Wochenklänge

„Such a shame“

Talk Talk, 1984

Talk Talk ist eine der bemerkenswertesten Bands der 1980er Jahre. Bei dem vielen „Schrott“, der in dieser Zeit die Charts eroberte, waren die Songs der 1981 gegründeten Band eine Ausnahme. Zwar war der musikalische Stil der Synthie-Pop und New Wave dieser Zeit, die Texte hoben sich aber durch ihre Ernsthaftigkeit von der Konkurrenz ab und erreichten Kultstatus. Verantwortlich dafür war Sänger Mark Hollis, der mit seinen Segelohren alles andere als ein Mädchenschwarm war und damit so gar nicht in das Muster der damaligen Zeit passte, in der Bands und ihre Mitglieder von Marketingstrategen quasi am Reißbrett entworfen wurden. Das Album „It’s my life“ brachte 1984 den kommerziellen Durchbruch – dichte Arrangements, tiefgründige Lyrik vorgetragen mit der melancholischen Stimme von Hollis. Für „Such a shame“, heute noch einer meiner absoluten Lieblingssongs dieser Zeit, wurde er inspiriert vom Buch „Der Würfler“ von Luke Rhinehart – Entscheidungen werden nach dem Würfelprinzip getroffen. Der Würfler stiehlt sich damit aus der Verantwortung, bis die Todeszahl 8 gewürfelt wird.

„Such a shame to believe in escape“
Schon die erste Zeile des Songs sagt: Es ist eine Schande, sich so aus der Verantwortung zu stehlen! „Schande“ ist auch die Reaktion von Teilen der konservativen Partei in Großbritannien, der Partei des amtierenden Premierministers Boris Johnson. Auch seine Vorgänger, John Major von den konservativen Tories und Tony Blair von der Labour Partei nennen sein Vorgehen „schamlos und gefährlich“. Was war geschehen, dass in dem an Wendungen und überraschenden Volten schon reichen Brexit-Prozess solche Reaktionen ausgelöst wurden?

Boris Johnson plant ein „Binnenmarktgesetz“ mit Regelungen, die die bisherigen Vereinbarungen mit der Europäischen Union aushebeln würden. Ein Bruch einer völkerrechtlich verbindlichen Einigung. Die sogenannte „Backstop“-Lösung sieht vor, dass die Grenze zwischen der Republik Irland, weiterhin Mitglied der Europäischen Union, und Nordirland als Teil des Vereinigten Königreiches kein EU-Mitglied mehr, für den Warenverkehr weiterhin offen bleibt. Damit werden Grenzkontrollen und Zölle an der inneririschen Grenze (die ja dann eine EU-Außengrenze ist) solange vermieden, bis eine Regelung zwischen der EU und Großbritannien in einem Austrittsabkommen vereinbart ist. Die EU will damit die Republik Irland schützen, die 85 Prozent ihrer Exporte über Großbritannien nach Frankreich transportiert. Großbritannien bliebe damit faktisch Mitglied der Zollunion, bis eine andere Regelung vereinbart würde. In einer komplizierten Einigung wurde dafür Nordirland handelsrechtlich ein wenig vom übrigen Königreich abgekoppelt, um die Grenze zur Republik Irland offen halten zu können.

Das will Johnson nun ändern: Nordirland solle nun „uneingeschränkten“ Zugang zum britischen Markt erhalten – den Bruch von völkerrechtlichen Verträgen würde man dabei bewusst in Kauf nehmen. Zudem sah der bisherige Vertrag vor, dass in Nordirland weiterhin die Subventionsbestimmungen der EU gelten, damit keine Dumpingzone entsteht. Mit dem aktuellen Gesetzesentwurf will sich Johnson aber auch hier nun vom EU-Recht lösen. Die Empörung ist groß. Die Glaubwürdigkeit der britischen Regierung steht auf Spiel, und das wenige Wochen vor dem Austrittstermin. Es droht nun doch eine harte Grenze von Nordirland zur Republik Irland, die nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen unbedingt vermieden werden sollte. Ein weiterer Grund ist, dass viele das sogenannte „Karfreitagsabkommen“ von 1998 gefährdet sehen. Mit diesem Abkommen wurde der jahrzehntelange blutige Konflikt zwischen dem protestantischen Norden und dem katholischen Süden Irlands beendet.

Aber auch in den USA ist die Empörung groß. Zehn Prozent der amerikanischen Bevölkerung haben irische Wurzeln. Grund dafür war eine starke Einwanderungswelle Mitte des 19. Jahrhunderts aufgrund einer großen Hungersnot, hervorgerufen durch eine Kartoffelfäule in Irland. Besonders an der Ostküste, in den Neuengland-Staaten, ist der Anteil der irisch-stämmigen Bevölkerung sehr hoch. Am bekanntesten sind sicherlich die Kennedys, deren Vorfahren mit der Einwanderungswelle in die USA kamen. Nancy Pelosi, demokratische Mehrheitsführerin im US-Kongress, drohte bereits damit, die Zustimmung zu einem Handelsabkommen zwischen den USA und Großbritannien zu verweigern, sollte das Karfreitagsabkommen in irgendeiner Weise gefährdet sein.

„'Til I'm finally left with an eight“
Und dann würfelt man die 8, bei einem Würfel mit sechs Seiten unmöglich und deshalb die „Todeszahl“. In dem Buch „Der Würfler“, Inspiration für den Songtext, überlässt der Protagonist immer mehr Entscheidungen dem Würfel – letztlich eine selbstgewählte Diktatur des Würfels. Auch Johnsons Entscheidungen seit Beginn des Brexit-Prozesses könnten mehr das Ergebnis eines zufälligen Würfelspiels und weniger eines professionellen politischen Handelns sein. Aber weder die EU noch andere Länder, mit denen Johnson Abkommen aushandeln möchte, sollten diese Sprunghaftigkeit weiterhin akzeptieren und stattdessen jetzt auf Vertragstreue und Gültigkeit bereits getätigter Abkommen pochen – oder andernfalls die Verhandlungen abbrechen.

„This eagerness to change
Such a shame“

Der Eifer, ja die Besessenheit, nun wieder alles anders machen zu wollen – eine Schande auch in den Augen vieler US-Politiker. Damit manövriert sich Boris Johnson politisch in eine gefährliche Situation. Nicht nur, dass er den harten Brexit mit der EU riskiert, auch ein für ihn wichtiges Handelsabkommen mit den USA, in die knapp ein Fünftel der britischen Exporte gehen, ist gefährdet. Die Reaktion der Märkte war eindeutig. Das britische Pfund hat binnen weniger Tage vier Prozent gegenüber dem Euro verloren, zum US-Dollar sogar fünf Prozent. Und der britische Aktienmarkt hinkt seit Wochen den anderen Börsen hinterher. Während viele Indizes ihre Kursverluste aus dem Corona-Crash nahezu wieder aufgeholt haben, liegt der britische Aktienindex immer noch mit knapp 17 Prozent im Minus.

14. September 2020 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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