Wochenklänge

„Don’t cry for me Argentina“

aus „Evita“, Andrew Lloyd Webber, 1976

Ich bin absolut kein Musical-Fan. Ich finde auch den Trend, jede noch so simple Geschichte oder Biografie in ein Musical-Format zu pressen, ziemlich furchtbar. Dennoch ist das Genre extrem erfolgreich, wie die aktuell zehn Musical-Produktionen in Deutschland zeigen. Absoluter König des Musicals ist der Brite Andrew Lloyd Webber, der unter anderem mit „Cats“, „Das Phantom der Oper“ und „Starlight Express“ Musical-Klassiker schuf. 1970 schrieb er das Musical „Jesus Christ Superstar“ – das einzige, das mir wirklich gefällt. Geprägt von Flower-Power, die Jünger Jesu als bunte und laute Truppe in Hippie-Gewändern.

Sechs Jahre später erschien „Evita“. Erzählt wird die Geschichte von Eva „Evita“ Péron, der zweiten Gattin des damaligen Präsidenten Argentiniens Juan Péron. Während seiner ersten Präsidentschaft von 1946 bis 1955 machte sich Eva Péron durch ihr starkes soziales Engagement in der Bevölkerung sehr beliebt, sie stilisierte sich als „Engel der Armen“. 1952 starb „Evita“ im Alter von nur 33 Jahren an Gebärmutterhalskrebs. Bis heute wird sie in Argentinien verehrt und es entstand ein regelrechter Personenkult. Für die einen ist sie die größte Wohltäterin Argentiniens, andere wiederum beschreiben sie als kalte und machthungrige Domina.

„Don’t cry for me Argentina“
„Weine nicht um mich, Argentinien“ – weinen aber muss man um Argentinien, schaut man sich die wirtschaftliche Entwicklung des Landes der vergangenen 100 Jahre an. Ende der 1920er Jahre war die „Kornkammer der Welt“ mit seiner „Feuchten Pampa“, einem Gebiet von 100 Millionen Hektar fruchtbaren Bodens, noch der weltgrößte Exporteur von Agrarprodukten und eine der zehn wohlhabendsten Volkswirtschaften der Welt. 1946 begann die erste Präsidentschaft von Juan Péron. Er war ein Bewunderer von Franco und Mussolini und verfolgte eine nationalistische und populistische Politik. Industrien wurden verstaatlicht und der Sozialstaat massiv ausgebaut. Für den Wandel vom Agrar- zum Industriestaat hatte er keine Skrupel, ehemalige NS-Größen ins Land zu locken, die ihn dabei unterstützen sollten. Kriegsverbrecher wie Adolf Eichmann oder der KZ-Arzt Josef Mengele fanden in Argentinien Unterschlupf und konnten dort unbehelligt leben. 1955 wurde Péron durch einen Militärputsch gestürzt und hinterließ ein politisch gespaltenes und wirtschaftlich instabiles Land. Nur ein Jahr danach musste Argentinien bereits mit dem Pariser Club seine Auslandsschulden umstrukturieren. Nach seinem Sturz verlor er jedoch nie den Kontakt in seine Heimat und aus dem Exil heraus zog er weiterhin die Fäden. 1973 kehrte Péron nach Argentinien zurück und war bis zu seinem Tod im Juli 1974 erneut Präsident.

