Wochenklänge

„Sit and wait“

Sydney Youngblood, 1989

1989 war das erfolgreichste Jahr für den US-Sänger Sidney Youngblood. Der heute 59-jährige als San Antonio in Texas geborene Künstler lebt bereits seit Anfang der 1980er Jahre in Deutschland. „Sit an wait“ ist einer von zwei Songs seines Debütalbums und eine klassische Tanznummer ganz im Stile der damailigen Zeit. Spätere Plattenveröffentlichungen konnten nie an die Erfolge des Erstlingswerk anknüpfen, ein klassisches „One-Hit-Wonder“ also. 2018 war Youngblood sogar Teilnehmer der RTL-Reality-Show „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“

„A year has come, a year has gone,
Still hanging tough, the blues is going on.“

Dass Donald Trump jemals in den australischen Dschungel gehen wird, ist ziemlich unwahrscheinlich. Aber nach den Ereignissen der vergangenen zwölf Monate kann sich der US-Präsident zumindest erst einmal entspannt zurück lehnen und abwarten. Die Untersuchungen möglicher russischer Kontakte und eine Einflussnahme bei der Wahl 2016 konnten keine Beweise liefern, das Amtsenthebungsverfahren wurde mit republikanischer Mehrheit im Senat abgeschmettert. Auch wenn ein lupenreiner Freispruch in beiden Fällen anders aussieht – Trump profitiert davon. Die US-Wirtschaft läuft, auch zusätzlich befeuert durch eine umfangreiche Steuerreform. Der Handelskrieg zu China wurde entschärft und Trump kann sich als Retter der amerikanischen Wirtschaft hochstilisieren. Und zu guter Letzt demontieren sich die Demokraten derzeit selbst.

„All we can do is just to sit and wait“
„Sit and wait“ heißt es also für Trump – ganz anders und damit recht turbulent geht es derzeit bei den Demokraten zu. Zwei Vorwahlen für Trumps Herausforderer haben bereits stattgefunden. In Iowa Anfang Februar gab es massive technische Probleme bei der Stimmauszählung und in New Hampshire eine Woche später hat der 78-jährige Bernie Sanders gewonnen. Joe Biden, ehemaliger Vize-Präsident unter Barack Obama und lange Zeit der wahrscheinlichste Gegenkandidat Trumps, erreichte nur Platz 5. Die „Zeit“ sprach schon von einer „Apokalypse“ der Demokraten. Das Ergebnis der letzten Vorwahl spiegelt sich auch in aktuellen Meinungsumfragen wider: Biden stürzte von über 40 Prozent Zustimmung im Sommer auf unter 20 Prozent regelrecht ab, während Sanders – selbsterklärter „demokratischer Sozialist“ – seine Werte von 15 Prozent auf 23,6 Prozent steigern konnte.

Sanders ist auch innerhalb der demokratischen Partei nicht unumstritten: Stärkung der Gewerkschaften, Erhöhung des Mindestlohns, Reformierung und Regulierung des Finanzsektors, staatliche Krankenversicherung für alle sowie eine massive Besteuerung von hohen Einkommen und Vermögen – dies ist jedem liberalen Wirtschaftspolitiker etwas zu viel Sozialismus. Gemäßigte Anhänger der Demokraten könnten sich bei einer tatsächlichen Kandidatur Sanders dazu ermutigt sehen, eher Donald Trump als das kleinere Übel zu wählen. Aber es ist sicher noch zu früh, Sanders bereits als möglichen Kandidaten auszurufen. Anfang März finden in 16 Bundesstaten die Vorwahlen statt – dem sogenannten „Super Tuesday“. Gewählt wird unter anderem in so wichtigen Staaten wie Kalifornien und Texas. Dann will auch Michael Bloomberg als Bewerber einsteigen, der sich bislang noch nicht beteiligt hat. In der Regel ist der Kandidat, der den „Super Tuesday“ für sich entscheiden kann, auch der Kandidat für die Präsidentschaftswahl.

„Where there's a spark could be a fire“
Einen möglichen Funken durch die Kandidatenkür, aus dem dann Feuer entstehen kann, brauchen die Demokraten dringend, wenn sie eine Wiederwahl Trumps verhindern wollen. „It’s the economy, stupid!“ – der Slogan aus Clintons Wahlkampfteam 1992 ist heute noch so wahr wie damals. Und damit verbunden ist es auch der Bullenmarkt an der Wall Street, der viele Amerikaner zu einem Kreuz bei Trumps wirtschaftsfreundlicheren Republikanern verleiten dürfte. Mit Blick in die Historie war die Börse zuindest kein schlechter Wahlhelfer: In 86 Prozent der Fälle seit den Wahlen im Jahr 1900, in denen ein republikanischer Kandidat Präsident wurde, war die Wertentwicklung der US-Aktien im Wahljahr positiv – das Plus lag bei durchschnittlich 7,8 Prozent, bei einem demokratischen Wahlsieger in nur 71 Prozent der Fälle mit nur 3,1 Prozent. Untersucht wurde dabei die Performance seit Beginn des Jahres bis zur Präsidentschaftswahl jeweils Anfang November. Die Börse hat also in einem Wahljahr stärker einen Sieg der Republikaner positiv vorweggenommen als einen Sieg der Demokraten.

„All we can do is to sit and wait”?
„Sit and wait“ – das gilt sicherlich für Donald Trump. Derzeit sitzt der amtierende Präsident so fest im Oval Office wie kaum zuvor in seiner bisherigen Präsidentschaft. Seine Zustimmungswerte in der Bevölkerung, ermittelt vom Meinungsforschungsinstitut Gallup, sind mit 49 Prozent die höchsten seit seiner Amtseinführung im Januar 2017. Auf den ersten Blick sieht also alles auch nach einem „Sit and wait“ für Anleger aus. Aber erstens muss die Statistik nicht Recht behalten, erst Recht nicht nach einem so fulminantem Börsenjahr 2019. Zweitens sollte man die Demokraten noch lange nicht abschreiben. Bei einer erfolgreichen Kandidatenkür mit entsprechenden Schwankungen in den Zustimmungswerten für beide Lager kann auch ein Donald Trump schnell seine abwartende Haltung und wie so oft gesehen die Cointenance verlieren und so auch die Finanzmärkte aus ihrer derzeitigen „Who cares“-Mentalität reißen. Auch weil da eben drittens neben den Themen Coronavirus, Handelsstreit und in Kombination beider das Risiko exisitiert, dass die zu fast einhundert Prozent in die Kurse eingepreiste Hoffnung auf eine wirtschaftliche Erholung sich so schnell doch nicht erfüllt – egal wer im Weißen Haus bald das Sagen haben wird.

18. Februar 2020 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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