Wochenklänge

„Back to Life‘“

Soul II Soul, 1989

Für die heutigen Wochenklänge haben sich gleich zwei Songs des Debütalbums der britischen R&B Dance-Band „Soul II Soul“ aus dem Jahr 1989 angeboten: „Keep on Movin‘“ – Wirtschaft, bleib bitte in Bewegung, während es für uns persönlich in diesen Tagen – wenn auch nur sehr langsam – heißt: „Back to Life“.

Soul II Soul: Von der mobilen Diskothek zum Modelabel
Es war meine frühe Zeit als Twen, in der ich dem Sound von „Soul II Soul“ das erste Mal begegnete. Die Band wurde ursprünglich Mitte der 1970er Jahre von zwei Teenagern als „Sound System“ gegründet, einer mobilen Diskothek, die vor allem in der jamaikanischen Kultur eingesetzt wird. 1988 von Virgin Records unter Vertrag genommen, veröffentlichte „Soul II Soul“ ein Jahr später ihr erstes vollständiges Album. „Club Classics Vol. One“ landete auf Platz Eins der britischen Albumcharts und gewann 1990 zwei Grammys. Neben der Musik existiert auch noch ein eigenes Modelabel.

„Back To Life, ...“
Nach dem weiteren Abflachen der Neuinfektionszahlen mit dem Covid-19-Erreger und einer Reproduktionszahl nahe 1 – nur ein Infizierter steckt einen weiteren Menschen an – wurde das exponentielle Wachstum zumindest in Europa gestoppt. Daraufhin haben viele Regierungen erste, jedoch vorsichtige Lockerungsmaßnahmen beschlossen. Das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben fährt allmählich wieder hoch. Doch bereits jetzt sind die Folgen des wochenlangen Stillstands deutlich spürbar: Allein in Deutschland haben bis Ende April Unternehmen für zehn Millionen Beschäftigte Kurzarbeit angemeldet – drei Mal so viel wie im Krisenjahr 2009. Ob tatsächlich alle davon in Kurzarbeit sind, kann derzeit zwar nicht gesagt werden, da viele Unternehmen den Antrag erstmal prophylaktisch gestellt haben und bei einer schnellen Erholung der Wirtschaft die Regelung vielleicht gar nicht in Anspruch nehmen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) schätzt, dass letztlich dennoch sechs bis acht Millionen Menschen von Kurzarbeit betroffen sein könnten. Auch in den USA schlägt der Lockdown, der dort seit Mitte März gilt, drastisch durch: Die Kurzarbeiterregelung gibt es dort nicht, hier haben sich seitdem 30 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet. Experten rechnen mit einer Arbeitslosenquote von 16 Prozent für April nach 4,4 Prozent im März – dies wäre der höchste Stand in den USA seit Kriegsende.

“… back to reality“
„Back to reality“ ja, „Back to normality“ nein – selbst bei günstigstem Verlauf, dass eine erneute Infektionswelle ausbleibt, während weitere Lockerungsmaßnahmen beschlossen werden, werden wir so schnell nicht zur Normalität übergehen können. Die Wirtschaft wird bis weit ins Jahr 2021, teilweise sogar bin ins Jahr darauf brauchen, um wieder das Niveau von vor der Pandemie zu erreichen. Bereits der Handelsstreit zwischen den USA und China hat die Verletzlichkeit des Welthandels gezeigt, und die Corona-Pandemie hat dies noch verstärkt. Unternehmen werden zukünftig ihre globalen Lieferketten breiter aufstellen, regional verlagern und die „just-in-time“-Lieferung von Vorprodukten überdenken. Eine wieder stärkere Lagerhaltung verursacht zwar Kosten, macht aber weniger abhängig von internationalen Lieferanten. Zudem gewinnt der Handelsstreit – zumindest verbal – wieder an Schärfe: Die US-Regierung beschuldigt China, den Virus erst „in die Welt gesetzt“ und dann zu spät und zu wenig den Ausbruch der Pandemie bekämpft zu haben. Man erwäge deshalb „Schadenersatz“ in Form von erneuten Strafzöllen.

Zeitgleich mit dem historischen Anstieg der Arbeitslosigkeit in den USA stiegen der US-Aktienmarkt um über 26 Prozent und der Deutsche Aktienindex um über 21 Prozent – wie passt das zusammen?
Börsianer hofften auf eine Normalisierung, „Back to Normality“, auch unterstützt durch die billionenschweren Rettungspakete der Regierungen und Zentralbanken. Diese Normalität aber wird so schnell nicht eintreten und die „neue“ Normalität wird auch anders aussehen als die alte. Damit dürfte auch eine schnelle Erholung der Unternehmensgewinne nach dem zu erwartenden Einbruch in diesem Jahr unrealistisch sein. Bereits jetzt werden US-Aktien schon wieder mit dem 20-fachen ihres erwarteten Jahresgewinnes bewertet und deutsche Aktien mit dem 16-fachen, dem höchsten Stand seit dem Platzen der Technologieblase in den frühen 2000er Jahren. Und es werden weitere Gewinnrückgänge erwartet, einhergehend mit spürbaren Dividendenkürzungen. Zudem wurde gerade die Wall Street in den vergangenen Jahren durch massive Aktienrückkaufprogramme unterstützt, was in naher Zukunft ausbleiben wird. Damit dürfte kurzfristig das Erholungspotential erschöpft sein und statt des von vielen erhofften V-Verlaufs der Aktienkurse ist wohl eher mit einem W-Verlauf zu rechnen.

Realität statt Normalität
Es gilt also einen realistischen Blick auf das wirtschaftliche Umfeld zu werfen und die immer noch vorhandenen Risiken im Blick zu halten. Und selbst im günstigsten Verlauf weiterer Lockerungen und eines Abflachens der Infektionszahlen auch in den USA wird es dauern, bis sich auch nur ansatzweise die Situation normalisiert hat. Wie die Wirtschaft und die Welt dann genau aussehen werden, weiß keiner – aber sie werden gewiss anders aussehen. Und bis das Bild klar ist, sollte man als Akteur an den Kapitalmärkten weiter Vorsicht walten lassen.

4. Mai 2020 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
weiter zum nächsten Beitrag zurück zur Übersicht