„The truth is I never left you“
Auch wenn die Bilanz der Präsidentschaft Pérons eher durchwachsen ausfällt, geblieben ist die politische Idee, der Péronismus – ein Mittelweg zwischen Kapitalismus und Sozialismus, nationalistisch und populistisch. Immer wieder kamen Präsidenten Argentiniens aus der Péronistischen Partei, zuletzt Nestor Kirchner und danach seine Frau Cristina Kirchner. Wirtschaftlich kam Argentinien nie wieder auf die Beine. 1982 stoppte das Land den Schuldendienst für seine Auslandsverbindlichkeiten und konnte sich nur mithilfe der sogenannten „Brady-Bonds“ langsam wieder erholen. 2001 kam jedoch der große Knall. Die Staatsverschuldung stieg rasant, Argentinien konnte Anleihen im Volumen von 100 Milliarden US-Dollar nicht mehr bedienen – damals die größte Staatspleite aller Zeiten. Investoren mussten auf zwei Drittel ihrer Forderungen verzichten. Allein von 1998 bis 2002 schrumpfte die argentinische Wirtschaftsleistung um satte 20 Prozent. Die Landeswährung Peso, bis Anfang 2002 an den US-Dollar gekoppelt, wertete sich nach der Freigabe um 75 Prozent gegenüber dem US-Dollar ab.

„All through my wild days
My mad existence“

Die wilden Jahre, die verrückte Existenz – all das hält die Menschen in Argentinien nicht davon ab, weiter den populistischen Versprechen der Péronisten zu glauben. 48 Prozent der Wähler haben ihrem Kandidaten Alberto Fernández bei der Präsidentschaftswahl am vergangenen Wochenende ihre Stimme gegeben. Fernández wird damit Nachfolger des liberal-konservativen Amtsinhabers Mauricio Macri und die sehr umstrittene Ex-Präsidentin Christina Kirchner neue Vizepräsidentin. Ganz im Stil der Populisten wurde großspurig versprochen, den Argentiniern all das zurück zu geben, was ihnen die Vorgängerregierung genommen hätte: Arbeitsplätze, soziale Sicherheit und vieles mehr. Wie Fernández das bezahlen will, hat er jedoch nicht gesagt. Die letzte Finanzierung am Kapitalmarkt hat Argentinien im Sommer 2018 stemmen können, seitdem hängt es am Tropf des Internationalen Währungsfonds. 56 Milliarden US-Dollar hat der IWF zur Verfügung gestellt, geknüpft an harte Sparmaßnahmen. Seit Jahren hat Argentinien hohe Defizite, es importiert deutlich mehr als es exportiert. Die Inflation liegt bei 50 Prozent, die Devisenreserven der Zentralbank sind seit April um ein Viertel gesunken. Die Landeswährung Peso hat sich seit Beginn des Jahres gegenüber dem US-Dollar um 36 Prozent abgewertet, gegenüber von vor zwei Jahren sogar um 70 Prozent. Die Peso-Schwäche verschärft zudem die Situation der Unternehmen, die sich überwiegend in fremder Währung verschuldet haben. Die Staatsverschuldung hat sich seit 2012 auf über 90 Prozent der Wirtschaftsleistung mehr als verdoppelt. Eine erneute Staatspleite erscheint unausweichlich, die Finanzmärkte veranschlagen die Wahrscheinlichkeit bereits mit 90 Prozent. Alles wahrlich kein Umfeld, um teure Wahlversprechen zu machen.

Fazit:
Mit Parolen kann man Wahlen gewinnen, aber keine Politik gestalten. Leider finden sie aber immer wieder genügend Anhänger – sei es aus Wut, Angst oder einfach nur Verzweiflung. Wie eine linkspopulistische Wirtschafts- und Sozialpolitik ein Land ins Chaos stürzen kann, sieht man am Beispiel Venezuela – das Land mit den weltgrößten Ölreserven. Den Péronisten in Argentinien sollte dies ein warnendes Beispiel sein. „Kapital“, so zitiert Karl Marx den englischen Ökonom P.J. Dunning, „...flieht Tumult und Streit und ist ängstlicher Natur.“ Im Gegenzug, sagt Marx, sei Kapital aber auch gierig. Und die leichte Entspannung an diversen Fronten lässt die Preise von Risikoinvestments weiter steigen. Investoren sollten jedoch immer die Nase in den Wind halten und Witterung aufnehmen – Tumult und Streit können jederzeit wiederkommen.

Don’t cry for Evita – but cry for Argentina!

4. November 2019 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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