Wochenklänge

„Who cares“

George und Ira Gershwin, 1931

Die Brüder George und Ira Gershwin gehören zu den berühmtesten Musical- und Opernkomponisten der 1920er und 1930er Jahre. George Gershwin entdeckte als Komponist den Blues und Jazz für die bis dahin überwiegend weiße Musikkultur, aber auch klassische Elemente wurden in den Songs verarbeitet. Zu seinen bekanntesten Werken gehören „Rhapsody in blue“ von 1924 sowie die Oper „Porgy and Bess“ von 1935. 1931 schrieben die beiden das Musical „Of Thee I Sing“ – eine Politsatire, die als erstes Musical mit dem renommierten Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Der Song „Who cares“ wurde später von vielen großen US-Musikern aufgenommen, unter anderem von Fred Astaire, Sammy Davis Jr., Ella Fitzgerald, Judy Garland und Tony Bennett.

„Let it rain and thunder,
Let a million firms go under!
I am not concerned with
Stocks and bonds that I've been burned with!“

Gershwin schrieb diese Zeilen zwei Jahre nach dem großen Börsencrash 1929: „Auch wenn ich mir mit Aktien und Anleihen die Finger verbrannt habe – das ängstigt mich nicht.“ Die Situation heute, nach über zehnjähriger Aktienhausse, ist sicher eine völlig andere. Dennoch zeigen die Märkte aktuell eine erstaunliche Gelassenheit. Sowohl die Befürchtungen einer militärischen Eskalation zwischen den USA und dem Iran Anfang Januar wie auch die weiterhin steigenden Zahlen der vom Coronavirus infizierten Personen haben die Investoren innerhalb kurzer Zeit abgeschüttelt. Selbst kleinere Rückschläge werden genutzt, um wieder in den Markt einzusteigen und damit die Indizes auf neue historische Höchstkurse zu treiben.

Neben der erwarteten weiterhin expansiven Geldpolitik der Notenbanken haben gute Konjunkturdaten aus den USA die Risikobereitschaft steigen lassen: Die Stimmung in der amerikanischen Industrie hat sich deutlich aufgehellt, die Aufträge steigen und auch der US-Arbeitsmarkt boomt weiterhin. Zwar stieg die Arbeitslosenquote zuletzt von 3,5 auf 3,6 Prozent. Das lag aber daran, dass sich wieder mehr Amerikaner um einen Job bemühen und sich dem Arbeitsmarkt quasi „zur Verfügung stellen“. Ein gutes Zeichen, sehen sie doch aktuell Chancen, eine attraktive Beschäftigung zu finden.

In Europa und speziell Deutschland hingegen hat sich das konjunkturelle Bild noch nicht wirklich aufgehellt. Zwar erwarten viele Analysten ein stärkeres Wachstum als im Vorjahr, wirklicher Optimismus ist in den Chefetagen jedoch noch nicht zu spüren. Gerade die deutsche Industrie schaut mit Sorge nach China, dem wichtigsten Handelspartner Deutschlands.

„Why should I care?
Life is one long jubilee“

Und doch sollte man sich ein wenig Sorgen machen, denn das Leben als Investor ist leider kein einziges Freudenfest. Noch ist nicht absehbar, wie stark die Ausbreitung des Coronavirus die Wirtschaft Chinas schwächen wird. Manche rechnen mit einem Nullwachstum im ersten Quartal, im Gesamtjahr 2020 könnte das Wachstum Chinas um 0,5 bis 1,0 Prozentpunkte niedriger ausfallen. Zwar haben viele Betriebe in China seit Anfang der Woche wieder geöffnet, dennoch können einige Lieferketten global agierender Unternehmen, die Vorprodukte aus China beziehen, gestört werden. Die Zahl der Infizierten gerade in China steigt zwar noch weiter an, die Dynamik allerdings lässt etwas nach. Noch glaubt man, dass die chinesische Wirtschaft in den nächsten Monaten nur eine kleine Wachstumsdelle erleiden wird, was längerfristig für die Weltwirtschaft ohne Folgen wäre. Verbreitet sich das Virus jedoch weiterhin auch in anderen Ländern, sollten Investoren doch anfangen, sich Sorgen zu machen. Bis dahin dürfte die Rekordjagd an den Aktienmärkten wohl erst einmal weiter gehen.

11. Februar 2020 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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