1973

„The Rocky Horror Show“ ist ein Musical von Richard O’Brian, das 1973 in London erstmals aufgeführt wurde. Die Handlung ist schnell erzählt: der außerirdische Wissenschaftler Frank N. Furter erschafft ein Retortenwesen namens Rocky als sexuelles Lustobjekt. Im späteren Verlauf gibt es eine Revolte, er wird getötet und die übrigen Außerirdischen kehren zum Planeten Transsexual zurück. So gut, so einfach. An sich kein Stoff für die Ewigkeit, wenn es da nicht die Musik und vor allem die Verfilmung zwei Jahre nach der Erstaufführung geben würde. Bis heute genießen Musical und Film absoluten Kultstatus. Das Publikum erscheint teils verkleidet zu den Aufführungen, bewaffnet mit verschiedensten Utensilien spielen sie aktiv einige Szenen nach. In einem Münchner Kino wird seit Juni 1977 der Film bis heute gezeigt, es gab weit über 7.000 Vorstellungen im dafür eigens dekorierten Kinosaal. Auch wir haben als Schüler nahezu jedes Wochenende nach dem Besuch der örtlichen Diskothek die Videokassette wieder und wieder eingelegt und lauthals mitgesungen – eben absoluter Kult.

„It's astounding
Time is fleeting
Madness takes its toll“

Unheimlich, wie die Zeit vergeht. Der Wahnsinn fordert seinen Tribut. Der Song fordert zu einem Tanz auf, um eine Zeitreise zu initiieren. Dabei wird jede Bewegung vom „Erzähler“ vorgegeben. Ein Sprung nach links, ein Schritt nach rechts, die Hände in die Hüften und das Becken kreisen lassen.
Einen solchen Zeitsprung will auch die designierte Parteiführung der SPD vollziehen, hin oder zurück – ganz wie man will – aber in jedem Fall zu ihren sozialdemokratischen Wurzeln.

„It’s just a jump to the left“
Wenn man das politische Programm der neuen Doppelspitze mit einem musikalischen Zitat beschreiben würde, dann am besten mit diesem. Es ist ein Sprung nach links. Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans wurden von den SPD-Mitgliedern zum neuen Führungsduo der Partei gewählt, der Parteitag am nächsten Wochenende muss die Wahl entsprechend bestätigen – wohl nur reine Formsache. Wer wird die SPD zukünftig führen und welche Positionen vertreten sie? Saskia Esken ist seit 2013 Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Calw in Baden-Würtemberg, ohne bisher ein wichtiges politisches Amt bekleidet zu haben. Norbert Walter-Borjans hat wenigstens entsprechende Erfahrung als Finanzminister von Nordrhein-Westfalen von 2010 bis 2017 gesammelt. Bundesweit bekannt geworden ist er durch den Erwerb von Datensätzen mit mutmaßlichen Steuerbetrügern.

Beide sind Kritiker der von Gerhard Schröder auf den Weg gebrachten Agenda 2010 und der Arbeitsmarktreformen, vor allem von „Hartz IV“. Zudem stehen sie der Politik der Großen Koalition kritisch gegenüber. Die designierte SPD-Spitze will sogar Neuverhandlungen des Koalitionsvertrages, sie fordert unter anderem eine Aufweichung der Schuldenbremse, eine Erhöhung des Mindestlohns, Verbesserungen bei der Grundrente sowie Nachbesserungen beim Klimapaket. Mit diesen Forderungen rückt die SPD wieder deutlich nach links und bezieht damit auch teils konträre Positionen zu denen innerhalb der Regierung. Vor allem Olaf Scholz, Bundesfinanzminister und unterlegener Kandidat bei der Mitgliederbefragung zum Parteivorsitz, steht als großer Verlierer da – mit ihm wurde gleich mal das gesamte Establishment der SPD düpiert. Entsprechend groß ist das Entsetzen: in der Wirtschaft, bei vielen SPD-Politikern, die auf Abstand zu den Forderungen der neuen Doppelspitze gehen, und auch beim Koalitionspartner CDU und CSU. Der Forderung nach einer Neuverhandlung des Koalitionsvertrages wurde von verschiedenen Politikern der Unionsparteien auch schon mal eine klare Absage erteilt.

„It's so dreamy
Oh, fantasy free me“

Für so manch einen Genossen erscheint es wie ein Traum, die Fantasie einer wieder stärker linken Politik wirkt geradezu als Befreiung. Esken und Walter-Borjans haben 53 Prozent der abgegebenen Mitgliederstimmen hinter sich vereinigen können. Allerdings haben sich nur etwa 54 Prozent der stimmberechtigten SPD-Mitglieder an dem Votum beteiligt. Eine breite Unterstützung sieht anders aus.

Fazit:
Was Deutschland im Moment überhaupt nicht gebrauchen kann, ist eine Regierungskrise. Im Gegenteil, es braucht eine starke und handlungsfähige Regierung, um die vielfältigen Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen: den Energiewandel, die Veränderungen der globalen Wirtschaft und den Spagat zwischen Haushaltsdisziplin und Zukunftsinvestitionen, um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu erhalten. Populistische Parolen und Maßnahmen sind dazu wenig geeignet. Es dürfte nun sehr spannend werden, wie sich die Positionen mit der bisherigen SPD-Politik innerhalb der Bundesregierung vereinbaren lassen. Gerade Finanzminister Scholz hat bis zuletzt das Festhalten an der „Schwarzen Null“ vehement verteidigt.

2. Dezember 2019 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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