Wochenklänge

„20/20“

George Benson, 1985

George Benson ist ein amerikanischer Gitarrist, dessen Wurzeln im Jazz liegen. Erste große Erfolge konnte er ab Mitte der siebziger Jahre verbuchen, so 1976 mit dem Album „Breezin’“ und der daraus veröffentlichten Single „This Masquerade“ sowie mit „Give me the night“ aus dem gleichnamigen Album 1980. Mitte der achtziger Jahre entwickelte sich Benson weiter in Richtung Funk und Pop/Soul, auch da platzierte er sich regelmäßig in den Charts. Kenner schätzen sein stilvolles Gitarrenspiel und seinen gepflegten Sound. Immer wieder tritt er bis heute als reiner Jazzgitarrist auf. Ich hatte das Glück, ihn in den neunziger Jahren einmal live zu erleben – in historischer Kulisse alter römischer Thermen in Trier.

1985 veröffentlichte er das Album „20/20“, sein bis dahin 22. Studioalbum. „20/20 Vision“ ist eine US-amerikanische Bezeichnung für die Sehschärfe: Wenn man aus 20 Fuß Entfernung (ca. sechs Meter) eine gewisse Zeichengröße noch fehlerfrei lesen kann, hat man volle Sehschärfe. Umgangssprachlich spricht man bei „20/20 Vision“ auch davon, den vollen Durchblick zu haben.

„If I knew back then what I know now
If I understood the what, when, why and how“

Leider ist es uns nicht vergönnt, die heutige Situation an den Kapitalmärkten und die politischen Einflussfaktoren bereits jetzt bewerten und vor allem vorhersagen zu können. Wir können nur versuchen, den Durchblick zu behalten – eine Art „20/20 Vision“. Bevor ich mich aber an eine Prognose für das jetzt begonnene Jahr wage, vorab ein kurzer Rückblick: 2019 war an den Kapitalmärkten ein durchaus bemerkenswertes Jahr: Bemerkenswert zum einen, weil viele Aktienmärkte das beste Jahr seit 2013 verzeichnen konnten. Wertzuwächse von durchschnittlich 25 Prozent, bei US-Technologietiteln sogar von durchschnittlich 50 Prozent, waren zu erzielen. Auch die Anleihemärkte konnten zulegen, die Renditen von Staatsanleihen sind deutlich zurückgekommen. Bemerkenswert war die Entwicklung aber vor allem, weil sich gleichzeitig das politische Umfeld nicht entspannt, sondern sogar verschärft hat: Die USA und China haben sich im Jahresverlauf mit immer neuen Strafzöllen überzogen und das europäische Dauerthema Brexit ist mehrfach in die Verlängerung gegangen. In der Folge hat sich die Weltkonjunktur merklich abgekühlt, besonders die exportabhängige deutsche Industrie bekam dies zu spüren und steckt seit Sommer vergangenen Jahres in der Rezession.

„And it doesn't really matter
What's been before“

Gerade zum Jahresende haben Investoren den Blick dann nach vorn gerichtet und das Vergangene abgehakt. Positiv bewerteten sie dabei die Entspannung im US-chinesischen Handelsstreit sowie den nun sicheren Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union zum 31. Januar nach dem deutlichen Wahlsieg von Boris Johnson. Die Aussichten für die Weltkonjunktur haben sich in der Folge auch wieder leicht verbessert. Nun muss man kein Visionär sein, um zu wissen, dass uns auch im Jahr 2020 die Geopolitik weiter in Atem halten wird. Zwar unterzeichnen die USA und China in der nächsten Woche aller Voraussicht nach ein erstes Teilabkommen, was eine Reduzierung bereits verhängter Strafzölle zur Folge haben sollte. Fakt ist aber auch, dass die weiteren Verhandlungen schwierig und konfliktbeladen sein werden. Es geht dabei um nicht weniger als um eine Öffnung des chinesischen Marktes sowie um den Schutz geistigen Eigentums. Auch beim Brexit ist der Austritt nur der erste Schritt. Hier folgen Verhandlungen um die zukünftige Zusammenarbeit Großbritanniens mit der EU. Diese dürften ebenfalls nicht ohne Streitigkeiten und Drohungen über die Bühne gehen. Und zu guter Letzt werden wir einen US-Wahlkampf erleben, den wir in seiner Härte wohl nur selten gesehen haben. Das von den Demokraten angestoßene Amtsenthebungsverfahren gibt bereits einen ersten Vorgeschmack darauf.

Das sind die „bekannten“ Unbekannten, die noch einigermaßen kalkulierbar sind. Nicht kalkulierbar hingegen sind die „unbekannten“ Unbekannten, die uns immer wieder völlig unvorbereitet treffen können. Das sieht man dieser Tage mit der Tötung des iranischen Generals Suleimani, dem engsten Vertrauten des geistlichen Oberhauptes Chamenei. Die USA haben damit eine mögliche Eskalation losgetreten, die die Vorgängerregierungen von Bush und Obama immer gescheut haben. Es drohen ein direkter militärischer Konflikt beider Länder und damit eine völlige Destabilisierung der Region. Zudem könnte der Iran mittels Seeminen die Straße von Hormus blockieren. Über diese Meerenge am Golf von Oman werden täglich knapp 18 Millionen Barrel Rohöl transportiert – ein Fünftel des globalen Bedarfs. Ein Ausfall dieser Menge hätte einen deutlichen Preisanstieg zur Folge, was mittelfristig die Weltkonjunktur spürbar treffen würde.

„But hindsight is 20/20 vision“
Hinterher ist man immer klüger, kennt das „what, when, why and how“. Aber gerade, weil man dies heute noch nicht kennt, ist Panik ein schlechter Ratgeber. Halten wir uns also an die bekannten Parameter: die Fortschritte im Handelsstreit und gesunkene konjunkturelle Unsicherheiten in Sachen Brexit. Die Notenbanken sind wieder deutlich expansiver geworden, was die Märkte zusätzlich stützt. Unternehmen weltweit blicken wieder etwas optimistischer in die Zukunft. Das alles bereitet den Nährboden für eine positive Entwicklung der Aktienkurse im laufenden Jahr, aber sicher nicht so stark wie 2019. Es gilt, die politischen Risiken im Blick zu behalten und gegebenenfalls neu zu bewerten. Das erfordert Flexibilität und aktives Handeln.
Damit wir auch Anfang 2021 rückblickend sagen können: „I’ll get it right“

8. Januar 2020 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
weiter zum nächsten Beitrag zurück zur Übersicht