Wochenklänge

„Empire State of Mind“

Alicia Keys, 2010

Wir befinden uns in der Karwoche, das höchste Fest des Christentums liegt vor uns. Der triumphale Einzug von Jesus und seinen Jüngern nach Jerusalem am Palmsonntag, die Verhaftung nur vier Tage später am Gründonnerstag. Am Karfeitag dann die Verurteilung und Hinrichtung und die glorreiche Auferstehung am Ostersonntag.

Die Leidensgeschichte Jesu beschreibt fast wie im Zeitraffer die Entwicklung der Kapitalmärkte: Noch Mitte Februar feierten die Jünger des Kapitalismus neue historische Höchstkurse, um nur wenig später für ihre Freude über den fortwährenden Aufstieg der Kurse „verurteilt“ zu werden. Die Verluste im Deutschen Aktienindex von knapp 40 Prozent in nur 20 Handelstagen kommen einer Hinrichtung ziemlich nahe, auch waren sie bisher einzigartig in der Börsengeschichte. Die um ihre Gewinne erleichterten Anleger warten nun auf die erlösende Auferstehung. In den vergangenen Handelstagen konnten sich die Aktien schon wieder teilweise deutlich von ihren Tiefstständen erholen. So hat auch der DAX seit dem 19. März knapp 20 Prozent zulegen können. Aber ist das nun schon die Auferstehung, die sich die Anleger erhoffen? Darüber könnte auch ein erneuter Stresstest für die Europäische Union entscheiden.

„Empire State of Mind”
Alicia Keys ist eine R&B-Sängerin, Produzentin und schreibt ihre Songs größtenteils selbst und auch für andere Künstler. Im Song „Empire State of Mind“, der ein Jahr zuvor vom Rapper Jay-Z aufgenommen wurde, drückt die stimmgewaltige gebürtige New Yorkerin ihre Gefühle zu ihrer Heimatstadt aus.

“Noise is always loud
There are sirens all around”

Es gibt wohl keine sichtbarere Auswirkung der Coronakrise als die Situation in New York: Die Stadt, die niemals schläft – sie steht still. New York ist mit knapp 77.000 Infizierten das Epizentrum der Epidemie in den USA. Aber auch außerhalb New Yorks breitet sich das Virus aus. Landesweit haben sich bereits rund 400.000 Menschen infiziert, 13.000 von ihnen sind an Covid-19 gestorben. Wie in Großbritannien, wo Premierminister Johnson zu spätes Handeln vorgeworfen wird, steht auch US-Präsident Trump in der Kritik. Zuerst verharmlost, dann andere beschuldigt – und heute will er alles schon längst vorher gewusst haben. Aber in dieser Situation verblasst der politische Streit um die Themen des vergangenen Jahres. Wer redet jetzt noch vom Brexit oder vom Handelsstreit?

Dafür droht ein anderer Streit, hier in Europa: Der Stillstand der Wirtschaft seit einigen Wochen wird zu einer tiefen Rezession führen, das ist mittlerweile unumstritten. Wie tief und wie lange sie dauern wird, kann derzeit keiner sagen. Für Deutschland rechnen Ökonomen im Mittel mit einem Einbruch der Wirtschaftsleistung im Gesamtjahr von ungefähr fünf Prozent – aber nur, wenn der Stillstand nicht noch deutlich länger andauert. Dieser Einbruch belastet den Staatshaushalt durch sinkende Steuereinnahmen. Zusätzlich müssen die öffentlichen Haushalte die enormen Hilfspakete finanzieren. Länder mit soliden Staatsfinanzen wie Deutschland, Österreich, die Niederlande oder Finnland verkraften das besser als z.B. Portugal und Italien mit Schulden weit über der Höhe ihres Sozialprodukts. Man spricht hier von einem „asymetrischen Schock“, der die einen stärker und die anderen weniger stark trifft.

Vor allem Italien rückt in den Fokus. Bereits jetzt liegt die Staatsverschuldung bei über 135 Prozent der Wirtschaftsleistung. In der Finanzkrise seit 2008 stieg die Verschuldung bis 2012 von 105 Prozent auf das aktuelle Niveau an. In den Folgejahren hat es Italien nicht geschafft, die Verschuldung zu reduzieren. Anders als Deutschland, deren Verschuldung von 82 Prozent auf aktuell rund 60 Prozent des BIP gefallen ist. Ökonomen erwarten, dass durch den wochenlangen Stillstand und die zusätzlichen Kosten zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise die Verschuldung Italiens bis Ende des Jahres auf 160 Prozent ansteigen könnte. Damit käme Italien – wie damals Griechenland – dem „Point of no return“ bedenklich nahe. Es droht eine Herabstufung des Ratings, die Finanzierungskosten würden in die Höhe schießen.

Viele Länder aus der Peripherie, aber auch Frankreich, sehen deshalb nun die Zeit gekommen für „Eurobonds“, oder „Coronabonds“. Damit ist eine Schuldenaufnahme eines Landes gemeint, für das alle anderen Länder der Eurozone gemäß ihres Kapitalschlüssels haften würden. Deutschland stünde damit mit über 25 Prozent der über diese Bonds emittierten neuen Schulden Italiens im Feuer. Der Maastrichter Vertrag schließt dagegen in Artikel 125 ganz klar eine gemeinschaftliche Haftung aus. Damit argumentieren auch Deutschland und andere Länder gegen diese Art der Finanzierung. Vielmehr sei der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) mit einer Feuerkraft von aktuell über 400 Milliarden Euro ausreichend zur Krisenfinanzierung. Viele sehen die aktuelle Situation noch viel mehr als einen Stresstest oder Härtetest für den Zusammenhalt der Union als die Euro- und Finanzkrise. Es gilt Solidarität zu zeigen, und dazu ist Deutschland absolut bereit. Aber der aktuelle Streit unter den EU-Finanzministern, mit welchem Geld aus welchen Töpfen hier ein Rettungspaket geschnürt werden soll, zeigt die üblichen Unstimmigkeiten. Es gilt aber auch Verträge und Vereinbarungen einzuhalten. Wenn das nicht gelingt, hätten auch andere Länder einen Freifahrtschein und würden eine Verallgemeinerung der Haftung für Staatsschulden forcieren.

„If I can make it here, I can make it anywhere, that's what they say“
Wenn Du es hier schaffst, schaffst Du es überall, zitiert Alicia Keys den Klassiker von Frank Sinatra. Hoffen wir, dass dies auch die Verantwortlichen in der Europäischen Union schaffen, und nicht Corona der Beginn vom Ende der Union ist, wie wir sie kennen.

Die Wochenklänge gehen jetzt in die Osterferien, die nächste Ausgabe lesen Sie am 20. April.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien ein paar schöne erholsame Feiertage und ein, wenn auch von außen auferlegtes, entschleunigtes Osterfest. Bleiben Sie gesund!

8. April 2020 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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