Wochenklänge

„No Mercy”

Nils Lofgren, 1979

„No Mercy“ – fast schon inflationär wurde dieser Titel für Filme, Songs und ganze Bands gebraucht. Auch Sie haben vielleicht im ersten Moment an die Boyband mit ihren nervigen Ohrwürmern „Where do you go“ und „Please don‘t go“ aus den wilden 90ern gedacht. Aber wer meinen Musikgeschmack inzwischen kennt, dürfte geahnt haben, dass ich den musikalischen Verwirrungen dieser Zeit „keine Gnade“ erweise und mich doch eher dem Song eines amerikanischen Rock-Gitarristen namens Nils Lofgren widme. „No Mercy“ erzählt die Geschichte eines Boxkampfs zwischen einem alternden Champion und seinem jungen Herausforderer um die Weltmeisterschaft.

Einer der besten Gitarristen aller Zeiten
Bereits 1968 im zarten Alter von 17 Jahren gehörte Nils Lofgren der erfolgreichen Band des kanadischen Musikers Neil Young an. Beide stehen übrigens in diesen Tagen erstmals seit 1973 wieder gemeinsam auf der Bühne, um ihr vor drei Wochen erschienenes Album „Colorado“ vorzustellen. Lofgren selbst wurde damals sogar als Kandidat für die Nachfolge des Gitarristen Mick Taylor bei den „Rolling Stones“ gehandelt. In Deutschland wurde er Mitte der 1970er Jahre vor allem durch seine regelmäßigen Auftritte im „Rockpalast“ bekannt. 1984 war er für fünf Jahre Mitglied in der „E Street Band“ von Bruce Springsteen. Seine Plattenveröffentlichungen wurden regelmäßig hoch gelobt, waren aber nie kommerziell erfolgreich. Eines seiner Markenzeichen war, bei Live-Konzerten Trampolin zu springen, während er Gitarre spielte. Den Song „No Mercy“ veröffentlichte Lofgren im Jahr 1979 auf seinem Album „Nils“.

„No Mercy”
„Keine Gnade“ – so lautet auch derzeit die Devise der Demokraten in den USA. Nachdem sie sich lange gegen ein Amtsenthebungsverfahren gesträubt hatten, haben sie mit der Ukraine-Affäre ihre Einstellung geändert. Seit Wochen befragt die demokratische Mehrheit im Kongress nun Zeugen zu den Vorgängen, noch hinter verschlossenen Türen. Was davon bislang veröffentlicht wurde, bestärkt den Anfangsverdacht: Donald Trump hat Militärhilfen für die Ukraine von 400 Millionen US-Dollar zurückgehalten und die Auszahlung an belastende Informationen über den Sohn des demokratischen Bewerbers um eine Kandidatur 2020, Biden, geknüpft. Hochrangige Diplomaten und Militärs, teils Ohrenzeugen des Telefonats, belasten den Präsidenten wie auch seinen persönlichen Anwalt Rudy Giuliani schwer. Von einer „Kampagne voller Lügen“, einer „Schmierenkampagne“ ist die Rede, zudem sollen Diplomaten massiv unter Druck und sogar bedroht worden sein.

„Third round late he starts to tire
Open cut over his left eye“

In der dritten Runde ist der ältere Champion schon stark angeschlagen – müde, und mit einer klaffenden Wunde über dem Auge versehen. Donald Trump ist zwar auch angeschlagen, aber anders als der Boxer noch lange nicht müde. Seine Tweets überschlagen sich voller Hass, Vorwürfen und Beleidigungen. Die Zeugen werden als Vaterlandsverräter und teils sogar als Spione beschimpft, alles sei eine einzige Hexenjagd, die „größte in der amerikanischen Geschichte“. Das Weiße Haus verweigert zudem jede Kooperation. Kein Mitarbeiter der Regierung wird aussagen, keine Dokumente werden ausgehändigt, selbst unter Strafandrohung nicht. Auch ehemalige Regierungsmitarbeiter, wie der im September entlassene Sicherheitsberater John Bolton, bekamen vom Weißen Haus einen Maulkorb verpasst. Nach einer gerichtlichen Prüfung ist Bolton dennoch bereit, vor dem Justizausschuss auszusagen. Seine Vorladung wäre besonders brisant, da er bereits früher das Vorgehen von Trumps Anwalt Giuliani in dieser Affäre untersuchen lassen wollte. Bolton wollte damals nicht Teil des „Drogendeals“ sein und bezeichnete Giuliani als „Handgranate, die noch jeden in die Luft sprengen wird.“

