Wochenklänge

„Half Time“

Amy Winehouse, 2011

Amy Winehouse war ein absolutes Ausnahmetalent und ihr Song „Half Time“ deshalb die ideale musikalische Besetzung für die Halbzeitbilanz eines Jahres, dass zumindest nah an den Titel „absolute Ausnahme“ heranreichen dürfte.

Amy Winehouse – Ein Leben für die Musik
Ein englischer Journalist schrieb nach dem Tod von Amy Winehouse: „Sie konnte die Songs zum Leben erwecken wie keine andere, aber sie war unfähig, ihr eigenes Leben zu leben." Seit ihrer frühesten Kindheit hörte sie die Jazz-Platten ihres Vaters und hatte nur zwei Ziele: zu singen und den Mann fürs Leben zu finden. Ihr einziges Interesse galt der Musik und sie musste mehrfach die Schule wechseln. Mit 12 Jahren wurde sie an der renommierten „Sylvia Young Theatre School“ aufgenommen, die Leiterin war begeistert von ihrer Stimme und sah in ihr die nächste Judy Garland oder Ella Fitzgerald. Mit 19 Jahren veröffentlichte sie ihr erstes Album „Frank“, das ein großer Erfolg wurde. Ihren späteren Ehemann Blake Fielder-Civil, heroinabhängig, lernte sie auf einer Kneipentour kennen. Die Trennung wenige Monate später verarbeitete sie in dem Album „Back to Black“. Sie versank immer mehr im Drogen- und Alkoholsumpf, es folgte die Hochzeit mit dem reumütig zurückgekehrten Fielder-Civil und kurz darauf die Scheidung. Immer öfter musste sie Konzerte abbrechen oder absagen, weil sie zu betrunken war. Sie magerte ab und war nur noch ein Schatten ihrer selbst. Sie starb im Juli 2011 im Alter von 27 Jahren mit über vier Promille Alkohol im Blut. Geblieben sind ihre Songs mit Jazz, Blues und ganz viel Soul. Wer mehr über Amy Winehouse erfahren möchte, dem sei der Film „Amy“ von Asif Kapadia aus dem Jahr 2015 empfohlen. Der Song „Half Time“, bereits 2002 aufgenommen, erschien nach ihrem Tod auf einem Album mit bisher unveröffentlichten Aufnahmen.

„Half time, time to think it through
Consider the change, see it from a different view“

Halbzeit – Zeit, um es zu durchdenken, die Veränderungen wahrzunehmen und den Blickwinkel zu wechseln. Die Halbzeitbilanz dieses Jahres hat es in sich. Weil an dieser Stelle oft genug thematisiert, wollen wir jetzt einmal verschnaufen und nach vorn schauen. Es ist nicht so, dass die Corona-Pandemie ausschließlich der Auslöser von Veränderungen war, sie war in den meisten Fällen lediglich ein Verstärker. Der Trend zur stärkeren Rückführung globaler Wertschöpfungsketten hat schon durch den Handelskrieg begonnen, die Corona-Pandemie hat die Abhängigkeit der Industrie von störungsfreien Lieferketten nur noch schonungslos offen gelegt. Unternehmen müssen zukünftig ihre Lieferketten stärker diversifizieren und teilweise wieder zurück nach Deutschland holen und zudem die Lagerhaltung ausbauen, um im Falle von Störungen die Produktion aufrechthalten zu können.

Auch sind die strukturellen Unterschiede der Länder innerhalb der Europäischen Union schon nach der Schuldenkrise größer geworden und haben sich in den vergangenen Monaten lediglich verschärft. Seit nunmehr vier Tagen verhandeln die 27 Staats- und Regierungschefs und ringen um eine Lösung, das umfangreiche Hilfspaket auf den Weg zu bringen und den am stärksten betroffenen Ländern wirtschaftlich auf die Beine zu helfen. Da hilft auch kein Lamentieren, dass Länder wie Italien in der Vergangenheit zu geringe Haushaltsdisziplin gezeigt haben. Das ist sicherlich richtig, aber dennoch: Corona hat alle unverschuldet getroffen. Und da ist Solidarität das Gebot der Stunde. Die Europäische Union darf nicht nur eine Währungsunion sein, mittelfristiges Ziel sollte der Ausbau zur Wirtschafts- und Fiskalunion sein – mit einheitlichen Regeln, die für alle gelten. Aber die Europäische Union ist auch eine Werteunion. Dass nun ausgerechnet Länder wie Polen und Ungarn, die zu den größten Nettoempfängern der EU gehören, rechtsstaatliche Prinzipen und damit die Grundwerte der Gemeinschaft verletzen, aktuell eine Lösung blockieren, kann nicht ohne Gegenwehr hingenommen werden. Die Europäische Union ist kein Selbstbedienungsladen, sondern auch eine Solidargemeinschaft. Das ist heute wichtiger denn je.
In der Vergangenheit wurde oft nach solchen Krisen gern geäußert, dass die Welt anschließend anders aussieht als zuvor. Dass China die USA als führende Wirtschaftsmacht irgendwann ablösen würde, war schon vor der Pandemie klar. Dass Unternehmen sich in einer globalen Welt verändert aufstellen müssen, ist ebenfalls nicht neu. Die Europäische Union hingegen ist an einem entscheidenden Punkt angelangt. Gelingt ihr nicht die Weiterentwicklung zur Wirtschafts- und Fiskalunion, droht sie innerlich zu zerreißen und im Spannungsfeld zwischen den USA und China zerrieben zu werden. Nur wirtschaftliche und politische Stabilität kann dafür sorgen, dass Europa auch zukünftig ein ernstzunehmender Partner in der Welt bleibt.

„I can't help but dance
You can try to stop me now
But you won't get the chance“

Ich kann nicht anders als tanzen. Du kannst versuchen mich aufzuhalten, aber es wird dir nicht gelingen. Einen wilden Tanz haben die Aktienmärkte im ersten Halbjahr hingelegt, besonders die starke Erholung seit Mitte März hat überrascht. Angesichts des derzeitigen Umfeldes kann einem aber nicht wirklich zum Tanzen zumute sein. Den Beat vorgegeben haben die Notenbanken und die Finanzmärkte tanzten nach ihrem Takt. Die Geldpolitik wird auch weiterhin der Taktgeber sein und es wird noch einige Zeit dauern, bis die konjunkturelle und die Entwicklung der Unternehmensgewinne wieder die Kursverläufe von Aktien bestimmen. Die Saat ist gelegt, die Regierungen haben durch umfangreiche Hilfsprogramme die Basis geschaffen. Ob die Saat aufgeht, hängt vor allem von der kurzfristigen Entwicklung der Pandemie ab. Bis sie allerdings aufgeht und Früchte trägt, dürfte noch einige Zeit ins Land gehen.

20. Juli 2020 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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