Wochenklänge

„September“

Earth, Wind & Fire, 1978

Earth, Wind & Fire war die faszinierendste und erfolgreichste Funk-Band der 1970er und 80er Jahre. 1969 vom Jazz-Schlagzeuger Maurice White gegründet, wurde ihr Stil von Soul, Funk und Pop geprägt. Markant war vor allem ihre Bläsergruppe, die den Sound unverwechselbar machte. Erste Erfolge stellten sich ab 1975 ein, den Zenit erreichte die Band 1979 mit dem Album „I Am“, von dem acht Songs vordere Chart-Platzierungen belegten. Live traten sie in bunten Kostümen auf und boten eine außergewöhnliche Choreographie. „September“ erschien 1979 lediglich auf einem „Best-of“ Album, wurde aber ein absoluter Superhit. Auf unseren Schulpartys war der Song immer ein absoluter Gassenhauer. Wer hier nicht auf der Tanzfläche war, hatte kein Gefühl für Musik und Rhythmus.

„Our hearts were ringing
In the key that our souls were singing“

Die Herzen der Investoren tanzen im Gleichklang mit ihren Seelen. Seit Wochen kennen die Aktienmärkte nur den Weg nach oben. Die europäischen Börsen liegen nur noch knapp unter ihren Niveaus von Mitte Februar, die Wall Street konnte dieses mittlerweile übertreffen. Spitzenreiter sind die Technologieaktien, die schon 30 Prozent über ihre Kurse vor dem Corona-Crash hinausgelaufen sind. Dabei sind es nicht die Fundamentaldaten, die die Phantasie der Investoren beflügeln („Fantasy“ ist übrigens ein weiterer Welthit der Band). Zwar befinden sich viele Volkswirtschaften nach dem dramatischen Einbruch im Frühjahr wieder auf Erholungskurs und diese Erholung fällt stärker aus als noch im Sommer erwartet. Dennoch wird es noch einige Zeit dauern, bis das Niveau des Vorjahres erreicht wird. Auch der Einbruch der Unternehmensgewinne ist erst einmal gestoppt, aber auch hier düfte es so bald nicht zu einem deutlichen Gewinnsprung kommen.

Es sind – wieder einmal – die Notenbanken. Und hier allem voran die US-Notenbank Fed. Ende August verkündete ihr Präsident Jerome Powell einen geldpolitischen Schwenk, der es in sich hat: Zukünftig werde man sich in der Geldpolitik an einem „durchschnittlichen“ Inflationsziel orientieren. Das bedeutet in der Praxis, dass die Fed auch dann die Zinsen auf dem Rekordtief belassen dürfte, wenn die Inflationsrate über die Zielmarke von zwei Prozent steigt. Bedingung dafür: Die Inflationsrate muss davor eine Zeit lang unter der Zielmarke gelegen haben und der Durchschnitt in einem nicht weiter konkretisierten Zeitraum nicht deutlich darüber. Damit beendet die Fed die Fixierung der Geldpolitik an die Inflation, die ihr damaliger Präsident Paul Volcker Anfang der 1980er Jahre als Reaktion auf die hohen Inflationsraten eingeführt hatte.

Was konkret bedeutet, dass bei einer aktuellen US-Inflation von 1,0 Prozent und einem 12-Monatsdurchschnitt von 1,5 Prozent uns das Rekordtief bei den Kurzfristzinsen nun also länger erhalten bleiben dürfte als ursprünglich erwartet. Zudem setzt die neue Fed-Politik andere Notenbanken unter Druck. Sollte die Europäische Zentralbank an ihrem Inflationsziel wie bisher festhalten und keine Änderung wie in den USA vornehmen, müsste sie bei steigender Inflationsrate die Zinsen früher anpassen. Damit riskiert sie eine weitere Aufwertung des Euro zum US-Dollar, was der exportabhängigen Wirtschaft der Eurozone schaden würde. Es kann also durchaus sein, dass die Fed Ende August eine neue „Benchmark“ in der Geldpolitik gesetzt hat und dies Konsequenzen auf die zukünftige Geldpolitik anderer Notenbanken hat.

