Wochenklänge

„Once allies danced and sang - But it was forty years ago“

aus “Forty Years” von Joe Jackson, 1982

In diesen Tagen tourt der britische Sänger, Pianist und Komponist Joe Jackson durch Deutschland und tausende begeisterte Fans gehen mit ihm auf eine musikalische Reise durch vier Dekaden seiner Karriere. Und „Forty Years“ aus dem Album „Big World“ ist mit Sicherheit auch dabei. In diesem Song beklagt Jackson, dass vierzig Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges, das die Alliierten damals noch tanzend und singend feierten, immer noch gegenseitiges Misstrauen und Unverständnis herrscht. Die Amerikaner lästern über die „Euro-Krankheit“ und darüber, dass in Brüssel nichts voran geht. Die Europäer wiederum mögen die Amerikaner nicht – sie seien laut, geschmacklos und selbstzufrieden. Auch die Franzosen bekommen ihr Fett weg, sie seien laut Songtext nur sehr schwer zufrieden zu stellen:

Joe Jackson –
Ein Chamäleon der britischen Musikszene

Nach dem Studium der Komposition an der Royal Academy of Music in London hat er in seiner nun vierzigjährigen Karriere fast alle Genres der Musik auf Vinyl gepresst: Klassik, Jazz, Rock und Pop. 1986 veröffentlichte er das Album „Big World“, das in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich ist: Es ist ein Live-Album, ohne ein Live-Album zu sein. Jackson wollte die Aufnahme in Live-Atmosphäre einspielen. Die Band spielte vor Publikum, dem es jedoch strikt untersagt war zu applaudieren, zu rufen oder mitzusingen. Die Musik wurde direkt auf ein Kassettengerät aufgenommen und anders als üblich ohne abzumischen, auf eine Langspielplatte (LP)* gepresst. Auf dieser Doppel-LP war nur auf drei Seiten Musik, die vierte Seite war leer. Das lag daran, dass die Musik zeitgleich auf das damals noch neue Medium CD gebrannt wurde, auf die mehr Lieder passten als auf eine normale LP. Da Jackson keine Lieder aussortieren wollte, wurden nur drei LP-Seiten bespielt.

* Für die Generation Z unter uns: Eine Schallplatte ist eine in der Regel kreisförmige und meistens schwarze Scheibe mit einem Mittelloch, deren beidseitige Rillen als analoge Tonträger für Schallsignale dienen. Die Wiedergabe erfolgt über die Abtastspitze („Nadel“) des Tonabnehmers der in den Rillen gespeicherten Signale. (Quelle: Wikipedia)

„And how the French are always so damn hard to please“
Das gilt auch heute noch, wie Präsident Emmanuel Macron in diesen Tagen eindrücklich unter Beweis stellt. Er ist dagegen, dass ein deutscher Kandidat Präsident der EU-Kommission und damit Nachfolger von Jean-Claude Juncker wird, obwohl vorab vereinbart wurde, dass nur ein Spitzenkandidat dieses Amt bekommen könne. Derer gab es zwei – Manfred Weber für die Konservative EVP und Frans Timmermanns für die Sozialdemokraten SPE. Und da die EVP nach der Europawahl im Mai stärkste Fraktion im Europaparlament geworden ist, sollte nur folgerichtig deren Spitzenkandidat neuer Kommissionschef werden. Aber Monsieur le Président, der schon vor der Wahl Stimmung gegen Weber gemacht hatte, schmiedete nach der Wahl eine Allianz gegen den EVP-Kandidaten. Damit hat er die Autorität des EU-Parlaments untergraben und es dürfte mit der Hinterzimmer-Diplomatie wieder einmal auf einen Kandidaten nach Gusto der Franzosen hinauslaufen.

Die frühere deutsch-französische Achse, die „europäische Lokomotive“, gibt es heute nicht mehr. Helmut Schmidt und Valéry Giscard d’Estaing, Helmut Kohl und Francois Mitterand und zuletzt Angela Merkel und Nicolas Sarkozy (deren Zusammenarbeit während der Eurokrise so eng war, dass sie schon „Merkozy“ genannt wurden) – eine solche Zusammenarbeit und enge Abstimmung wäre heute unverändert notwendig. Doch Deutschland wird an den Rand gedrängt. Kanzlerin Merkel, über deren Gesundheitszustand sich die Weltpresse nach zwei Zitteranfällen Sorgen macht, wird regelrecht überrumpelt. Dabei wäre es heute umso wichtiger, dass Europa vereint auftritt und seine Position stärkt. Sonst besteht die Gefahr, zwischen den Machtblöcken zerrieben zu werden. Wie ein vereintes Auftreten aussehen kann, hat der scheidende Kommissionspräsident Juncker am Rande des G20-Gipfels verkündet. Die Europäische Union hat nach langen Verhandlungen ein Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten (Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay) abgeschlossen und damit die bisher weltgrößte Freihandelszone mit fast 800 Millionen Menschen geschaffen.

„Wir hatten ein fantastisches Treffen“
Der G20-Gipfel hatte aber noch eine andere positive Überraschung parat: die USA und China haben – wie beim letzten Gipfel Ende 2018 – erneut einen Waffenstillstand im Handelsstreit vereinbart. Die Gespräche werden wieder aufgenommen und die USA verzichten auf neue Strafzölle von bisher nicht erfassten Importen aus China im Volumen von 300 Milliarden US-Dollar. Zudem wurde der Bann gegen Chinas Telekom-Riesen Huawei leicht gelockert. Der Forderung Chinas, alle bisherigen Strafzölle außer Kraft zu setzen, widersprach der US-Präsident hingegen vehement.

Da es dennoch ein, so Trump wörtlich, „fantastisches Treffen“ mit seinem Amtskollegen aus Peking war, überwiegt an der Börse heute Morgen die Erleichterung. Europäische Aktien notieren deutlich positiv, während Gold als Kriseninvestment einen Teil der Gewinne der Vorwoche wieder abgeben muss. Für Euphorie aber gibt es noch keinen Anlass. Die Erfahrung aus den vergangenen Monaten zeigt, dass Zweifel an einem dauerhaften Frieden im Handelsstreit durchaus angebracht sind. Schon oft hat Trump mit einem kurzen Tweet getroffene Vereinbarungen vom Tisch gefegt. Der Weg ist noch weit und die strategischen Spannungen zwischen beiden Ländern lösen sich nicht plötzlich in Luft auf. Auch der Konflikt zwischen dem Iran und den USA hat sich in den vergangenen Tagen weiter verschärft, eine Entspannung ist hier nicht in Sicht.

Fazit: Trendwende noch nicht erkennbar, Gewitterneigung hält an
Der konjunkturelle Abschwung der vergangenen Monate hat zwar an Dynamik verloren und es zeichnet sich eine Bodenbildung ab. Aber eine Trendwende zum Besseren ist noch nicht erkennbar. Gerade die Industrie in der Eurozone befindet sich unverändert in einer rezessiven Tendenz. Deshalb besteht am Aktienmarkt wie beim derzeit heißen Sommerwetter weiterhin ein Gewitterrisiko. Gut, wer sich dann mit einem Schirm vor den oft sintflutartigen Regenfällen schützen kann.

1. Juli 2019 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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