Wochenklänge

„New Beginning“

Tracy Chapman, 1995

„New Beginning“ – Um einen Neustart geht es in den heutigen musikalischen Wochenklängen gleich in zweifacher Hinsicht. Zum einen setzt die Welt nach dem Wahlsieg von Joe Biden viel Hoffnung in einen Neustart der Vereinigten Staaten von Amerika nach vier – um es mal so zu formulieren – schwierigen Jahren Donald Trump. Einen Neustart wird es aber auch zum Jahreswechsel bei der Novethos Financial Partners geben, mehr dazu lesen Sie später. Zunächst wie immer ein paar Worte zur musikalischen Einordnung, gefolgt vom Blick in die USA.

Die kleine Lady mit dem großen Didgeridoo
„New Beginning“ ist ein Song aus dem gleichnamigen vierten Album von Tracy Chapman. Die zierliche Sängerin mit den kurzen Rasterlocken aus Cleveland/Ohio wurde im Sommer 1988 durch ihren Auftritt beim „Nelson Mandela 70th Birthday Tribute“ schlagartig einem Weltpublikum bekannt. Ihr Song „Talkin‘ bout a Revolution“ war bereits Thema in den Wochenklängen im Juli 2019 – ein Song, der für mich mit sehr persönlichen Erinnerungen verbunden ist. Nach dem Senkrechtstart 1988 und diversen Auszeichnungen wurde es kommerziell etwas ruhiger, das vierte Studioalbum „New Beginning“ war wieder das erfolgreichste seit Jahren. Eine amüsante Episode am Rande zu dem Song: Chapman spielte ein Didgeridoo, das traditionelle Instrument der australischen Aborigines. Dafür erntete sie heftige Kritik, denn das Spielen dieses Instrumentes ist in der Tradition der Aborigines den Männern vorbehalten.

World is broken into fragments and pieces
Once were joined together in a unified whole“

Die vier Jahre Präsidentschaft von Donald Trump haben das, was einst verbunden war, zerbrochen: Innenpolitisch sind tiefe Gräben entstanden, die amerikanische Gesellschaft ist so tief gespalten wie lange Zeit nicht mehr. Seine Steuersenkungen für Unternehmen und Vermögende hat die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert. Protestierende Bürger gegen die Polizeigewalt gegen Afroamerikaner hat er als radikale Linke, Anarchisten und als Mob bezeichnet, sein Verhalten hat so rechtsgerichteten und rassistischen Gruppen Auftrieb gegeben.

In seiner vierjährigen Amtszeit hat Trump gelogen, das Ansehen von Soldaten beschmutzt, kritische Politiker, Schauspieler und Sportler beschimpft, Menschen mit Behinderung nachgeäfft, Länder als „Drecksloch“ bezeichnet und hat mit Potentaten und autokratischen Regimen sympathisiert. Er hat jahrzehntelange Bündnisse in Frage gestellt, Verbündete vor den Kopf gestoßen und Amerikas Führungsrolle in der freien Welt aufs Spiel gesetzt. Und letztlich hat er in der größten Krise der USA seit Jahrzehnten, der Corona-Pandemie, kläglich versagt. Er hat alles andere seinem Machtwillen und den Bemühungen um seine Wiederwahl untergeordnet. Trump hat die Gesundheit und das Leben von Millionen Amerikanern bewusst aufs Spiel gesetzt, inklusive seiner eigenen und der seines engsten Umfeldes, wie seine Erkrankung vor vier Wochen gezeigt hat.

