Wochenklänge

„Going down”

Jeff Beck, 1972

Im Song kommt ein Mann nicht über eine zerbrochene Liebe hinweg, gerät in einen Abwärtsstrudel und findet keinen Ausweg, wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen. Zerbrochen sind aber auch die Handelsbeziehungen zwischen den USA und ihren einstigen Partnern, allen voran China. Und Leidtragende hier ist die deutsche Industrie. Ihr Abwärtstrend ist intakt und ein Boden scheint auch noch weit entfernt.

Jeff Beck – nur etwas für Spezialisten
Jeff Beck, 1944 geborener britischer Rockgitarrist, hatte nie die großen Erfolge, obwohl er durchaus das Zeug dazu hatte. 1965 wurde er Nachfolger von Eric Clapton bei den Yardbirds, spielte kurz darauf zusammen mit Jimmy Page von „Led Zeppelin“. 1967 gründete er dann seine eigene Band mit Rod Stewart und Ron Wood, dem heutigen Gitarristen der „Rolling Stones“. Ein Jahr später wollten Pink Floyd ihn als Nachfolger von Syd Barret in die Band holen, entschieden sich letztlich aber für David Gilmor. Jeff Beck war eher in „Spezialistenkreisen“ bekannt und geschätzt und veröffentlichte nur gelegentlich Alben. Er gilt allerdings als bestimmende Kraft der Rockmusik durch seine Fusion von Jazz-Rock, Psychodelic und Progressive Rock. 2011 listete ihn das Magazin „Rolling Stone“ auf Platz 5 der „100 besten Gitarristen aller Zeiten“. Er wurde mit insgesamt 6 Grammy-Awards ausgezeichnet, dem Oscar der Musikindustrie.

„Down, down, down, down, down“
Industrieproduktion, Auftragseingänge, Auslastung der Kapazität und andere wichtige Stimmungsindikatoren – die abnehmende Dynamik der Weltwirtschaft, hervorgerufen durch den Handelskonflikt, trifft Deutschland mit aller Härte. Das liegt auch an der Struktur der deutschen Wirtschaft: 23 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung kommt aus dem verarbeitenden Sektor, und der ist zudem sehr exportabhängig. Der Anteil ist seit Jahren unverändert. Andere Volkswirtschaften sind da weit weniger abhängig: Daten der OECD zufolge liegen die Werte in Frankreich, Großbritannien und den USA nur zwischen zehn und zwölf Prozent, in Italien bei knapp 17 Prozent. Nur in Japan ist die Abhängigkeit mit knapp 21 Prozent ähnlich hoch.

“I've got my head out the window”
Den Kopf aus dem Fenster, bläst der Industrie der Wind hart ins Gesicht. Und es scheint, als kann derzeit nichts die Abwärtsbewegung aufhalten. Im Gegenteil – hofften die Analysten auf eine Stabilisierung, wurden sie zuletzt immer wieder enttäuscht. So fiel der Einkaufsmanagerindex für den verarbeitenden Sektor in Deutschland im September mit 41,7 auf den tiefsten Stand seit Juni 2009. Das war nicht nur deutlich unter den Erwartungen, sondern auch weit weg von 50 und damit tief im Rezessionsbereich. Konnten bislang der Dienstleistungssektor und die Baubranche noch dem Abwärtsstrudel entkommen, schwächten sich beide Bereiche im vergangenen Monat ebenfalls ab. Ein erneut schrumpfendes Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal ist wahrscheinlicher geworden. Damit würde Deutschland laut Definition in die Rezession abgleiten.

