Wochenklänge

„Rise & Fall“

Craig David und Sting, 2002

„Aufstieg und Fall“ – auf kein Unternehmen der ersten deutschen Börsenliga trifft der Song des britischen Sängers und Songschreibers Craig David in diesen Tagen besser zu als auf den Zahlungsdienstleister Wirecard. Grundlage des Songs war „Shape of my heart“ vom ehemaligen Police-Sänger Sting aus dem Jahr 1993. Für die Neuaufnahme „Rise & Fall“ holte sich David deshalb auch die musikalische Unterstützung von Sting.

Vom Pennystock und (fast) wieder zurück
Das Unternehmen Wirecard mit Sitz in Aschheim bei München ist ein internationaler Dienstleister im elektronischen Zahlungsverkehr. Die Wurzeln liegen in einem 1999 gegründeten Unternehmen Namens InfoGenie, das im Zuge des Platzens der Technologieblase zum Pennystock wurde. 2004 wurde die damals nicht börsennotierte Wirecard durch eine Sachkapitalerhöhung integriert und am 01. Januar 2005 schließlich auch der Name in Wirecard geändert. Damit begann die Erfolgsstory: Der Aktienkurs stieg bis September 2018 um das 85-fache, die ausgewiesenen Umsätze stiegen im gleichen Zeitraum von 7 Millionen auf über zwei Milliarden Euro.

„Superstar, you finally made it“
Endlich bist Du der Superstar, Du hast es geschafft. Für Wirecard war es am 21. September 2018 so weit: Die Aktie wurde in die Top-Liga der deutschen Unternehmen aufgenommen und Mitglied im Deutschen Aktienindex (DAX). Im Gegenzug musste die Commerzbank den Index verlassen. Wirecard als Unternehmen im elektronischen Zahlungsverkehr, ein Zukunftsunternehmen, verdrängte ein klassisches Bankinstitut. Zum Zeitpunkt der Indexaufnahme war der Börsenwert von Wirecard mit 22 Milliarden Euro fast doppelt so hoch wie der des Traditionshauses und lag sogar noch leicht über dem der Deutschen Bank.

„But once your picture becomes tainted“
Aber schon bald verblasste nicht nur das Bild, es bekam Risse. Schon vor der DAX-Aufnahme gab es Berichte über intransparente Bilanzierungspraktiken. Tatsächlich wurde immer darauf verwiesen, dass die Bilanzstruktur von Wirecard aufgrund des Geschäftsmodells mit überwiegenden Treuhandzahlungen im E-Commerce sehr komplex ist. Dennoch wurden die Berichte vom Unternehmen stets zurückgewiesen und als Attacke von Hedge-Fonds und Leerverkäufern abgetan. Fahrt nahm das Thema im Januar 2019 auf, als die Financial Times über angeblich erfundene Umsätze im Asiengeschäft berichtete. Der Vorstand dementierte erneut – und erhielt Beistand: Die BaFin erliess ein Verbot zum Leerverkauf in Aktien von Wirecard und die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelte gegen den Autoren des Artikels wegen des Verdachts der Marktmanipulation. Auf erneute Vorwürfe einige Monate später folgte eine Sonderprüfung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, deren Ergebnis im April diesen Jahres die Vorwürfe nicht vollständig ausräumen konnte.

Das dicke Ende kam am 18. Juni: Der Abschlussprüfer EY verweigerte ein Testat für den Jahresabschluss 2019 mit dem Hinweis, man habe keine belastbaren Nachweise für ein bilanziertes Treuhandvermögen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro. Dementsprechend konnte Wirecard auch keinen Jahresabschluss veröffentlichen. Nun droht weiteres Ungemach: In vielen Kreditverträgen ist die Vorlage eines testierten Jahresabschlusses zwingend vorgeschrieben, sogenannte „Convenants“. Da dieser Abschluss nun fehlt, können die Banken Kredite und Kreditlinien ab sofort kündigen. Investoren, die dem Unternehmen in den vergangenen Jahren immer wieder die Treue gehalten haben, zogen daraufhin die Reißleine. Binnen zwei Handelstagen verlor die Aktie 75 Prozent an Wert, zehn Milliarden Euro Börsenwert lösten sich in Luft auf. Die Ratingagenturt Moodys stufte die Anleihe von Wirecard auf Ramsch-Status herab, nur einen Tag später wurde das Rating komplett entzogen.

