Wochenklänge

„History Repeating“

Propellerheads, 1997

„History Repeating“ war der größte Hit der britischen Band Propellerheads. Einer der wenigen, denn die 1996 gegründete Band hat nur ein Album veröffentlicht. Hinzu kamen lediglich drei EPs, Platten mit nur wenigen Songs (ähnlich einer Single). Stilistisch ist die Band dem „Big Beat“ zuzuordnen, eine elektronische Tanzmusik aus einer Mischung von Techno und Hip-Hop, aber auch mit Elementen des Jazz und der klassischen Musik. Zum Song „History Repeating“ holte sich die Band als Verstärkung keine geringere als Shirley Bassey. Die Sängerin aus Wales ist vor allem bekannt für insgesamt drei Titelsongs von James-Bond-Filmen. Der bekannteste ist sicherlich „Goldfinger“ von 1964, hinzu kommen „Diamonds are forever“ von 1971 sowie „Moonraker“ von 1979.

„The word is about, there's something evolving,
Whatever may come, the world keeps revolving“

Alle reden davon, dass sich etwas tut – aber egal was kommt, die Erde wird sich weiterdrehen. Der sich rapide ausbreitende Coronavirus hält uns derzeit alle in Atem. Menschen werden aus den betroffenen Regionen evakuiert, Airlines streichen Flüge nach China, im Land selbst ist das öffentliche und wirtschaftliche Leben nahezu zum Stillstand gekommen. Aktuell gibt es über 17.000 bestätigte Infektionen und 362 Tote – fast ausschließlich in China, dem Ursprung des Virus. Damit liegt die Zahl der Infizierten mehr als doppelt so hoch wie bei der SARS-Epidemie 2002/2003. Aus allen Provinzen Chinas werden Krankheitsfälle gemeldet, außerhalb Chinas sind vor allem Nachbarländer betroffen.

„That's it's all just a little bit of history repeating“
Vergleiche mit der SARS-Epidemie vor 17 Jahren werden häufig herangezogen, aber wiederholt sich Geschichte tatsächlich immer und damit auch in diesem Fall? Diese Frage will ich von der wirtschaftlichen und nicht von der medizinischen Seite beleuchten.

Punkt 1: Chinas Wirtschaft und ihre Bedeutung für die Weltwirtschaft
2002, im Jahr des Ausbruchs von SARS, betrug der Anteil Chinas am Weltsozialprodukt 4,3 Prozent. Der Anteil des Agrarsektors am chinesischen Sozialprodukt war mit 13 Prozent noch doppelt so hoch wie heute, der Dienstleistungssektor machte nur gut 40 Prozent aus. Das hat sich bis heute komplett gewandelt: Heute beträgt Chinas Anteil am Weltsozialprodukt 16 Prozent, zudem sind 52 Prozent der chinesischen Wirtschaft mittlerweile Dienstleistungen. Der Sektor wuchs im letzten Jahr stärker als die Gesamtwirtschaft und steuerte so knapp 60 Prozent zum Gesamtwachstum bei. Die Weltwirtschaft ist heute wesentlich abhängiger von China. Und Chinas Wirtschaft selbst ist heute deutlich abhängiger von der Binnenkonjunktur als noch vor 17 Jahren. Der Stillstand des öffentlichen Lebens wird deutliche Spuren in der Wirtschaftsleistung hinterlassen, zumal er in die Zeit des chinesischen Neujahrsfestes fällt: keine Reisen, keine Familienfeiern, keine Hotelübernachtungen, keine Restaurantbesuche und keine Kasinobesuche.

Aber auch für die Weltwirtschaft kann ein längerer Stillstand problematisch werden: Die Region um die Millionenstadt Wuhan, in der die Epidemie ausgebrochen ist, ist nahezu komplett abgeriegelt – über 50 Millionen Menschen quasi unter Quarantäne gestellt. Die Region ist ein bedeutender Wirtschaftsstandort, zwei Prozent des chinesischen Sozialproduktes (das entspricht in etwa der gesamten Wirtschaftsleistung Portugals) werden dort erwirtschaftet, viele ausländische Unternehmen haben dort Produktionsstandorte. In Wuhan liegt der größte Binnenhafen Chinas, wichtige Fernstraßen und Eisenbahnlinien verlaufen durch Wuhan. Unternehmen weltweit fürchten deshalb eine Unterbrechung ihrer Lieferketten und damit eine Störung ihrer Produktion.

Punkt 2: Der Zeitpunkt
Zur Hochzeit der SARS-Epidemie im Frühjahr 2003 befand sich die Weltwirtschaft nach einer Rezession wieder auf Wachstumskurs. Die Industrie in China, damals mit 47 Prozent noch wichtigster Bereich der Wirtschaft, profitierte vom weltweiten Aufschwung und wurde zusätzlich durch ein staatliches Investitionsprogramm befeuert. Heute dagegen zeigt die Weltwirtschaft nach einer über zehnjährigen Aufschwungsphase leichte Ermüdungserscheinungen und der Handelskrieg hat zusätzlich belastet. Auch wenn die Regierung in Peking sicher genug Möglichkeiten hat, die Wirtschaft zu stimulieren - der Nährboden ist heute ein anderer als 2003.

Punkt 3: Psychologie
Dies ist sicherlich der am schwierigsten zu bewertende Punkt. China wird autokratisch regiert, die Menschen dort kennen kein anderes System. Dennoch werden die Bürger aufgeklärter und mündiger, die wochenlange Proteste in Hongkong sind ein Beweis dafür. Sollte die Zentralregierung in Peking es nicht schaffen, die Verbreitung des Virus einzudämmen und noch drastischere Maßnahmen ergreifen, wächst die Gefahr, dass die Stimmung in der Bevölkerung kippt.

In den nächsten Tagen und Wochen werden die Ökonomen weltweit die Köpfe zusammenstecken und ihre für dieses Jahr getroffenen Konjunkturprognosen sicher neu überdenken. Gerade China, dem vor einigen Wochen vom IWF noch 6,0 Prozent Wachstum für 2020 prognostiziert wurden, dürfte deutliche Einbußen hinnehmen müssen. Erste Schätzungen rechnen bei einer baldigen Eindämmung und schnellen Normalisierung mit einer Wachstumsrate von nur noch 5,5 Prozent, manche sogar nur mit 5,0 Prozent. Die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft, zu dessen Wachstum China im vergangenen Jahr ein Drittel beigetragen hat, wären ebenfalls deutlich spürbar.

„And I've seen it before
And I'll see it again“

Die Globalisierung betrifft nicht nur Waren und Dienstleistungen, auch Krankheiten werden so globalisiert. Auf eine wirkliche Pandemie, eine Epidemie großen Ausmaßes, ist die Weltwirtschaft nicht vorbereitet und kann es wahrscheinlich auch nie sein. Die Geschichte ist heute damit eine andere als noch vor 17 Jahren. Die Auswirkungen eines solchen Virus erfassen mit zunehmender Globalisierung immer stärker auch die übrige Welt. Wo sich die Geschichte aber in jedem Fall wiederholt: Egal was kommt, die Erde wird sich weiterdrehen. Die Bremsspuren, die die SARS-Epidemie damals vor allem in der chinesischen Wirtschaft hinterlassen hat, wurden relativ schnell wieder aufgeholt. Bleibt also zu hoffen, dass sich die Geschichte für die heutige globalisierte Weltwirtschaft tatsächlich wiederholt.

3. Februar 2020 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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