Wochenklänge

„Mask“

Iggy Pop, 2001

Iggy Pop ist ein musikalisches Urgestein, der „Godfather of Punk“. Der heute 73-jährige begann seine musikalische Laufbahn Anfang der 1960er Jahre als Schlagzeuger in diversen Bands und ging einige Jahre später nach Chicago um den Blues zu studieren. Als er Lou Reed, damals Sänger der Band „Velvet Underground“ aus der Factory von Andy Warhol hörte, kam er zu der Erkenntnis: Man muss nicht singen können, um erfolgreich zu sein. Sein musikalischer Stil, seine Bühnenauftritte und sein Lebensstil wurden immer extremer, gemeinsam mit seinem Mentor David Bowie ging er 1976 nach Berlin, um zu „regenerieren“. In den 1980er Jahren erlebte er ein erfolgreiches Comeback und sein 1986 erschienener Song könnte ihn nicht treffender beschreiben: "I'm a real wild one". Bis heute ist er aktiv und veröffentlicht regelmäßig Platten.

„Are you my friend?
Are you my plumber?
Are you my God?
What do you do?
Wearing a mask“

Lange hat sich Donald Trump geweigert, in der Öffentlichkeit eine Maske zum Schutz vor Ansteckungen mit dem Covid-19-Erreger zu tragen – selbst an Orten, an denen es eine Maskenpflicht gab. Sein Argument: Es sei eines Präsidenten einer Weltmacht unwürdig, zudem ließe er sich regelmäßig testen. Die damit verbundene politische Haltung wurde von seinen engsten Anhängern verinnerlicht und die seit seinem Amtsantritt zunehmende Spaltung der amerikanischen Gesellschaft verschärfte sich. Masken zu tragen galt bei Trump-Anhängern als unpatriotisch, Maskenträger sind in ihren Augen vaterlandslose Gesellen. Viele Trump-Anhänger haben noch vor zehn Tagen entgegen aller Empfehlungen den Unabhängigkeitstag dicht gedrängt und ohne Maske gefeiert.

Nun aber doch – Trump trug beim Besuch eines Militärkrankenhauses am vergangenen Samstag öffentlich eine Maske. Wohl kein Sinneswandel, eher hat er sich angesichts massiv steigender Neuinfektionen von seinen Beratern umstimmen lassen. Gerade in den letzten Wochen wurde die innerparteiliche Kritik am Verhalten Trumps in der Corona-Pandemie größer, der Druck stieg. Seine Anhängerschaft hingegen spart nicht mit Kritik: Trump sehe mit Maske nicht aus wie der „Lone Ranger“, sondern eher wie der Massenmörder Hannibal Lecter aus „Das Schweigen der Lämmer“ war ein Twitter-Kommentar eines Trump-Anhängers.

„You're wearing a mask
You look better that way“

Experten wie der amerikanische Virologe Anthony Fauci und die Weltgesundheitsbehörde WHO warnen seit Wochen davor, das Virus nicht ernst zu nehmen und weiterhin sehr vorsichtig zu sein. Gerade republikanisch regierte Bundesstaaten, die sehr früh dem Druck des Präsidenten nach einer Öffnung der Wirtschaft und Lockerungen der Bestimmungen nachgegeben haben, sehen sich nun mit rekordhohen Neuinfektionszahlen konfrontiert. In Texas, Florida, Arizona und South Carolina haben sich binnen eines Monats die bestätigten Neuinfektionen mehr als verdreifacht. Selbst in Kalifornien, das demokratisch regiert wird, haben sich die Zahlen auf Monatssicht verdoppelt. Einige Bundesstaten haben nun die Kehrtwende eingeleitet und verschärfen die Lockdown-Maßnahmen wieder. In Kalifornien werden der Besuch von Stränden, Bars und Restaurants stark eingeschränkt. Kalifornien, Texas und Florida haben einen Anteil an der US-Wirtschaftsleistung von über 28 Prozent. Kalifornien allein ist die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt, hinter Deutschland, vor Großbritannien und Frankreich. Damit droht die Wirtschaftserholung in den USA nach dem Absturz im Frühjahr einen empfindlichen Dämpfer zu erleiden.

„Where is the soul?
Where is the love?
Where am I?“

Und dabei wird es wieder einmal die Schwächeren in der Gesellschaft treffen. Der Niedriglohnsektor in der Gastronomie und im Freizeitsektor, in dem nur knapp 60 Prozent der durchschnittlichen Stundenlöhne gezahlt werden, war der Bereich, der am stärksten von Entlassungen getroffen wurde. Mit den Lockerungen begann er sich wieder zu erholen, dürfte aber auch von den erneuten Verschärfungen der Maßnahmen wiederrum am stärksten betroffen sein. Damit schlägt das Unvermögen der amerikanischen Politik sowohl auf Landesebene als auch auf Ebene vieler Bundesstaaten wieder am stärksten auf die nieder, die sowieso schon am unteren Rand der Gesellschaft stehen. Aber auch die amerikanische Mittelschicht sieht die aktuelle Politik des Präsidenten zunehmend kritischer. Die Zustimmungsraten, ermittelt vom Meinungsforschungsinstitut Gallup, sind mit aktuell 38 Prozent mit die schlechtesten seit Trumps Amtsantritt, zehn Prozentpunkte unter den Werten von Mitte Mai. Der designierte Herausforderer bei den Präsidentschaftswahlen im November, Joe Biden, führt die Umfragen mittlerweile mit knapp zehn Prozentpunkten an. Sollte nicht aus republikanischer Sicht noch ein Wunder geschehen, dürfte die Präsidentschaft Trumps auf eine Amtsperiode beschränkt bleiben.

Fazit:
Es gibt einige Regionen in der Welt, in der es neue Corona-Hot-Spots gibt und die jeweiligen Regierungen wieder die Zügel anziehen. Glücklicherweise blieb Europa bisher davon verschont – angesichts der feierwütigen Menge auf der Partymeile in Palma de Mallorca kann man nur hoffen, dass es auch so bleibt. Das Virus sei binär, sein einziger Zweck sei es sich zu vermehren, äußerte sich die Tage der Präsident des Robert-Koch-Institutes, Lothar Wieler. Und der Chef des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest, ergänzte in einem Interview im Spiegel: "Das Virus muss eingedämmt werden, bevor die Wirtschaft sich erholen kann". Das Virus wird uns wohl noch einige Zeit erhalten bleiben und damit auch die Unsicherheiten über die konjunkturelle Entwicklung und als Folge auch die Entwicklung an den Kapitalmärkten. Staatliche Hilfsprogramme helfen, aber die Wirtschaft kann sich erst nachhaltig und dauerhaft erholen, wenn die Pandemie eingedämmt wird. Und solange bleiben die Aktienkurse wie auch die Fieberkurve gelenkt von Sorgen und Hoffnungen.

14. Juli 2020 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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