Wochenklänge

„The show must go on“

Queen, 1991

Die britische Band „Queen“ um ihren Sänger Freddy Mercury war schon öfter zu Gast in den Wochenklängen und viel ist über die Ausnahme-Band und den Ausnahmekünstler geschrieben worden. Der heutige Titel ist jedoch ein ganz besonderer: Es ist der letzte Song auf dem letzten Studioalbum, die Singleauskopplung erschien in Großbritannien am 14. Oktober 1991. Nur sechs Wochen später, am 24. November 1991, starb Mercury in London an den Folgen einer HIV-Infektion. Den Text schrieb Mercury zusammen mit Brian May, die Aufnahmen zum Album gestalten sich aber schwierig, da Mercury kaum noch aufstehen konnte. May nimmt den Song „The show must go on“ selbst auf, seine stimmlichen Fähigkeiten aber reichen nicht aus. Mercury steht auf, nimmt einen sehr großen Schluck Wodka, und nach den Worten „I’ll f***ing do it, darling“ singt er den Song ein – kraftvoll und wunderbar wie zu seinen besten Zeiten. Als ob er wüsste: DAS wird sein musikalisches Vermächtnis.

„I have to find the will to carry on
On with the show“

Den Bogen zu spannen von Freddy Mercury, einem der größten Rockstars des 20. Jahrhunderts, zu Donald Trump, dem nach Meinung vieler politischer Beobachter einem der schlechtesten US-Präsidenten des 20. Jahrhunderts, ist in der Tat nicht leicht. Freddy Mercury ging es um sein musikalisches Vermächtnis – Donald Trump geht es lediglich um den Machterhalt. Für beide aber galt und gilt das Motto: The show must go on. Ob die unverantwortliche „Spazierfahrt“ im gepanzerten und hermetisch abgeriegelten Jeep vorbei an seinen Anhängern oder seine „triumphale“ Rückkehr ins Weiße Haus am Montagabend, untermalt mit martialischer Musik – dem an Selbstinszenierungen nicht armen Auftreten Trumps in der Öffentlichkeit wurde noch einmal die Krone aufgesetzt. Dass er damit viele andere in seinem direkten Umfeld – Sicherheitskräfte und Bedienstete im Weißen Haus – einer Ansteckung aussetzt, ist ihm herzlich egal. Er spielt die Infektion herunter und fordert unverändert die Amerikaner auf, Corona nicht ernst zu nehmen.

Viele Fragen aber bleiben offen: Seit wann war die Infektion bekannt, wie ist der Krankheitsverlauf, wie schnell verläuft die Genesung? Politiker und Mediziner sind entsetzt und es zeigt sich: So leichtfertig, wie Trump mit der Corona-Krise in den USA umgegangen ist, so leichtfertig riskiert er auch die Gesundheit seiner Mitarbeiter und Kontaktpersonen. Sein Machterhalt steht über einer verantwortungsvollen Politik. Trump aber steckt jetzt in einem Dilemma. Er, der das Virus immer heruntergespielt hat, der Schutzmaßnahmen immer abgelehnt hat, ist nun selbst betroffen. Er will und muss jedoch Stärke zeigen. Er plant deshalb, in Kürze wieder Wahlkampfauftritte und in zwei Wochen die zweite Fernsehdebatte mit seinem Herausforderer Joe Biden wahrzunehmen.

In genau vier Wochen wird gewählt und es bleiben ihm nur wenig Zeit und noch weniger Möglichkeiten, das Ruder herumzureißen. Denn aktuell profitiert Biden: Sein Vorsprung in den Umfragen ist in den letzten Tagen um über zwei Prozentpunkte auf 8,5 Prozent gestiegen, auch in einigen wichtigen Swing-States schlägt das Pendel jetzt leicht auf seine Seite um. Sollte in vier Wochen tatsächlich so abgestimmt werden wie es die Umfragen jetzt andeuten, würde Biden mit knapp 70 Prozent der Wahlmännerstimmen einen Erdrutschsieg einfahren. Nur Bill Clinton bei seiner Wiederwahl 1996 gelang zuletzt ein solches Ergebnis für die Demokraten. Die Wettquoten, dass Biden die Wahl gewinnt, sind sprunghaft auf 60 Prozent angestiegen, nachdem noch vor vier Wochen die Buchmacher eine 50:50-Chance für einen Sieg Bidens ausmachten. Und auch bei den zeitgleich anstehenden Senatswahlen könnte es nach aktuellen Umfragen einen Wechsel der Mehrheitsverhältnisse geben. Die Demokraten stehen hier vor einer knappen Mehrheit und könnten mit ihrer Mehrheit im Repräsentantenhaus und einem demokratischen Präsidenten Biden ihre Politik ohne Kompromisse durchsetzen. Allerdings ist der Abstand zwischen Biden und Trump in sieben Bundesstaten so gering, dass der tatsächliche Wahlausgang dort nicht zu prognostizieren ist. Dazu gehören so wichtige Staaten wie Texas und Florida, in denen 67 der insgesamt 538 Wahlmännerstimmen zu vergeben sind.

The show will go on, go on, go on, go on
Der Wahlkampf in den verbleibenden vier Wochen dürfte deshalb mit unveränderter Härte vor allem von Trump weitergeführt werden. Eine Läuterung hinsichtlich der eigenen Erkrankung ist wohl nicht zu erwarten. 41 Tage nach Veröffentlichung seines Songs starb Freddy Mercury. 28 Tage bleiben Trump bis zur Wahl. Dass er die Infektion gesundheitlich überlebt, das wünscht ihm wohl jeder vernünftige Mensch auf dieser Erde. Dass er sie politisch überlebt, wohl nur seine eingefleischten Anhänger.

6. Oktober 2020 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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