Wochenklänge

„Falling Down“

Oasis, 2008

Oasis war eine britische Band, die 1991 in Manchester gegründet wurde. Sie gilt als die erfolgreichste Band des Brit-Pop. Die Stilrichtung entwickelte sich Anfang der 1990er Jahre und war eine Rückbesinnung auf den britischen gitarrenlastigen Rock. Als Initiator dieser Bewegung gilt Paul Weller, der in den 1980er Jahren mit „The Style Council“ Erfolge feierte. Federführend bei Oasis waren die Brüder Liam und Noel Gallagher, die sich zunehmend zerstritten. Im August 2009 gab Noel Gallagher seinen Austritt aus der Band bekannt und nur zwei Monate später verkündete sein Bruder Liam die Auflösung von Oasis. Bis heute verkaufte die Band rund 80 Millionen Platten – und bis heute sind die Brüder verfeindet. Der Song „Falling Down“ erschien im Oktober 2008 auf dem letzten Album der Band und er war die letzte Single-Veröffentlichung.

„Summer sun that blows my mind“
„Die Sommersonne haut mich um“, so lautet die erste Zeile des Songs. Die letzten Tage waren die bisher heißesten des Jahres, strahlend blauer Himmel bei Temperaturen meist deutlich über 30 Grad. Die in der vergangenen Woche veröffentlichte erste Schätzung zur Entwicklung der Wirtschaft im gerade abgelaufenen zweiten Quartal zeigt allerdings auch: Corona haut die Wirtschaft um!

„Is falling down on all that I've ever known“
Und die Auswirkungen treffen alle: Die Wirtschaftsleistung ist von April bis Juni so stark eingebrochen wie nie zuvor in Friedenszeiten, vielleicht nur vergleichbar mit der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre. Das Minus für Deutschland lag bei 10,1 Prozent, minus 12,4 Prozent in Italien, minus 13,8 Prozent in Frankreich und sogar minus 18,5 Prozent in Spanien – das sind die Horrorzahlen der Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal gegenüber dem Vorquartal. Mit einem bereits leichten Rückgang in den ersten drei Monaten, wo sich ab März der Lockdown bemerkbar machte, der dann ab April voll auf die Wirtschaft durchschlug, summieren sich die Rückgänge seit Jahresende auf knapp 12 Prozent für Deutschland und sogar knapp 23 Prozent in Spanien. Für die gesamte Eurozone liegt nach ersten Schätzungen der Rückgang bei 15,3 Prozent. Damit ist die Volkswirtschaft der Eurozone auf das Niveau von Sommer 2005 zurück gefallen. Dass dieser Rückschlag binnen weniger Monate wieder aufgeholt werden kann, ist nahezu ausgeschlossen. Die USA kamen bisher etwas glimpflicher davon, aber auch hier summiert sich das Minus im ersten Halbjahr auf 10,7 Prozent. Jetzt denken Sie vielleicht: Moment, haben die USA für das abgelaufene Quartal nicht einen Rückgang von 32,9 Prozent gemeldet? Das ist richtig, allerdings ist die Berechnungsmethode in den USA anders. Hier wird berechnet, wie die prozentuale Veränderung zum Vorquartal wäre, wenn der Rückgang der Wirtschaftsleistung im abgelaufenen Quartal auch in den nächsten drei Quartalen und damit für ein ganzes Jahr andauern würde. Das macht die offiziellen Zahlen deutlich schwankungsstärker und wenig vergleichbar. Vergleichbar sind sie, wenn man diese sogenannte Annualisierung, also das Hochrechnen auf das gesamte Jahr, nicht macht.

Aber es gibt dennoch nichts schönzureden: Der Lockdown hat die Volkswirtschaften mit voller Wucht getroffen. Es scheint allerdings derzeit so, dass wir vor allem in Europa die Talsohle durchschritten haben. Echtzeitdaten sprechen in vielen Bereichen für eine deutliche Belebung, das Niveau von vor der Pandemie ist allerdings noch lange nicht erreicht. Damit wird es trotz eines erwarteten Aufschwungs im laufenden dritten Quartal wohl noch einige Zeit dauern, den Einbruch vollständig zu kompensieren. Viele Unternehmen sind vom Lockdown massiv getroffen worden. Umsätze und Gewinne sind weggebrochen. Um trotz der wegbrechenden Umsätze liquide bleiben zu können, wurden Reserven aufgebraucht und Kredite aufgenommen. Zwar wurde in Deutschland die Insolvenzantragspflicht bis Ende September ausgesetzt. Unternehmen, die aufgrund der finanziellen Probleme eigentlich hätten zum Insolvenzrichter gehen müssen, sind weiterhin aktiv. Einen erneuten Lockdown verbunden mit einem weiteren Wirtschaftsabschwung würden viele dieser Unternehmen nicht überleben, es droht eine massive Entlassungswelle.