Dafür ist er nun vom Wähler abgestraft worden: Joe Biden, der demokratische Herausforderer, ist der 46. Präsident der Vereinigten Staaten. Nach aktuellem Stand entfielen 50,9 Prozent der abgegebenen Stimmen auf ihn. Über 78,6 Millionen Amerikaner stimmten für einen Wechsel und damit 5,5 Millionen mehr als für ein „weiter so“ unter Trump. Sah es anfangs noch nach einem engen und unsicheren Wahlergebnis aus, hat die spätere Auszählung der vielen Briefwahlstimmen zu einem komfortablen Vorsprung von 306 von nötigen 270 Wahlmännerstimmen geführt. Insgesamt konnten beide Parteien 23 Millionen mehr Wähler mobilisieren als noch vor vier Jahren, Trump hat sogar mehr Stimmen bekommen als Barack Obama bei seiner ersten Wahl 2008. Die von vielen erwartete „blaue Welle“ blieb jedoch aus, die Republikaner werden allem Anschein nach die Mehrheit im Senat behalten. Der gespaltene Kongress mit der demokratischen Mehrheit im Repräsentantenhaus bleibt für mindestens zwei weitere Jahre bestehen.

„The whole world's broke, it ain't worth fixing
It's time to start all over, make a new beginning“

„Die Welt ist zerbrochen, es lohnt sich nicht sie zu reparieren.“ Dass es sich doch lohnt, dafür ist Joe Biden in dieser Wahl angetreten. Einen Neubeginn starten. Die Herausforderungen, vor denen er steht, sind immens: Als erstes muss er die Ausbreitung des Coronavirus in den USA unter Kontrolle bringen. Wie auch in Europa steigt die Zahl der Neuinfizierten in den USA rapide an, die aktuelle Zahl von 180.000 bestätigten Infektionen an einem Tag ist zweieinhalb Mal so hoch wie der bisherige Höchststand aus dem Sommer. Gemessen an der Bevölkerungszahl sind die USA sowohl bei den nachgewiesenen Infektionen als auch bei den Todesfällen in Verbindung mit Covid-19 das am stärksten betroffene Land der Welt. Gleichzeitig muss Biden die wirtschaftlichen Folgen abfedern, Millionen Amerikaner haben ihren Job und ihre Krankenversicherung verloren. Allein zwischen Februar und Mai dieses Jahres haben nach Schätzungen der nichtstaatlichen Organisation „FamiliesUSA“ 5,4 Millionen Amerikaner durch ihren Jobverlust auch ihre Krankenversicherung verloren, mittlerweile sind über 31 Millionen erwachsene Amerikaner ohne Versicherungsschutz. Und dass, obwohl das nach Meinung vieler Beobachter völlig ineffiziente Gesundheitssystem gemessen an den pro-Kopf-Ausgaben das teuerste der Welt ist.

Und es gibt noch andere, dringend zu lösende Probleme auf der Agenda des neuen Präsidenten: Anders als sein Vorgänger Trump ist er kein Leugner des Klimawandels, er will massiv in erneuerbare Energien investieren und dem Pariser Klimaschutzabkommen wieder beitreten. Dem größer gewordenen Wohlstandsgefälle will er einerseits mit einer teilweisen Rücknahme der Steuerreduzierungen für Unternehmen und Vermögenden und andererseits mit einer steuerlichen Entlastung der unteren Einkommen entgegentreten. Zudem plant er eine deutliche Erhöhung des Mindestlohns. Sein in die Zukunft gerichtetes Investitionsprogramm würde zwar seiner Meinung nach Millionen neuer Jobs schaffen, setzt aber die öffentlichen Haushalte der USA angesichts einer schon jetzt hohen Verschuldung in den USA einer starken Belastung aus. Zuletzt stieg die gesamte öffentliche Verschuldung der USA bedingt durch die massiven Hilfsmaßnahmen und den Wirtschaftseinbruch auf über 130 Prozent der Wirtschaftsleistung. Selbst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges lag die Verschuldung nicht auf diesem Niveau. Nach Schätzungen des „Congressional Budget Office“ dürfte sie in 30 Jahren sogar weit über dem doppelten der Wirtschaftsleistung liegen.