Der private Konsum ist hingegen unverändert robust. Zuwächse beim Reallohn, die noch sehr gute Arbeitsmarktsituation sowie eine aufgrund der Niedrigzinsen geringe Sparneigung halten die Kauflaune der Verbraucher aufrecht. Allerdings ist der Arbeitsmarkt aktuell etwas differenziert zu betrachten: es herrscht Fachkräftemangel, man spürt hier schon den demografischen Wandel. Zudem gibt es in immer mehr Unternehmen Kurzarbeit. Nach einer Umfrage des Ifo-Instituts aus dem September im verarbeitenden Sektor bereits in 5,5 Prozent der Firmen. Über zwölf Prozent gehen davon aus, in den nächsten drei Monaten Kurzarbeit einzuführen. Unternehmen wählen in wirtschaflich schwierigen Zeiten das Mittel der Kurzarbeit, um ihre Fachkräfte halten zu können – auch das eine Folge des Fachkräftemangels.

Um einen drohenden Abschwung zu verhindern, fordern immer mehr Ökonomen und Institutionen wie die Europäische Zentralbank oder der Internationale Währungsfonds stärkere Investitionen des Staates, vor allem in die Infrastruktur. Das deutsche Festhalten an der „Schwarzen Null“, die im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse, wird von deutscher Seite immer als Grund dagegen angeführt. Trotz Finanzierungsmöglichkeiten zu Negativzinsen ist der Regierung ein Riegel vorgeschoben. Die strukturelle, also von der Konjunktur unabhängige Neuverschuldung, ist auf 0,35 Prozent des Sozialproduktes beschränkt. Lediglich bei Naturkatastrophen sowie schweren Wirtschaftkrisen darf eine Ausnahme gemacht werden.

Bei den Unternehmen sieht es nicht besser aus, auch diese halten sich mit Investitionen zurück. Neben der konjunkturellen Unsicherheit werden hier auch bürokratische Hürden als Grund genannt. In der aktuellen Rangliste der Weltbank über die Wirtschaftsfreundlichkeit belegt Deutschland nur Platz 24. Für Neugründungen ist es noch deutlich schwieriger, hier liegen wir auf Platz 114 von insgesamt 190 untersuchten Ländern. Bei den Möglichkeiten einer Finanzierung auf Platz 44, bei den Unternehmenssteuern auf Platz 43. Da ist überall noch deutlich Luft nach oben.

“And my big feet on the ground”
Lasst uns endlich die Füße wieder auf den Boden bekommen und die Abwärtsspirale anhalten. Das geht aber nur mit vereinten Kräften von Staat und Unternehmen. Der österreichische Ökonom Joseph Alois Schumpeter sprach 1942 von der „Kraft der schöpferischen Zerstörung“. Etwas neues wagen, alte Denkmuster über Bord werden, innovativ sein. Sonst steht man ziemlich schnell auf der Verliererseite und wird von innovativen Staaten und Unternehmen in der Leistungsfähigkeit überholt. Und die Rote Königin sprach zu Alice im Wunderland: „Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst.“ Lasst uns also endlich gemeinsam losrennen!

Fazit:
Die konjunkturellen Unsicherheiten bleiben, vor allem im Industriesektor. Das haben zuletzt auch die Stimmungsindikatoren aus den USA gezeigt. Noch scheint der Arbeitsmarkt davon unberührt, das stützt den privaten Konsum. Sollte die Schwäche der Industrie hier jedoch ankommen, droht weiteres Ungemach. Investoren sollten bei ihren Aktieninvestments immer auch die Konjunktur im Blick behalten. Defensive und nicht so konjunkturanfällige Branchen sind aktuell zu bevorzugen. Gerade im Deutschen Aktienindex (DAX) aber sind 45 Prozent der Unternehmen in konjunkturabhängigen Sektoren wie Chemie, Automobil und Industrie tätig. Deshalb liegt der DAX in diesem Jahr in seiner Wertentwicklung 5,5 Prozent hinter den Blue-Chips der gesamten Eurozone zurück, sieben Prozent sind es im Vergleich zu US-Aktien. Aktien sind für den langfristigen Vermögensaufbau zwar unerlässlich. Aber gerade in konjunkturell unsicheren Zeiten ist aktives Handeln unerlässlich.

7. Oktober 2019 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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