Wochenklänge

„It ain’t over ‘til it’s over“

Lenny Kravitz, 1991

Sie vermuten richtig, liebe Leser! Der Handelsstreit der USA mit China – wobei man aber eigentlich auch sagen kann – dem Rest der Welt beschäftigt die Kapitalmärkte weiter und findet ein weiteres Mal Einzug in die Wochenklänge, unserer musikalischen Begleitung des aktuellen Weltgeschehens und seinem Einfluss auf die Finanzmärkte. „It ain’t over ‘til it’s over“ – es ist eben leider erst vorbei, wenn es vorbei ist. Auch wenn der US-Rockmusiker Lenny Kravitz in diesem Song das Ende der Beziehung zu seiner damaligen Frau verarbeitet, was US-Präsident Trump uns in Sachen Handelsbeziehungen nun schon seit zwei Jahren auftischt, findet wohl keine passendere musikalische Assoziation

Im nächsten Jahr wieder auf Tour – Lenny Kravitz
Der US-Rockmusiker kam von zu Hause aus schon früh mit Soul, Pop und Jazz in Berührung. Als Autodidakt brachte er sich schnell Gitarre, Bass, Schlagzeug und Klavier bei. 1989 veröffentlichte er dann sein erstes Album „Let Love Rule“. Seine Plattenfirma war von dem Retro-Sound nicht sonderlich begeistert, von Kritikern und Hörern wurde das Debut hingegen positiv aufgenommen. Später schrieb er Songs für Madonna und Mick Jagger und arbeitete unter anderem mit Tom Petty zusammen. 2020 geht Lenny Kravitz wieder auf Welttournee und wird auch einige Auftritte in Deutschland absolvieren. Dabei dürfte er sicher auch den Klassiker „It ain’t over ‘til it’s over“ spielen. Veröffentlicht hat er den Song 1991 auf dem Album „Mama said“. Er verarbeitet darin die Trennung von seiner damaligen Frau, der Schauspielerin Lisa Bonet – viele kennen sie vielleicht noch als Denise Huxtable aus der Fernsehserie „Die Bill Cosby Show“

„It ain’t over ‘til it’s over“
Die Märkte haben in den vergangenen Wochen zwar nicht das Ende des Handelskrieges, wohl aber ein Ende der Eskalation eingepreist. Man vertraute auf die regelmäßigen Aussagen, USA und China stünden kurz vor der Unterzeichnung eines ersten Teilabkommens. Der Dämpfer folgte so dann am Montag vergangener Woche: US-Präsident Trump verhängte Strafzölle gegen Brasilien und Argentinien. Er begründete sie damit, dass diese Länder bewusst ihre Landeswährung abwerten, um gegenüber den USA Wettbewerbsvorteile zu erlangen. Gerade bei Argentinien ist dieses Argument absolut hanebüchen. Wegen der innenpolitischen Lage und der drohenden Staatspleite hat es eine massive Kapitalflucht gegeben, was zu der starken Abwertung des Peso geführt hat – ich erinnere an meine Wochenklänge „Don’t cry for me Argentina“ vom 04. November. Der wahre Grund der Strafzölle gegen beide Länder düfte wohl eher sein, dass China als Folge der bisherigen Strafzölle vermehrt Agrarprodukte aus diesen beiden Ländern bezieht. Auch wenn dies nur ein Nebenkriegsschauplatz in den aktuellen Handelsstreitigkeiten ist – es zeigt einmal mehr die Unberechenbarkeit des US-Präsidenten.

„How many times
Did we give up
But we always worked things out“

Schon mehrfach gab es in diesem Konflikt unerwartete Wendungen, auf eine Eskalation folgte stets die Deeskalation und so weiter. Hoffen und Bangen lagen eng beieinander. Die Zeit des Taktierens und Drohens dürfte jedoch bald vorbei sein. Von amerikanischer Seite wurde zuletzt mehrfach betont, dass es zu der angedrohten Ausweitung des Strafzölle gegen China kommt, sollte bis zum 15. Dezember kein Teilabkommen unterzeichnet sein. „Well you have a logical deadline Dec. 15. If nothing happens between now and then, the president has made quite clear he’ll put the tariffs in – the increased tariffs“, betonte US-Handelsminister Wilbur Ross kürzlich gegenüber dem Fernsehsender FOX. Sein Chef, Präsident Trump, ist sogar der festen Überzeugung, dass die Strafzölle der US-Wirtschaft nicht schaden – rekordhohe Aktienkurse an der Wall Street sind für ihn der Beweis. Die angedrohte Ausweitung der Strafzölle nun würde vor allem Konsumprodukte betreffen: Kleidung, Spielzeug, Elektronik. Und das sollte vor allem den Konsumenten in den USA voll treffen. Trump droht damit zum „Grinch“ zu werden, der das Weihnachtsfest verhagelt.

Aber auch auf einer anderen politischen Baustelle, die uns seit Jahren beschäftigt, steht eine weichenstellende Entscheidung an: Am Donnerstag wählen die Briten ein neues Parlament. Damit könnte wieder Bewegung in den festgefahrenen Brexit-Zug kommen. Premier Johnson will den Brexit um jeden Preis, ob mit oder ohne Deal. Oppositionsführer Jeremy Corbyn hingegen weiß nicht wirklich, was er will. Zwar ist auch er ein EU-Skeptiker, hält sich aber mit einer klaren Positionierung zurück. Er stellt lediglich ein neues Referendum in Aussicht, sollte er die Wahl gewinnen. In den letzten Umfragen führen die regierenden Konservativen um Premier Johnson zwar mit rund 43 Prozent deutlich, haben zuletzt aber etwas von ihrem Vorsprung eingebüßt. Labour dagegen hat deutlich aufgeholt und liegt derzeit bei 33 Prozent.

„And all my doubts and fear
Kept me wondering“

Eine gesundes Maß an Skepsis und Zurückhaltung bleibt angebracht. Die anstehenden politischen Entscheidungen dürften sowohl über die verbleibenden Wochen dieses Jahres als auch darüber entscheiden, wie die Börse ins Jahr 2020 startet. Kommt ein Deal mit China und fällt die Ausweitung der Strafzölle aus und gibt es eine klare Wahlentscheidung in Großbritannien und damit eine größere Wahrscheinlichkeit eines geregelten Brexit – die Märkte würden es wohl mit steigenden Kursen honorierern. Andernfalls drohen zum Jahresende Turbulenzen, die aufgrund der dann wieder größeren Unsicherheit bis ins Jahr 2020 anhalten dürften. Denn es waren vor allem die Hoffnungen auf politische Entspannung und keine weiteren negativen Auswirkungen auf die Konjunktur, die uns bislang ein sehr gutes Aktienjahr 2019 und vor allem die gute Kursentwicklung seit dem Sommer beschert haben. Es ist aber erst vorbei, wenn es vorbei ist – und das kann noch dauern. Gerade der Streit zwischen den USA und China dürfte uns noch eine Weile beschäftigen, auch wenn es zu einem „Waffenstillstand“ bei den Strafzöllen kommen sollte.

9. Dezember 2019 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
weiter zum nächsten Beitrag zurück zur Übersicht