Wochenklänge

„Money“

Pink Floyd, 1973

Gleich zwei Mal machte es in der vergangenen Woche „Wumms“ und es fiel „Money“ zwar nicht vom Himmel, aber mit dem 130-Milliarden-Euro-Konjunkturprogramm der Bundesregierung und der Ausweitung des Anleihekaufprogramms der Europäischen Zentralbank um noch einmal 600 Milliarden Euro wurden die bis dato schon historisch einmaligen geld- und fiskalpolitischen Corona-Hilfen noch ein bisschen einmaliger. Ums liebe Geld geht es auch im gleichnamigen Song der britischen Kult-Band Pink Floyd. Deshalb ist dieser zwar für Wirtschaft und Finanzmärkte nahezu immer tauglich. Seinen Weg in die Wochenklänge findet „Money“ heute aber in der Hoffnung, dass die aktuell erreichten finanziellen Dimensionen für längere Zeit auch einmalig bleiben werden.

Ein Meilenstein der Musikgeschichte
Der Song „Money“ ist auf dem achten Album der 1965 gegründeten britischen Band „Pink Floyd“ erschienen. Das Album „The Dark side oft the moon“ gilt bis heute als Meilenstein und gehört zu den am meisten verkauften Alben aller Zeiten. Damit verabschiedete sich Pink Floyd vom Psychodelic Rock, man wollte nicht länger den Soundtrack für den Drogenkonsum liefern. Stattdessen wollte die Band ein Album schaffen, das sich der Wirklichkeit widmet: Krieg, Isolation, die Herrschaft des Geldes und die Hektik der Gegenwart. Wegweisend war es auch in der Verwendung von Klangschleifen sowie der gerade neu entwickelten digitalen Synthesizer. Die Musik klingt bis heute frisch und modern und die Texte zeigen wie damals einen klaren Blick auf die dunkle Seite der Menschheit.

„Money, it's a gas
Grab that cash with both hands and make a stash
New car, caviar, four star daydream,
Think I'll buy me a football team“

Geld ist klasse, ich greife mit vollen Händen danach. Ein neues Auto, Kaviar, Vier-Sterne-Urlaub oder vielleicht ein Football-Team – letzteres vielleicht nicht gerade, aber von den anderen Wünschen sollten wir uns schon den einen oder anderen erfüllen, geht es nach dem Willen der großzügigen Spender aus Geld- und Fiskalpolitik. Zusätzlich zu einem bereits milliardenschweren Krisenprogramm hat die Große Koalition in Berlin in der vergangenen Woche weitere 130 Milliarden Euro auf den Weg gebracht, die Deutschland mit einem – so Finanzminister Scholz wörtlich – „Wumms“ aus der Krise führen sollen. Das Positive vorweg: Es sind 130 Milliarden Euro, die ohne das gefährliche Coronavirus ihren Weg vermutlich nicht so ohne Weiteres aus dem Staatshaushalt hinein in die Wirtschaft oder wohin auch immer gefunden hätten. Denn noch Wochen vor Ausbruch der Gesundheitskrise war die „schwarze Null“ oberstes Gebot in Berlin und an ihr durfte nicht gerüttelt werden, um die zukünftigen Generationen nicht im Schuldensumpf ersticken zu lassen. Und nun das: eine zeitlich begrenzte Senkung der Mehrwertsteuer hier, ein einmaliger Kinderbonus von 300 Euro da und dazu noch billigerer Strom auf Pump – frei nach dem Motto „viel hilft viel“ verteilt Berlin die jahrelang zusammengesparten Milliarden nun mit der Gießkanne über das Land. Ob all diese Maßnahmen bei immer noch rekordhoher Kurzarbeit und einer Rezession, wie sie die Welt seit dem Krieg nicht mehr erlebt hat, aber tatsächlich aus den Wünschen und Träumen der Konsumenten Käufe machen, ist eher fraglich.

„Money, it's a crime
Share it fairly but don't take a slice of my pie
Money, so they say
Is the root of all evil today“

Geld kann auch ein Verbrechen sein, die Wurzel allen Übels. Geld soll gerecht verteilt werden, aber bitte nicht zu meinen Lasten. Ob das Geld, das die internationalen Zentralbanken derzeit so üppig zur Verfügung stellen, „gerecht“ verteilt wird, darf kritisch hinterfragt werden. Nur zwei Tage nach dem Berliner Geldsegen legte die durch die Krise so richtig in Fahrt kommende Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, nach und packte auf das bereits 750 Milliarden Euro schwere Anleihekaufprogramm noch einmal 600 Milliarden drauf – als wenn es das Urteil aus Karlsruhe nie gegeben hätte. Und übrigens auch, nachdem sie noch Mitte März betonte, dass die Reaktion auf diese Krise in erster Linie finanzpolitisch sein sollte. Zugegeben, die Regierungen haben durchaus vorgelegt und die Erwartungen in diese Richtung übertroffen. Aber warum man bei der EZB nicht noch etwas gewartet hat, bis die ersten 750 Milliarden ihre Wirkung entfalten oder nicht, darf durchaus diskutiert werden. Vielleicht wollte man aber auch den Kollegen bei der Fed in New York in nichts nachstehen, die ihrerseits ebenfalls über zwei Billionen Dollar in den Geldkreislauf gepumpt haben, um die Corona-Schäden abzumildern. Und wie oft hieß es vor der Coronakrise, die großen Notenbanken hätten ihre Möglichkeiten nahezu ausgeschöpft. Weit gefehlt: Nun feuert die Geldpolitik gemeinsam mit der Fiskalpolitik aus allen Rohren – wohin es führt, kann derzeit niemand genau sagen.

Fazit: Die Realität kann die Börse genauso schnell wieder einholen, wie sie ihr zuvor enteilt ist
An einem Ort ist die Liquidität allerdings schon angekommen: an den Kapitalmärkten, die in einem nahezu irrationalen Überschwang das Thema Corona scheinbar bereits abgehakt haben und die Akteure bereits Wetten darüber abschließen, wann die alten Höchststände in den Indizes wieder erreicht werden. Der amerikanische Technologieindex Nasdaq ist an diesem Punkt schon angekommen und gestern auf ein neues Allzeithoch gestiegen. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass die breiten Indizes an Wall Street, aber auch der DAX in Frankfurt nachziehen werden. Ebenso wenig ist ausgeschlossen, dass die Realität die Börse genauso schnell einholt wie sie ihr zuvor enteilt ist. Und diese Realität ist nun eben mal noch die Kombination aus einer historischen Rezession und deutlichen Gewinnrückgängen bei den Unternehmen.

9. Juni 2020 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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