Wochenklänge

„Dreamer“

Supertramp, 1974

Auf seiner aktuellen Nostalgietour durch Deutschland verspricht der „Supertramp“-Mitgründer Roger Hodgson, „die Probleme der Welt würden an diesen Abenden für zwei Stunden draußen bleiben". Was den Auftritt angeht, dürfte der heute 69-jährige Brite damit durchaus Recht behalten. Aber die Probleme seines Heimatlandes und damit auch Europas werden mit dem neuen Premier Boris Johnson garantiert nicht kleiner. Während Supertramp mit „Dreamer“ 1974 der Durchbruch gelang, könnte die Personalie in London zu einem ganz anderen, nämlich folgenreichen Bruch Großbritanniens mit Europa führen.

"Dreamer, you stupid little dreamer“
„Du dummer kleiner Träumer“ – das mag man auch Boris Johnson zurufen. Bereits 2016 hat er mit Unwahrheiten und falschen Versprechungen in der Brexit-Kampagne eine Mehrheit für den Austritt aus der Europäischen Union erreicht. Auch heute träumt er davon, den Austritt bis zum 31. Oktober zu vollziehen – notfalls auch ohne Abkommen - und davon, dass es Großbritannien danach deutlich besser ginge. Er bekommt jedoch heftigen Gegenwind. Die schottische Regierungschefin nannte seinen Brexit-Kurs „gefährlich“, der Regierungschef von Wales kritisierte seinen „stumpfsinnigen Optimismus“. Gerade Wales ist massiv abhängig von der EU: 80 Prozent der Einkünfte der walisischen Landwirte kommen aus Fördertöpfen der EU – 680 Millionen Pfund jedes Jahr. Ob – und vor allem wie – nach einem Austritt dieser Betrag statt von Brüssel aus London überwiesen wird, glaubt in Cardiff niemand. Und von Seiten der EU besteht überhaupt keine Notwendigkeit, das Vertragswerk neu zu verhandeln. Der kritischste Punkt betrifft jedoch Irland. Im Austrittsabkommen, das noch die vorherige Premierministerin May mit der EU ausgehandelt hatte, war eine sogenannte Backstop-Lösung vorgesehen, die verhindern soll, dass es zu einer harten Grenze zwischen Nordirland als Bestandteil des Königreiches und der Republik Irland als EU-Mitglied kommt. Dabei geht es um mehr als „nur“ um eine Handelsgrenze – viele sehen den im Karfreitagsabkommen ausgehandelten Frieden für Irland gefährdet. 1998 beendete dieses Abkommen den jahrzehntelangen Terror in Irland – ein Kampf zwischen Republikanern und Anhängern einer Zugehörigkeit zum Königreich, zwischen Katholiken und Protestanten. Das Abkommen sieht die Möglichkeit vor, dass die Bürger Nordirlands neben dem britischen Pass auch einen irischen Pass beantragen können. Die Regierung Irlands verzichtete in diesem Abkommen zwar auf ihre Forderung nach einer Wiedervereinigung, dennoch wurde die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, falls sich die Mehrheit der Nordiren dafür aussprechen sollte. Auf Unterstützung setzt Johnson vor allem von US-Präsident Trump, der seinen Kurs bisher unterstützt und ihm ein „großartiges“ Handelsabkommen in Aussicht gestellt hat. Aber auch in den USA wird eine mögliche Gefährdung des Karfreitagsabkommens kritisch gesehen. Die Bevölkerungsgruppe mit irischen Wurzeln ist die zweitgrößte ethnische Gruppe innerhalb der weißen Bevölkerung der USA. Knapp 20 Prozent der amerikanischen Bevölkerung haben irische Wurzeln. Im US-Kongress mit seinen insgesamt 532 Mitgliedern gibt es eine Gruppe „Freunde von Irland“ mit 54 Abgeordneten. Und gerade diese Gruppe lehnt ein Handelsabkommen mit Großbritannien ab, sollte die britische Regierung das Karfreitagsabkommen gefährden. „We'll block trade deal if Brexit imperils open Irish border“, sagte der demokratische Abgeordnete Richard Neil dem „Guardian“ in einem Interview. Neil ist nicht nur Co-Vorsitzender der Gruppe der Freunde Irlands – er ist auch Chef des mächtigen Finanz- und Steuerausschusses. Und dieser Ausschuss entscheidet über Handelsverträge.

