Wochenklänge

„Mad World”

Tears for Fears, 1982

Es gibt Songs, die befinden sich nahezu fortwährend in meiner engeren Auswahl, um mit ihnen das politische und aktuelle Zeitgeschehen in den Wochenklängen zu verarbeiten. Nur wartet man dann immer auf den richtigen Moment. Auf den Moment, in dem man denkt, es könnte nicht mehr schlimmer kommen. Um es aber gleich vorwegzunehmen, auch wenn der Song „Mad World“ der britischen Band „Tears for Fears“ heute nun die Überschrift ziert, bleiben durchaus Zweifel bestehen, dass das Geschehen auf der politischen Weltbühne bereits seinen Höhepunkt erreicht hat.

Jede Menge Weltschmerz in nur einem Song
„Mad World“ war der erste große Erfolg der britischen New-Wave-Band „Tears for Fears“. Der damals 19-jährige Roland Orzabal hat in diesem Song seine traumatischen Erlebnisse in der Kindheit verarbeitet: sein Vater, Folteropfer im zweiten Weltkrieg, tyrannisierte die Familie. Orzabel schmiss die Schule und nahm zunächst nur eine Akustik-Version von „Mad World“ auf, später produzierte die Band dann den Song erneut für ihre Debüt-LP „The Hurting“. „The dreams in which I'm dying are the best I've ever had“ – Depression, Weltschmerz und Suizidgedanken sind wohl nur selten davor und danach in einer so tanzbaren Version aufgenommen worden. Knapp 20 Jahre später war der Titel erneut erfolgreich – Gary Jules nahm den Song als Ballade für den Film „Donnie Darko“ auf.

„And I find it kinda funny, I find it kinda sad“
Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man glatt darüber lachen. Aber was wir hier gerade von den Mächtigen der Welt vorgeführt bekommen, lässt einem dieses Lachen gleich mehrfach im Halse stecken bleiben. Dachte man, es könnte nicht mehr schlimmer kommen, wird man durch die jüngsten Entwicklungen eines Besseren belehrt.

Lehrbeispiel Nummer eins: der Brexit. Nachdem Boris Johnson mit der Europäischen Union eine Änderung des Austrittsvertrages vereinbart hatte, wurde dieser am Samstag dem britischen Unterhaus zur Abstimmung vorgelegt. Zu der es aber nicht kam, da zuvor ein Gesetz verabschiedet wurde, um die Vereinbarungen des Vertrages erst in britisches Recht zu gießen. Vorher gibt es keine Entscheidung zum eigentlichen Brexit-Deal. Damit war Johnson per Gesetz gezwungen, die EU um einen Aufschub um weitere drei Monate zu bitten. Das tat er auch – und jetzt kommt’s – ohne jedoch den Brief zu unterschreiben. Unterschrieben hat er dafür einen weiteren persönlichen Brief an den Präsidenten des Europäischen Rates, Donald Tusk. Darin erläuterte er, dass er die Verschiebung für unsinnig hält und dass sie sowohl den Interessen der EU wie auch denen Großbritanniens schade. Chaotischer geht’s wohl nicht mehr.

Lehrbeispiel Nummer zwei: der amerikanische Präsident. Während es nach den Vorwürfen in der Ukraine-Affäre und dem drohenden Amtsenthebungsverfahren in den Reihen der Republikaner noch erstaunlich still geblieben ist, regt sich nach dem Abzug der US-Truppen aus Syrien auch erheblicher Widerstand innerhalb seiner Partei. Trump wird nun selbst von höchsten Amtsträgern aus den eigenen Reihen heftig kritisiert. Eine völlige Destabilisierung der Region, eine Stärkung des syrischen Regimes unter Assad wie auch der ihn unterstützenden Russen sowie die Gefahr eines Wiedererstarken der Terrormilizen des Islamischen Staats – all das hätte Trump mit seiner Entscheidung provoziert. Wie dünnhäutig er auf die Kritik reagiert, hat sich in der vergangenen Woche gezeigt. Bei einem Treffen mit führenden Demokraten zur Situation in Syrien sei er nach Aussage von Sitzungsteilnehmern völlig ausgerastet. Die demokratische Mehrheitsführerin im Repräsentantenhaus, Nancy Pelosi, sprach anschließend von einem „meltdown“ – einem Nervenzusammenbruch.
Beide Beispiele zeigen, ein demokratischer Diskurs ist mit den Protagonisten Trump und Johnson nicht mehr möglich. „Hart in der Sache, aber fair im Umgang“ möge man beiden zurufen, aber sie beherrschen selbst die demokratischen Grundregeln nicht. Die Zuverlässigkeit in Zusagen und die Berechenbarkeit der Politik leiden dadurch stark. Ein von den Ökonomen Scott Baker, Nick Bloom und Steven Davis berechneter Index, der das Risiko der Politik für die Weltwirtschaft misst, notiert aktuell auf dem höchsten Stand seit Start 1997 – höher als zur Zeit der Anschläge auf das World Trade Center 2001 und des anschließenden Irak-Krieges und auch höher als zur Zeit der globalen Finanzkrise sowie der europäischen Schuldenkrise.

Fazit:
Man müsste meinen, in dieser verrückten politischen Welt sollte die Börse eigentlich fallen – tut sie aber nicht. Denn die Kapitalmärkte ticken aktuell etwas anders. Ungeachtet der politischen Entwicklungen der vergangenen Tage steigen die Aktienkurse auf neue Jahreshöchststände und teilweise sogar auf Allzeithochs. Risiken werden ausgeblendet, die Hoffnung überwiegt. Hoffnung auf einen irgendwie gearteten geregelten Austritt Großbritanniens und Hoffnung auf keine weitere Eskalation im Handelsstreit und irgendwann eine finale Lösung – und wenn das alles nicht eintrifft: Hoffnung auf die Notenbanken. Das Pendel kann jedoch schnell umschlagen – ein Tweet von Trump, eine zusätzliche Volte von Johnson, und plötzlich treten die Risiken wieder in den Vordergrund. Kapitalmärkte benötigen Verlässlichkeit, Unsicherheit dagegen ist Gift. Nur die Hoffnung kann deshalb auch kein dauerhafter Kurstreiber sein.

„It’s a very, very
Mad world, mad world“

Heute vor genau 50 Jahren, am 21. Oktober 1969, wurde Willy Brandt als Kanzler der Bunderepublik Deutschland vereidigt. Eine Woche später sagte er in seiner Regierungserklärung: „Wir wollen mehr Demokratie wagen.“ Einigen heute politisch Verantwortlichen möge man sagen, sie sollen sich endlich mal an demokratische Spielregeln halten.

21. Oktober 2019 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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