Im Vergleich zur Situation vor gut 90 Jahren, als die Weltwirtschaft ähnlich stark in die Krise gerutscht ist, haben die Staaten und Notenbanken mit massiven Unterstützungsmaßnahmen geholfen. Während damals die US-Notenbank die Zinsen eher erhöhte und dem Markt Liquidität entzog, passiert heute das Gegenteil. Damit ist das, was im Anschluss an die Wirtschaftskrise 1929 folgte – Massenelend, tiefe Deflation und eine politische Radikalisierung vor allem in Deutschland – wohl nicht mehr möglich. Politik und Zentralbanken haben aus den Fehlern der 1930er Jahre gelernt.
Einen abnehmenden Lernprozess hingegen sieht man in Teilen der Bevölkerung: Trotz wieder steigenden Infektionszahlen in einigen Ländern in Europa und einer ungebremsten Verbreitung in Süd- und Nordamerika, wird AHA (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske) von einigen Wenigen immer mehr vernachlässigt, sie reagieren zunehmend aggressiver. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) berichten von 30.000 Verstößen gegen die Maskenpflicht in den vergangenen Wochen. Erst am Wochenende musste in Berlin eine Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen mit geschätzt 20.000 Teilnehmern aufgelöst werden – wegen zu geringem Sicherheitsabstand und der Weigerung eines Großteils der Teilnehmer, eine Maske zu tragen.

„We live a dying dream
If you know what I mean“

Viele Demonstranten sehen in den Maßnahmen eine Beschneidung ihrer verfassungsmäßig garantierten Persönlichkeits- und Freiheitsrechte. Es gibt aber ebenfalls ein verfassungsmäßiges Recht auf körperliche Unversehrtheit, und die Politik muss abwägen und nach dem Prinzip der Verhältnismäßigkeit agieren. Es ist zum Glück nur eine Minderheit, die sich durch die Maßnahmen in ihrer Persönlichkeit stark eingeschränkt fühlt, laut dem aktuellen ZDF-Politbarometer sind es gerade einmal 29 Prozent der Befragten. Diese Minderheit aber gefährdet durch ihr Verhalten die Gesundheit anderer.

„Time will kiss the world goodbye“
Einen Abschiedskuss an die Welt geben, wie wir sie kannten – das ist wohl übertrieben. Aber dennoch hat die Corona-Pandemie deutliche gesellschaftliche und wirtschaftliche Spuren hinterlassen. Und die Gefahr ist noch nicht vorbei. Staaten und Zentralbanken haben Verantwortung übernommen. Der überwiegende Teil der Bevölkerung tut dies ebenfalls – durch das Einhalten von Abstandsregeln, Hygienemaßnahmen und dem Tragen von Masken. Eine zunehmende Minderheit jedoch wird leichtsinniger: Ob am Isarstrand oder am Gärtnerplatz in München, dem Opernplatz in Frankfurt oder dem Schlossplatz in Stuttgart – es wird gefeiert, als gäbe es das Virus nicht. Zudem birgt die derzeitige Reisesaison die Gefahr einer Ausweitung der Ansteckungen.

Die Welt befindet sich schon längere Zeit im Umbruch. Die Machtpole verschieben sich, die Hegemonie der USA nähert sich ihrem Ende und es entsteht mit China eine zweite politische und wirtschaftliche Weltmacht. Eine sich wandelnde Globalisierung, die zunehmende Digitalisierung, die Herausforderungen des Klimaschutzes sowie eine Überalterung der Gesellschaft in den Industrieländern stellen gerade die Industrie- und exportabhängigen Länder auch ohne Corona vor große Herausforderungen. Ein erneuter Lockdown und ein erneuter wirtschaftlicher Rückschlag ist das Letzte, was wir derzeit brauchen.

Die Wochenklänge machen Pause
Nach den heftigen Regenfällen der letzten Tage wird uns den Prognosen zufolge ab spätestens morgen die Sommersonne wieder umhauen. Damit verabschieden sich auch die Wochenklänge in den Sommerurlaub. Die nächsten Wochenklänge lesen Sie wieder an gewohnter Stelle am 7. September. Verbunden mit der Hoffnung, dass die erwartete wirtschaftliche Erholung, die die Aktienmärkte in den letzten Wochen deutlich beflügelt hat, nicht durch eine erneute Infektionswelle ausgebremst wird, wünsche ich Ihnen bis dahin einen schönen, erholsamen und vor allem gesunden Sommer.

3. August 2020 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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