„Dreamer“
Der Song ist 1974 auf dem Album „Crime of the Century“ erschienen. Kurz zuvor stand die Band wegen Erfolglosigkeit vor der Auflösung, mit dieser Platte aber gelang der Durchbruch. In den Jahren danach wurde Supertramp zu einer absoluten Supergruppe der 70er und frühen 80er Jahre. Gegründet wurde die Band 1969 von Rick Davis und Roger Hodgson. Geprägt war der Stil einerseits von Davis mit einer Vorliebe zu Jazz und Rhythm and Blues und dem eher dem Pop zugewandten Stil von Hodgson. Besonders die hohe Falsettstimme Hodgsons sowie das E-Piano bestimmten den typischen Sound von Supertramp. 1983 trennte sich die Band, zwischen den beiden Gründungs-mitgliedern gab es unterschiedliche Vorstellungen über den zukünftigen Sound der Band – eher jazzig oder eher dem Pop zugewandt. Bezeichnenderweise hieß das letzte Studioalbum „Famous last Words“.

„Now there's not a lot I can do“
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis den Träumer Johnson die Realität einholen dürfte. Dann wird er sehen, dass er nur sehr wenige Handlungsoptionen hat. Seit Wochen befindet sich das britische Pfund auf Talfahrt, der Abwärtstrend hat sich seit der Wahl Johnsons noch verstärkt. Eine britische Boulevardzeitung hat ausgerechnet, was der Verfall der Währung für jeden einzelnen bedeutet: „You’ll get 20 fewer pints on holiday this summer thanks to falling pound“ – 20 Pint Bier weniger kann sich der britische Tourist im Vergleich zum Sommer 2016 im Ausland leisten. Die Stimmung in der Wirtschaft wie auch bei den Konsumenten ist auf den tiefsten Stand seit fünf Jahren gefallen. Die PKW-Produktion, die zu 80 Prozent exportiert wird, geht seit Monaten zurück und liegt aktuell 20 Prozent unter dem Wert des Vorjahres. Nicht nur dass Investitionen massiv gekürzt werden, es droht auch der Abzug von Produktionsstätten. Der französische Autokonzern PSA, zu dem Opel gehört, erwägt den Abzug der Produktion des Astra aus Großbritannien, ähnlich äußerte sich dieser Tage ein hochrangiger Ford-Manager.

„Well, can you put your hands in your head? Oh no“
Das einzige, was „BoJo“ tut, ist den harten Brexit vorzubereiten: die Mittel zur Vorbereitung eines ungeregelten Ausstiegs wurden um über zwei auf 4,2 Milliarden Pfund aufgestockt, zusätzlich wird die Zollbehörde um 5.000 Mitarbeiter verstärkt. Aber er wird nicht in der Lage sein, all seine Träume wahr werden zu lassen. Er hat nicht die Fähigkeit, in seinen Kopf zu greifen und sie heraus zu holen. Damit verspielt er bei seinen Anhängern und absoluten Brexit-Hardlinern den letzten Rest Vertrauensvorschuss. Die Versprechungen von einer neuen Größe Großbritanniens könnten sich somit als die „Famous Last Words“ von Boris Johnson als Premierminister erweisen.

Fazit:
Der Brexit ist mit der Wahl Johnsons wieder ins Risikobewusstsein der Anleger zurückgekehrt. Das Risiko eines ungeregelten Ausstiegs aus der EU ist deutlich wahrscheinlicher – mit all seinen negativen Konsequenzen vor allem für die Wirtschaft Großbritanniens, aber auch der Eurozone. Die ohnehin schwächelnde Wirtschaft Europas bekäme einen zusätzlichen Dämpfer. Zudem hat sich der Handelsstreit zwischen den USA und China nach der Ankündigung Trumps, die Strafzölle auf chinesische Importe auszuweiten, deutlich verschärft. Vorsicht und Abwarten ist daher – gerade in Anbetracht der deutlichen Kursgewinne im ersten Halbjahr – mehr als angebracht.

2. August 2019 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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