„Started believing that I was the greatest“
Ungeachtet der Vorwürfe hatte Wirecard lange eine treue Fangemeinde. Entweder man liebte das deutsche Vorzeigeunternehmen der Technologie oder man hasste es. Immer wieder erholte sich der Aktienkurs deutlich von den Verlusten, die durch die Berichterstattungen hervorgerufen wurden. Der Höchstkurs aus dem September 2018, dem Zeitpunkt der DAX-Aufnahme, wurde jedoch nie wieder erreicht. Man glaubte den Aussagen des Vorstandes, dass an den Vorwürfen nichts dran sei. In verschiedenen Internetforen berichten Privatanleger sogar, dass sie auf Kredit immer wieder Rückschläge zum Zukauf genutzt hätten und nun auf einem hohen Schuldenberg mit wertlosen Aktien sitzen.

„It's what they call
The rise and fall“

Das an Rekorden nicht arme Jahr 2020 ist damit um einen traurigen Rekord reicher: Wirecard steht mit dem Kursverlust von 75 Prozent in nur zwei Tagen auf einer Stufe mit dem Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate, der im September 2008 im Zuge der Immobilienkrise ebenfalls 75 Prozent an Wert verlor – im Übrigen auch ein DAX-Mitglied. Und auch bei der Hypo Real Estate wurde lange das Ausmaß der Probleme verschleiert und dementiert. Seit dem verweigerten Testat zum Jahresabschluss von Wirecard überschlagen sich nun die Ereignisse: Die vorherigen Bankbestätigungen über das Treuhandvermögen erwiesen sich als gefälscht, der Treuhänder ist derzeit nicht zu erreichen. Der Vorstandsvorsitzende und Großaktionär Markus Braun trat zurück und ein anderes Vorstandmitglied, verantwortlich für das Asien-Geschäft, musste gehen. Wirecard musste eingestehen, dass der in der Bilanz verbuchte Betrag wahrscheinlich gar nicht mehr existiert. Ob er denn überhaupt jemals existiert hat, müssen andere Prüfungen ergeben. Ich kann und will nicht darüber spekulieren, ob Wirecard betrogen wurde oder selbst betrogen hat. Das dürfte mit der Zeit sicher aufgeklärt werden.

Fazit: Lieber zweimal hinschauen und im Zweifelsfall nicht investieren
Eines aber steht jetzt schon fest: Das Vertrauen in Aktien, die bei den Deutschen sowieso ein Nischendasein bei der Geldanlage fristen, wurde nach der „Volksaktie“ Deutsche Telekom und dem Platzen des Neuen Marktes nun ein weiteres Mal erschüttert. Dabei ist es gerade in Zeiten extrem niedriger Zinsen kaum möglich, ohne Aktien langfristig einen nenneswerten Vermögenszuwachs zu erzielen. Der Fall zeigt aber auch, dass man nicht deshalb auf Unternehmen blind vertrauen kann, nur weil es in der Top-Liga der Börse, dem DAX enthalten ist. Verständliche Geschäftsmodelle und eine transparente Kommunikation sind unerlässlich bei der Auswahl der Unternehmen, in die man investiert. Nicht umsonst ist die „Governance“, ein Ordnungsrahmen für eine verantwortliche Unternehmensführung, neben Umweltschutz und Sozialstandards ein Bestandteil der Nachhaltigkeitskriterien. Natürlich ist man gegen betrügerische Machenschaften, wer immer sie auch verüben mag, nie geschützt. Aber verantwortliche Investoren sollten genauer hinschauen, lieber zweimal nachfragen und im Zweifelsfall nicht investieren.

22. Juni 2020 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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