Wochenklänge

„Money for Nothing“

Dire Straits, 1985

Wäre Bundesfinanzminister Olaf Scholz vor ein paar Wochen auch dabei gewesen, als mit Mark Knopfler einer der beiden Gründer der britischen Band „Dire Straits“ auf einer Hamburger Bühne stand, spätestens bei der Zugabe des Klassikers „Money for Nothing“ aus dem Jahr 1985 hätte er wohl leise mitgesummt. Und nicht nur er, der Song dürfte derzeit das Lieblingslied so einiger Finanzminister vor allem in der Eurozone sein.

„Geld für nichts“, oder besser gesagt, Geld für mehr als nichts, heißt Schulden machen und statt Zinsen zu zahlen auch noch Geld dabei zu verdienen – eine Welt für Anleiheemittenten, wie sie besser nicht sein könnte. Aktuell hat rund die Hälfte aller in der Eurozone notierten Staatsanleihen eine negative Rendite – insgesamt ein Volumen von 4.300 Milliarden Euro. Trotzdem finden sich genug Käufer, für die das Investment rein rechnerisch absurde Züge annimmt: So hat Deutschland am 10. Juli eine 10-jährige Bundesanleihe emittiert, der Kaufpreis lag bei 102,64 Prozent. Auf den Rückzahlungskurs von 100 Prozent im Jahr 2029 bedeutet das schon mal einen garantierten Kursverlust von 2,64 Prozent. Und dafür gibt es noch nicht mal Zinsen – die Anleihe ist mit einem Nullprozent-Kupon ausgestattet. Im Klartext: Ich gebe dem deutschen Staat einen Kredit mit 10-jähriger Laufzeit, bekomme am Ende weniger zurückgezahlt und keine Zinsen während der Laufzeit. Aber es kommt noch dicker: liegt die Inflation während der 10-jährigen Laufzeit bei durchschnittlich 1,5 Prozent, erleidet der Anleger bis zur Fälligkeit einen Kaufkraftverlust von rund 16 Prozent, bei einer Teuerungsrate von zwei Prozent sogar von knapp 22 Prozent. Und jetzt kommt’s: Dennoch wurden über drei Milliarden Euro von dieser Anleihe platziert. Im Rest der Welt sieht es nicht viel besser aus: Knapp ein Viertel der global emittierten Anleihen guter Qualität (Staats- und Unternehmensanleihen mit Investment Grade) hat aktuell eine negative Rendite, das Volumen dieser Anleihen liegt bei rund 12.000 Milliarden US-Dollar.

„Money for Nothing“
Es ist die erfolgreichste Single-Auskopplung der britischen Band „Dire Straits“, erschienen 1985 auf dem Album „Brothers in Arms“. Die Band wurde 1977 von den Brüdern Mark und David Knopfler gegründet, mitten in der Hochzeit des Punk. Dennoch konnten sie bereits mit ihrem Debutalbum 1978 und der daraus ausgekoppelten Single „Sultans of Swings“ erste Erfolge erzielen, die mit weiteren Veröffentlichungen noch gesteigert wurden.
Mitte der 80er Jahre war Dire Straits auf dem Zenit. Die Alben bestanden in der Regel aus nur wenigen, aber langen Songs. Höhepunkt dieser Entwicklung war 1982 das Album „Love over Gold“. Es enthielt nur 5 Tracks, der Song „Telegraph Road“ dauerte über 14 Minuten.
1995 gingen die Musiker getrennte Wege. Geblieben ist bis heute ihr charakteristischer, von Mark Knopfler geprägter Sound.

„Dire Straits“
Übrigens bedeutet der Name der Band „Dire Straits“ so viel wie „in ernsthaften Schwierigkeiten“. Und in denen befinden sich viele Anleger. Gerade institutionelle Anleger – vor allem Stiftungen und kirchliche Einrichtungen – müssen in den allermeisten Fällen aus regulatorischen Gründen im Anleihemarkt investieren. Erschwerend kommt hinzu, dass ein überwiegender Teil dieser Papiere das schon oben erwähnte Rating „Investment Grade“ haben muss. Auf der anderen Seite aber brauchen diese Anleger regelmäßige Ausschüttungen, um ihre administrativen Kosten oder den Stiftungszweck erfüllen zu können, ohne das Kapital angreifen zu müssen. Aktien statt Anleihen, wie schon vor Jahren mit dem Schlagwort „Dividenden sind die neuen Zinsen“ propagiert, ist für die wenigsten Stiftungen die Lösung. Das lassen in vielen Fällen die Risikobudgets nicht zu. Breiter streuen ist eine Alternative, aber gerade kleinere Stiftungen mit einem Volumen bis zu einer Million Euro haben nicht die Möglichkeit, ihr Vermögen in Unternehmensbeteiligungen und Direktimmobilien zu streuen. So rechnet nach einer Umfrage des Bundesverbands Deutscher Stiftungen knapp die Hälfte der kleineren Stiftungen damit, dass ihre zu erwirtschaftende Rendite unter Inflation und Kosten liegen und damit real negativ sein wird. Größere Stiftungen haben hingegen mehr Möglichkeiten, ihr Vermögen zu streuen und auch abseits der klassischen Investments von Aktien und Anleihen eine vernünftige Rendite zu erwirtschaften.

„That ain’t working“
Auch Privatanleger sind mit dem Problem der Niedrigzinsen seit Jahren konfrontiert. Viele von ihnen könnten eine höhere Aktienquote vertragen, parken ihr Geld aber lieber auf dem Konto. Das reine Geldvermögen der Bundesbürger betrug laut Bundesbank zum Ende des ersten Quartals knapp 6.200 Milliarden Euro – ein Rekordwert. Davon sind knapp 40 Prozent in Einlagen geparkt, knapp acht Prozent mehr als noch Ende 2017. Aktien und Investmentfonds hingegen machen jeweils nur knapp 10 Prozent aus, ihr Anteil ist sogar zurückgegangen. Das bedeutet für die meisten Anleger einen realen Kapitalverlust. Etwas Positives hat das ganze jedoch: die weiterhin gute Situation am deutschen Arbeitsmarkt hält laut dem Marktforschungsinstitut GfK die Deutschen in Konsumlaune, während der Index zur Sparneigung seit Jahren auf tiefem Niveau verharrt. So kann wenigstens die Binnennachfrage die konjunkturelle Abschwächung der Exportindustrie einigermaßen abfedern. Neben Investoren gibt es noch ein anderes Opfer der Niedrigzinsen: die Banken. Nach Auskunft des Bundesfinanzministerium haben allein deutsche Banken im vergangenen Jahr 2,4 Milliarden Euro Strafzinsen für geparkte Liquidität an die EZB gezahlt – in der gesamten Eurozone waren es rund 7,5 Milliarden Euro.

Fazit
Egal ob Stiftungen, Privatanleger oder Banken: jeder muss für sich einen Weg finden, mit der wohl noch länger andauernden Niedrigzinsphase zurecht zu kommen. Ein „weiter so“ wie bisher kostet Geld und Rendite. Das bringt uns zur letzten Liedzeile: „That ain’t working“ – es funktioniert nicht!

22. Juli 2019 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
weiter zum nächsten Beitrag zurück zur Übersicht