Wochenklänge

„Don’t dream it’s over“

Crowded House, 1986

Heute geht es mal wieder um die Untersuchungen in der Ukraine-Affäre und die Causa Trump. Gern hätte ich die Wochenklänge einem anderen Thema gewidmet. Aber der heutige Song drängt sich bei den seit Mittwoch vergangener Woche stattfindenden öffentlichen Zeugenbefragungen regelrecht auf. Dachte man, es kann nicht mehr schlimmer kommen, kommt es doch immer schlimmer. Joachim Ringelnatz, deutscher Lyriker und Kabarettist, hat einmal gesagt: „Die Leute sagen immer: Die Zeiten werden schlimmer. Die Zeiten bleiben immer. Die Leute werden schlimmer.“ Leider werden heute durch schlimmere Leute auch die Zeiten schlimmer.

Crowded House ist eine australisch-neuseeländische Band, die 1985 gegründet wurde. Bereits das erste Album erreichte hohe Chartplatzierungen, vor allem in Neuseeland und den USA. Die dritte Single-Auskopplung „Don’t dream it’s over“ brachte den internationalen Durchbruch. Sanfter Gitarrenrock, stilistisch an Volkslieder angelehnt, die Texte nachdenklich, melancholisch und zuweilen auch satirisch. 1986, das Erscheinungsjahr des Albums, war ein Jahr, in dem Katastrophen die Grenzen des technischen Fortschritts aufzeigten: Am 28. Januar explodierte nur wenige Sekunden nach dem Start die US-Raumfähre Challenger, alle sieben Astronauten starben. Das Shuttle-Programm der USA wurde vorrübergehend eingestellt und das Selbstbewusstsein der USA – gerade auch im Wettlauf mit der damaligen Sowjetunion – bekam einen empfindlichen Knacks. Drei Monate später, am 26. April, kam es im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl zum bisher größten Unfall in der zivilen Nutzung der Kernenergie – dem Super-GAU.

Einen Super-GAU erlebt dieser Tage auch Donald Trump. Seit Mittwoch vergangener Woche werden die Zeugenbefragungen durch den Justizausschuss öffentlich geführt und live im Fernsehen übertragen. Vor allem die Befragung der ehemaligen Botschafterin in der Ukraine, Marie Yovanovitch, bringt den Präsidenten unter Druck. Sie berichtete, wie sie unter Druck gesetzt wurde und Trump persönlich letztlich ihre Absetzung entschieden hat. Yovanovitch ist seit über dreißig Jahren im diplomatischen Dienst der USA, war sowohl unter dem Republikaner Bush wie auch unter dem Demokraten Obama Botschafterin, unter anderem in Somalia. Noch während der öffentlichen Befragung setzte Trump einen beleidigenden Tweet ab, der vom Ausschussvorsitzenden Adam Schiff verlesen wurde. Yovanovitch war sichtlich betroffen. Auf Nachfrage von Schiff sagte sie, sie fühle sich eingeschüchtert. Selbst die republikanischen Ausschussmitglieder, sonst lautstark auf Seiten ihres Präsidenten, waren peinlich berührt und still.

„There's a battle ahead, many battles are lost“
Die Fronten sind unverändert verhärtet, und trotz der vielen Niederlagen, die Trump bereits erlitten hat, steht die finale Schlacht noch aus. Die Schlacht um eine Amtsenthebung und die Schlacht um das Weiße Haus im November nächsten Jahres. Die Beweise für eine regelrechte Erpressung der Ukraine – finanzielle Mittel gegen die Einleitung einer Untersuchung gegen Hunter Biden – sind erdrückend, es gibt kaum noch Zweifel. Nancy Pelosi, demokratische Mehrheitsführerin im Repräsentantenhaus, sagte in einem TV-Interview, Trumps Verhalten sei schlimmer als das von Nixon in der Watergate-Affäre. Sie legte Trump zudem einen Rücktritt nahe und nannte ihn einen Hochstapler, der aus Verunsicherung mit seinen Tweet-Attacken versucht, Zeugen zu diskreditieren.

„But you'll never see the end of the road
While you're traveling with me“

Solange Du an meiner Seite stehst, wirst Du niemals das Ende der Straße sehen. Diese Erkenntnis hat sich bei den Trump-Anhängern noch nicht durchgesetzt. Auch nach den öffentlichen Anhörungen hat sich an der Stimmung grundsätzlich nichts geändert. Die amerikanische Bevölkerung ist weiter gespalten, wie aktuelle Umfragen zeigen. Und im Lager der republikanischen Wähler lehnen unverändert über 80 Prozent ein Amtsenthebungsverfahren ab.

„They come, they come
To build a wall between us
We know they won't win“

Ein tiefer Graben geht durch die amerikanische Gesellschaft, es wurden regelrechte Mauern errichtet. Kommt es tatsächlich zu einer Amtsenthebung oder einem Rücktritt, ist die Chance sehr gering, dass die Gräben zugeschüttet und die Mauern eingerissen werden. Es steht eher zu befürchten, dass der Riss durch die Gesellschaft größer und die Positionen radikaler werden. Trump wird wohl weiter träumen und behaupten, er hätte nichts Unrechtes getan. Auch wenn alle Fakten gegen ihn sprechen. Aber, Mr. President: „Don’t dream it’s over“.

Im Erscheinungsjahr des Songs, 1986, feierte man in den USA auch den einhundertsten Geburtstag der Freiheitsstatue, ein Geschenk Frankreichs an die USA. Sie ist ein Wahrzeichen für die Freiheit, trägt in einer Hand die Unabhängigkeitserklärung, ihre Krone symbolisiert die sieben Weltmeere und Kontinente. Vielen Auswanderern und Flüchtlingen war der Blick auf die Freiheitsstatue bei der Ankunft in New York eine Hoffnung auf ein besseres und sicheres Leben. Die Ideale, die Amerika einst prägten, sind aktuell jedoch zerstört.

Fazit:
Einmal in die Enge getrieben, reagiert Trump noch impulsiver und erratischer als zuvor. Er versucht krampfhaft, seine Führungsstärke zu beweisen und seiner Gefolgschaft das zu liefern, was sie erwartet. Ein Beispiel lieferte er vergangenen Freitag, als er gegen den Rat des Verteidigungsministeriums und führender Militärs zwei wegen Kriegsverbrechen verurteilte Elitesoldaten begnadigte und bei einem dritten eine Degradierung zurücknahm. Ob im Handelskrieg oder auf anderen innen- und außenpolitischen Feldern: Kontinuität und Verlässlichkeit in die Politik der USA gibt es nicht mehr. China, aber auch die Europäer müssen sich darauf gefasst machen, dass jederzeit Absprachen oder Absichtserklärungen mit einem Tweet beiseite geschoben werden. Damit ist auch das Thema Entspannung im Handelskrieg noch nicht so sicher, wie es die Meldungen der letzten Wochen vermuten lassen. Jede Störung wird ihre Auswirkungen auf die Kapitalmärkte haben. Gerade im Hinblick auf die beachtlichen Kursgewinne in diesem Jahr ist die Politik Trumps ein nicht zu unterschätzendes Kursrisiko.

18. November 2019 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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