Wochenklänge

„Forget about the future“

Sting, 2003

Die Covid-19-Pandemie, die uns seit Monaten intensiv beschäftigt und die globale Wirtschaft in eine tiefe Rezession stürzt, lässt andere Themen in der Wahrnehmung leider etwas verschwinden. Nichts desto trotz, sie sind immer noch da und vielleicht sogar problematischer als je zuvor. Alte Wunden werden dies- und jenseits des Atlantiks wieder aufgerissen, in die Zukunft gerichtete Wege sind sowohl im Handelsstreit als auch beim Brexit nicht in Sicht. Was passt da besser als musikalischer Rahmen für die aktuellen Wochenklänge als Stings „Forget about the future“ aus dem Jahr 2003.

Eine Erinnerung an 9/11
Gordon Summer, Sohn eines Milchmanns, Jesuitenschüler und ausgebildeter Musik- und Englischlehrer, Spitzname „Sting“, gründete 1977 mit Stewart Copeland und Andy Summers die Band „The Police“, eine der erfolgreichsten britischen Bands des Post-Punk und New Wave. 1983 erfolgte im Streit eine lange Schaffenspause und Sting widmete sich fortan sehr erfolgreich seiner Solo-Karriere. Musikalisch schlug er eine Brücke zum Jazz und engagierte sich zunehmend politisch gegen Menschenrechtsverletzungen und für den Umweltschutz. Der Song „Forget about the future“ erschien auf seinem Album „Sacred Love“, auf dem er sich mit den Auswirkungen der Terroranschläge vom 11. September zwei Jahre zuvor auf sich als Mensch und Musiker auseinandersetzt. Genau an jenem 9/11 gab Sting ein Konzert in seiner Wahlheimat Toskana. Er wollte eigentlich nicht spielen, "aber die Menschen waren aus der ganzen Welt angereist, um mich in meinem Garten zu sehen. Ich hatte das Gefühl irgend etwas tun zu müssen, ich wollte die Leute nicht alleine lassen", sagte er später dazu. Die besondere Intimität des Konzertes, in seinem Garten in der Toskana, lässt sich auf dem Album „All this time“ eindrucksvoll spüren.

„We got some issues that we need to solve
But is it really such a mystery?“

Gerade aus europäischer Sicht rückt der Brexit ungeachtet des Virus bedrohlich näher. Es laufen Verhandlungen, auch wenn sie derzeit von der Presse kaum thematisiert und von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden. Dabei ist die aktuell dritte Verhandlungsrunde wieder einmal ergebnislos zu Ende gegangen. Man überzieht sich gegenseitig mit Vorwürfen, Teilnehmer berichten von einer eisigen Stimmung. Derzeit hakt es vor allem an zwei Punkten: Die EU verlangt ein sogenanntes „Level Playing Field“, in dem sich Großbritannien auch zukünftig an gewisse Standards im Sozial-, Arbeits- und Umweltrecht hält. Ansonsten drohten spürbare Wettbewerbsverzerrungen zwischen dem Kontinent und der Insel. Die britische Regierung wiederum versteht diese Forderung als Angriff auf die zukünftige Souveränität. Zum zweiten wird heftig um die Fischereirechte gestritten. Das Königreich will den Fischern aus der EU den Zugang zu britischen Gewässern verwehren, gleichzeitig aber vollen Zugang zum Binnenmarkt, um seine Fischereiprodukte dort zu verkaufen. Die Fronten sind derart verhärtet, dass der Unterhändler der EU, Michel Barnier, pessimistisch ist hinsichtlich eines Deals, der einen harten Brexit zum Jahresende verhindern würde. Und genau der aber käme zur Unzeit. Die britische Wirtschaft steckt in der tiefsten Rezession seit über 300 Jahren, konkret seit dem Frostwinter 1709(!). Dabei könnte Premier Johnson die Covid-19-Pandemie gesichtswahrend nutzen und um einen Aufschub des Austrittstermins bitten. Aber er hält am Zeitplan fest und selbst regierungsfreundliche Medien fragen sich mittlerweile, ob der britische Premier tatsächlich einen geregelten Austritt will.

„They opened up all the wounds of the past
As they failed to find their way to the future“

Auch auf der anderen Seite des Atlantiks, in den USA, ist Ähnliches zu beobachten. Hatten sich die USA und China noch Mitte Januar auf ein erstes Teilabkommen im Handelsstreit verständigt und weitere Vereinbarungen angekündigt, herrscht auch hier eine neue Eiszeit. Die USA beschuldigen China, verspätet und falsch über die Pandemie informiert zu haben. Manche behaupten sogar das Virus sei nicht auf dem Tiermarkt in Wuhan aufgetreten, sondern aus einem Labor „entwischt“. Obwohl unterschiedliche Geheimdienste dafür keinerlei Beweise haben, fahren die USA die harte Linie gegen Peking. Dem chinesischen Konzern Huawei wird vorgeworfen, Sanktionsbestimmungen zu unterlaufen. Zudem weigert sich Trump, mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping über eine mögliche Nachverhandlung des Phase-1-Abkommens auch nur zu sprechen. In diesem Abkommen hat sich Peking verpflichtet, zusätzliche Güter aus den USA zu importieren. Die offizielle Rhetorik der Trump-Administration – sicher durch den bevorstehenden Wahlkampf eingefärbt – fabuliert statt dessen von einer kompletten „Amerikanisierung“ der Wertschöpfung sowie einem vollständigen Abbruch der Beziehungen zu China.

„Let's just forget about the future
And get on with the past“

Die Welt steht vor Herausforderungen, wie sie sie seit Jahrzehnten nicht gesehen hat. Covid-19 allein ist schon dramatisch, und in einer solch angespannten Situation fahren Boris Johnson und Donald Trump zusätzlich einen Kollisionskurs. Das lässt mich tatsächlich sprachlos zurück.

18. Mai 2020 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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