„No mercy!
Put him away, don't let him recover!“

Das Publikum des Boxkampfes feuert den Herausforderer an, fordert keine Gnade. Anders die US-Bürger: sie sind gespalten. In einer aktuellen Umfrage befürworten 48 Prozent eine Amtsenthebung. Das sind zwar acht Prozentpunkte mehr als noch vor Bekanntwerden der Vorwürfe, aber keine überzeugende Mehrheit. 44 Prozent wiederum lehnen ein Verfahren ab. Bei den Anhängern der republikanischen Partei sind sogar nur knapp 11 Prozent dafür, und dieser Wert liegt nur geringfügig über denen der Vergangenheit. Innerhalb der republikanischen Partei sind die Reihen bis auf einige wenige Ausnahmen ziemlich geschlossen, man äußert kaum offene Kritik an Trump. Das kann sich mit fortschreitenden Erkenntnissen und Beweisen jedoch ändern, und für viele Republikaner könnten die Regionalwahlen der vergangenen Woche ein Warnzeichen sein. Bei der Parlamentswahl in Virginia haben die Demokraten erstmals seit 20 Jahren die Mehrheit in beiden Häusern geholt. In Kentucky, einem konservativen und traditionell republikanischen Bundesstaat, hat der Kandidat der Demokraten die Gouverneurswahl knapp vor dem republikanischen Amtsinhaber gewonnen. Auch wenn man das Votum in erster Linie als eine Abstimmung gegen den ungeliebten Gouverneur werten muss, darf man nicht vergessen, dass noch vor drei Jahren dort 62 Prozent der Wähler für Trump als US-Präsident gestimmt haben. Die republikanischen Senatoren, auf die es bei einer Amtsenthebung ankommt, werden sehr genau auf die Stimmung in der Bevölkerung hören müssen. Denn letztlich muss der Senat über eine Amtsenthebung entscheiden. Und hier haben die Republikaner die Mehrheit. Turnusgemäß werden am Tag der nächsten Präsidentschaftswahl am 3. November 2020 auch 35 der 100 Senatoren neu gewählt – 23 davon sind Republikaner. Sollte sich die Stimmung in der Bevölkerung stärker gegen Trump richten, werden sie sich entscheiden müssen, ob sie weiter zu Trump halten und damit eventuell ihre Wiederwahl riskieren oder doch eher für eine Amtsenthebung stimmen und so den Demokraten die Zweidrittel-Mehrheit verschaffen, die sie für eine faktische und dann rechtlich nicht mehr anfechtbare Amtsenthebung benötigen.

Fazit: „Jeder hat solange einen Plan, bis er eins auf die Fresse bekommt.“
Dieser Satz stammt von Box-Legende Mike Tyson, berühmt und berüchtigt für seine große Klappe und markige Sprüche. Ein Schelm, wer jetzt an Donald Trump denkt, aber auch der dürfte einen Plan verfolgen und darin von zwei Dingen ausgehen: Erstens kann er sich solange auf seine republikanische Stammwählerschaft verlassen, wie er ihnen liefert, was er versprochen hat. Wie lange ihm die eigene Partei mit fortschreitenden Ermittlungen in der Ukraine-Affäre allerdings noch die Stange hält, ist hingegen offen. Und zweitens hängen seine Chancen für eine Wiederwahl in einem Jahr stark von der Verfassung der US-Wirtschaft ab. „It’s the economy, stupid“ war der Slogan von Bill Clinton im Wahlkampf 1992, als er den Amtsinhaber George Bush sen. besiegte, nachdem die USA in die Rezession gerutscht waren. Um die Wirtschaft aber stabil zu halten, ist eine schrittweise Lösung des Handelskonflikts mit China nötig. Gleichzeitig muss Trump es so aussehen lassen, dass er gegenüber seinen Wählern als Sieger dasteht. Eine weitere Entspannung des derzeit größten Risikofaktors ist damit wahrscheinlicher geworden, entsprechend risikofreudiger agieren die Investoren. Zudem mehren sich die Anzeichen einer Stabilisierung der Weltwirtschaft, vor allem in Deutschland und der Eurozone. Das Börsenjahr 2019 wird damit zur Überraschung vieler wohl als das beste seit 2009 enden, bereits jetzt liegen die globalen Aktien gemessen am MSCI Welt über 20 Prozent im Plus. Gerade in den vergangenen Wochen hat Hoffnung die Kurse getrieben. Das Jahr 2020 dürfte deshalb deutlich herausfordernder werden, da die Erwartungen dann durch harte Fakten und Zahlen bestätigt werden müssen. Zudem erwartet uns ein Präsidentschaftswahlkampf, der aufgrund der zunehmenden Spaltung und Polarisierung der Gesellschaft in einer Weise geführt werden dürfte, wie man es bislang nur selten erlebt hat. Das nächste Jahr dürfte also wahrlich kein leichtes an den Aktienmärkten werden. Aber das wird von den Investoren derzeit noch ausgeblendet.

11. November 2019 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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