Aber auch für die Kapitalmärkte hat dies Konsequenzen. Dass die Niedrigzinsen für sicherheitsorientierte Anleger ein Problem sind, wurde an dieser Stelle schon häufiger thematisiert. Erschwerend kommt jetzt hinzu, dass durch die Akzeptanz höherer Inflationsraten der reale Kaufkraftverlust bei Anleihen noch größer und Investments in Sachwerte wie Aktien, Gold oder Immobilien damit noch attraktiver werden. Dies führt zu blasenartigen Bewertungen an den Aktien- und Immobilienmärkten, die nach normalen Maßstäben ein baldiges Platzen zur Folge haben müssten. Aber wir haben keine normalen Maßstäbe. Wir haben keinen attraktiven Nominalzins bei sicheren Staatsanleihen, anders als zu Beginn der 2000er Jahre, als Aktien in der Dot-Com-Blase ähnlich hohe Bewertungen hatten wie heute. Von daher ist es sehr wahrscheinlich, dass Investoren bereit sind, die derzeit hohen oder in Zukunft sogar noch höhere Bewertungen und damit eine weitere Blasenbildung zu akzeptieren.

„Remember how the stars stole the night away“
Die Sterne haben die Nacht vertrieben – so scheint derzeit die Stimmung zu sein. Dennoch stellt sich die Frage: Wann kommt die Nacht zurück, wann platzt die Blase? Betrachten wir die letzten zwei Phasen, in denen eine Blase geplatzt ist: die Dot-Com-Blase im Jahr 2000 und die Immobilienblase im Jahr 2007. Auslöser waren jeweils Zinserhöhungen der Fed. Im Mai 1999 begann die Fed mit ersten Zinserhöhungen, innerhalb von 12 Monaten stieg der Zinssatz damals von 4,75 Prozent auf 6,50 Prozent. Das Platzen der Blase bei Internet- und Technologieunternehmen wurde damit beschleunigt und verschärft. Noch deutlicher einige Jahre später: Von Mai 2004 an erhöhte die Fed die Zinsen vom damaligen Rekordtief von 1,0 Prozent innerhalb von zwei Jahren auf 5,25 Prozent. Die Immobilienblase platzte und riss die Aktienmärkte mit in den Abgrund.

„Ba de ya, dancing in September“
Und heute? Zinserhöhungen sind derzeit nicht zu erwarten, erst Recht nicht in diesem Ausmaß. Selbst wenn Inflationsraten die Zielmarke überschreiten, die Notenbanken werden die Füße still halten. Ein Platzen der Aktienblase wie damals ist derzeit damit äußerst unwahrscheinlich. Das Investitionsumfeld außerhalb von festverzinslichen Anlagen bleibt gut und der Druck gerade auf institutionelle Investoren wie Stiftungen oder Pensionskassen, Renditen zu erwirtschaften, nimmt zu.

„Now December found the love we shared in September“
Der Tanz am Aktienmarkt kann kann also weiter gehen. Kurzfristig allerdings stehen uns noch zwei wichtige politische Entscheidungen ins Haus, die die Liebe und die Lust zum Tanzen trüben könnten. Anfang November wählen die Amerikaner einen neuen Präsidenten. Zwar sehen aktuelle Umfragen den Herausforderer Joe Biden klar vorn. Aber die Erfahrung aus 2016 zeigt, dass Umfragen keine Wahlergebnisse sind. Zudem befürchten viele politische Beobachter, dass Amtsinhaber Trump im Falle einer knappen Niederlage das Ergebnis nicht akzeptiert und es so zu einer Hängepartie und einem Machtvakuum kommen könnte. Und zum zweiten ist der ungeregelte Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union zum Jahresende wahrscheinlicher denn je. Zu festgefahren sind die Verhandlungen, zu unvereinbar die jeweiligen Positionen. Aber auch darauf haben die Notenbanken, die sich in den letzten Jahren erstaunlich kreativ gezeigt haben, sicher die passenden Antworten und Maßnahmen parat.

7. September 2020 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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