Wochenklänge

„Deal“

Jerry Garcia, 1972

Sie haben gerungen, sie haben gepokert, sie haben geblufft und sie haben sich gegenseitig mit Sanktionen belegt – doch am vergangenen Mittwoch war es soweit: Ein erstes Teilabkommen in dem seit Frühjahr 2018 andauernden Handelsstreit zwischen den USA und China wurde unterzeichnet. „Deal“ hieß es in Washington, Peking und an den Börsen, die im Vorfeld stark gestiegen waren und deshalb die fast schon historische Unterschrift in der vergangenen Woche nur noch mit einem Schulterzucken quittierten. „Deal“ – so heißt auch ein Werk des Sängers und Gitarristen der amerikanischen Gruppe „Greatful Dead“, Jerry Garcia, aus dem Jahr 1972. Lange schon schwirrte mir der Song des zweiten Soloalbums „Garcia“ im Kopf herum. Aber mit zunehmender Dauer des Konfliktes war er immer tiefer in die Schublade für die „Wochenklänge“ gerutscht.

„Greatful Dead“ – Band mit Kultstatus
Seit der Gründung der Band im Jahr 1965 bis zu seinem Tod 1995 schrieb Jerry Garcia gemeinsam mit dem Dichter Robert Hunter nahezu alle Songs von „Greatful Dead“ wie auch seiner Soloprojekte, die er seit Anfang der 1970er Jahre zunehmend verfolgte. Insgesamt veröffentlichte er 15 Soloalben. „Greatful Dead“ war eine der ersten Bands des „Psychodelic Rock“, sie galt zudem als hervorragende Jam-Band mit rund 3.000 Konzerten. Jedes Bandmitglied hatte andere musikalische Wurzeln, so dass der Sound von Blues, Jazz, Folk-Rock und Country-Rock geprägt wurde. Die Band veröffentlichte 22 Alben. Da sie von Beginn an den Live-Mitschnitt von Konzerten erlaubte, gibt es zudem unzählige halboffizielle Veröffentlichungen (so genannte „Bootlegs“). Garcia besaß über 25 Gitarren, zwei davon wurden nach seinem Tod für über 1,7 Millionen US-Dollar versteigert. Bis heute genießt die Band unter Fans Kultstatus.

„Since it cost a lot to win
And even more to lose
You and me bound to spend some time“

Es gab einiges zu gewinnen, aber noch mehr zu verlieren in diesem Konflikt. Die beiden Hauptakteure, Trump und Xi Jingping, waren regelrecht aneinander gebunden und voneinander abhängig. Im Verlauf der vergangenen achtzehn Monate gab es immer wieder Annäherungen und großspurige Versprechungen, ein Deal stünde kurz vor dem Abschluss. Stattdessen jedoch folgten neue Drohungen und gegenseitige Erhöhungen der bereits verhängten Strafzölle. „Watch each card you play and play it slow“ – man traute sich nicht wirklich und beobachtete ganz genau, welche Karte der jeweils andere denn als nächstes ziehen würde. Chinesische Unternehmen wie z.B. der Netzwerkausrüster Huawei, wurden wegen angeblicher Spionage von Geschäften in den USA ausgeschlossen, im Gegenzug bezog China immer mehr Agrargüter von anderen Ländern, was die US-Farmer in ernste wirtschaftliche Schwierigkeiten brachte.

„Wait until that deal come round
Don't you let that deal go down, no, no“

Am 15. Januar 2020 war es dann soweit – die so genannte „Phase 1“ eines Handelsabkommens wurde unterzeichnet. Auch wenn der Abschluss doch ziemlich sicher war, konnte man mit der impulsgetriebenen Politik von US-Politik Trump nie wirklich sicher sein. Daher haben die Investoren der Unterschrift regelrecht entgegengefiebert und gehofft, dass der Deal nicht doch noch in letzter Minute abgeblasen wird. In seiner eigenen Bescheidenheit bezeichnete Trump das erste Abkommen als „the greatest deal ever“. Ist das „historische Abkommen“ nun aber tatsächlich der große Wurf? Wohl kaum, es ist nur ein Waffenstillstand und nicht das umfassende Abkommen, was Trump immer vorschwebte. Die USA werden Strafzölle auf ein Importvolumen von 250 Milliarden US-Dollar bei unverändert 25 Prozent belassen, lediglich für ein Volumen von zusätzlichen 120 Milliarden US-Dollar werden die Strafzölle von zuletzt 15 Prozent halbiert. Im Gegenzug verpflichtet sich China, zur Reduzierung des deutlichen Handelsbilanzüberschusses mit den USA deutlich mehr Energie, Industrie- und Agrargüter zu kaufen. Man spricht hier von einem Volumen von bis zu 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Beide Seiten wollen möglichst bald mit den Verhandlungen zu Phase 2 beginnen. Und da geht es ans Eingemachte: die chinesische Subventionspolitik, die Öffnung des chinesischen Marktes für ausländische Unternehmen und den Schutz des geistigen Eigentums. Die Erwartungen an einen baldigen Abschluss des Phase-2-Abkommens werden jedoch heruntergeschraubt, man rechnet mit echten Fortschritten nicht vor den US-Präsidentschaftswahlen im November.

Dennoch, die Märkte haben bereits im Vorfeld der Unterzeichnung die gestoppte Eskalation gefeiert und tun dies auch weiterhin. Es bleibt zu hoffen, dass der Frieden im Jahresverlauf auch tatsächlich anhält. Damit wäre ein wesentlicher Störfaktor für die Weltkonjunktur zumindest reduziert, wenn auch noch nicht ganz eliminiert. Die Zeichen für eine leichte konjunkturelle Erholung nach dem Abschwung im Vorjahr stehen damit gut. Im zunehmenden US-Wahlkampf kann jedoch ganz schnell wieder die harte Karte gespielt werden, falls die Chinesen nicht wie versprochen US-Güter importieren oder es Trump in den weiteren Verhandlungen nicht schnell genug geht.

„Wait until that deal come round“
Nach dem Deal ist also vor dem Deal, und die Investoren werden auch in diesem Jahr gespannt auf die Verhandlungen schauen. Erst bei einem weiteren Abkommen und damit verbunden einem kompletten Abbau der immer noch geltenden Strafzölle steigen die Chancen auf eine deutlichere Erholung der Weltkonjunktur. Damit bleibt uns auch 2020 der Handelskrieg als politisches Risiko erhalten, wenn auch mit leicht abgeschwächter Auswirkung.

20. Januar 2020 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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