Außenpolitisch muss er zerbrochenes Porzellan kitten und wieder Vertrauen zu Verbündeten aufbauen. Sicherlich eine der leichteren Aufgaben. Biden ist ein Politiker mit jahrzehntelanger Erfahrung, zudem war er bereits acht Jahre Vizepräsident unter Obama. Dennoch: Am 20. November wird er seinen 78. Geburtstag feiern. Wünschen wir ihm viel Kraft und Gesundheit, diese Aufgaben anzugehen. An seiner Seite hat er die 56-jährige Vizepräsidentin Kamala Harris. Ein Übergang des Präsidentenamtes auf die nachfolgende Generation spätestens bei der nächsten Wahl scheint damit vorprogrammiert.

Fazit: Die beste aller Börsenwelten mit einem gewissen Restrisiko
Wie bereits im Weltbild im September beschrieben, ist Biden kein Feind der Wall Street, er ist ein eher moderater Demokrat. Grundsätzlich kann man sagen, dass er – anders als Trump – eine Politik verfolgt, die sich mit „Mehr Staat – weniger Markt“ zusammenfassen lässt. Seine Pläne zum Ausbau der Gesundheitsversorgung, zur stärkeren Regulierung von Unternehmen aus der Finanzbranche, Energie und Technologie, Steuererhöhungen sowie die Erhöhung des Mindestlohns lassen sich bei den aktuellen Mehrheitsverhältnissen jedoch nur schwer durchsetzen, da er auf die republikanische Mehrheit im Senat angewiesen ist. Und da ist wenig Entgegenkommen zu erwarten. Dennoch wird er staatliche Investitionen in die Infrastruktur und vor allem in erneuerbare Energien lenken. In der Handelspolitik verfolgt Biden ähnliche Interessen wie sein Vorgänger, allerdings wird er den Abbau von Ungleichgewichten wohl eher diplomatisch und nicht mit Strafzöllen lösen.

Für die Kapitalmärkte, die bereits in den vergangenen Tagen einen sich abzeichnenden Wahlsieg Bidens mit starken Kursgewinnen honoriert haben, ist es die beste aller Welten: ein verlässlicher Präsident, aber keine starken staatlichen Eingriffe und Steuererhöhungen. Manche Analysten sprechen sogar von einem neuen „Honeymoon“ für die Aktienmärkte. Das ist historisch belegbar: Nach einer Analyse der LBBW haben sich US-Aktien in der Zeit eines demokratischen Präsidenten, der seine Politik nur mit Zustimmung des republikanischen Senats durchsetzen konnte, deutlich besser entwickelt als bei einem demokratischen „Durchmarsch“. Kurzfristig bleibt jedoch das Risiko einer Hängepartie. In der für ihn typischen Bescheidenheit reklamiert Trump unverändert den Wahlsieg für sich und spricht von Wahlbetrug vor allem bei den Briefwahlstimmen. Dass seine Klagen Erfolg haben werden, ist jedoch nahezu ausgeschlossen, da selbst republikanische Gouverneure in den betroffenen Bundesstaten von einer absolut korrekten Wahl und keinerlei Ungereimtheiten sprechen.

„Change our lives and paths
Start all over“

Unser Leben und unsere Wege verändern, von vorn beginnen – das ist sowohl die Aufgabe der Novethos Financial Partners als auch für mich und vieler meiner Kollegen zum Jahresende. Zukünftig wird sich die Novethos ausschließlich auf den Bereich Multi Family Office konzentrieren. Für mich persönlich bedeutet dies einen neuen Weg, eine neue Aufgabe. Über neun Jahre habe ich bei Novethos die Entwicklungen an den Kapitelmärkten beobachtet, bewertet und kommentiert, dabei oft über den Tellerrand geschaut und politische Entwicklungen in die Bewertung mit einbezogen. Seit Juli 2019 habe ich insgesamt 54 Wochenklänge und 12 Weltbilder veröffentlicht. Der heutige Wochenklang ist der letzte in dieser Reihe, die mir so viel Freude bereitet hat. Ich hoffe, dass ich bei Ihnen neben dem Interesse an den Inhalten auch eine Freude oder sogar Begeisterung für die Musik, so wie ich sie empfinde, wecken konnte. Es gibt ein „New Beginning“ – und vielleicht hört und liest man sich ja an anderer Stelle wieder. Es wäre mir eine Freude.