Wochenklänge

„Free Fallin"

Tom Petty, 1989

In diesen Tagen scheint es, als befände sich die Welt, nicht nur an den Kapitalmärkten, im freien Fall. Die Zahl der Neuinfektionen außerhalb Chinas steigt unverändert. Neben Europa, dem derzeitigen Epizentrum der Pandemie, rücken nun auch die USA verstärkt in den Fokus, die nach Italien mittlerweile die zweithöchste Zahl der Infizierten außerhalb Chinas verzeichnen. Derweil haben viele Länder vor allem in Europa einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen „shut down“ vollzogen.

Tom Petty – Der zweite Auftritt in den Wochenklängen
Den Song „Free Fallin‘“ schrieb Tom Petty gemeinsam mit Jeff Lynne. Er gehört zu den erfolgreichsten und bekanntesten in der langen Karriere des US-Rockmusikers, der 2017 im Alter von 66 Jahren verstarb. Der Text basiert auf den Beobachtungen, die Petty auf seinen Fahrten auf dem Ventura Boulevard im Süden Los Angeles machte. Ich habe Tom Petty, dessen Musik ich sehr mag, schon einmal in den Wochenklängen behandelt: „I won’t back down“ – ich werde nicht zurückweichen. Es ging um die damalige Premierministerin von Großbritannien und den Widerstand des Parlamentes gegen ihren Brexit-Plan.

Die Dynamik in den Entwicklungen der Coronakrise der letzten Wochen lässt sich auch sehr gut an den Titeln der jeweiligen Wochenklänge ablesen: Noch am 10. Februar beschrieb ich an dieser Stelle mit dem Song „Who cares“ die Sorglosigkeit der Investoren bezüglich der Ausbreitung der Corona-Epidemie in China, die in den darauffolgenden Tagen die Aktienindizes noch auf neue historische Höchstkurse getrieben hat. Drei Wochen später, am 2. März, waren erste deutliche Kursverluste an den Aktienmärkten zu verzeichnen, beschrieben mit dem Song „What goes up, must come done“. Just an diesem Tag hat auch die OECD ihre Prognose für das Wachstum der Weltwirtschaft deutlich reduziert, allerdings im wesentlichen ausgelöst durch einen deutlichen Rückgang der Wirtschaftsaktivität in China. Und heute, noch einmal drei Wochen später, haben wir es nicht mehr mit einem spürbaren Rückgang, sondern mit einem freien Fall zu tun. Und die Konjunkturprognosen von vor drei Wochen dürften noch einmal deutlich nach unten revidiert werden. Mittlerweile scheint eine tiefe Rezession zumindest in Europa für das erste Halbjahr unausweichlich. Wie lange sie anhält und wann es konjunkturell wieder aufwärts geht, kann derzeit keiner seriös vorhersagen.

Die Corona-Epidemie hat sich zur Pandemie entwickelt, fast 350.000 bestätigte Infektionen in 167 Ländern (Quelle: John Hopkins Universität, Stand 23. März, 12:00). Die Steigerungsrate der Neuinfektionen, die zu einem exponentiellen Wachstum führt, konnte bisher nicht verlangsamt werden und hat auch die USA erfasst. Die Maßnahmen der Politik mit strengen Ausgangsbeschränkungen und der Schließung nahezu aller nicht für den täglichen Bedarf notwendiger Geschäfte haben das öffentliche Leben in Europa zum Erliegen gebracht. Unternehmen stoppen ihre Produktion für Wochen. Maßnahmen, die bei einer in den USA ähnlichen Entwicklung der Infektionszahlen auch dort zu erwarten sind. Die Politik und Zentralbanken steuern zwar mit milliardenschweren Stützungen und Zuschüssen dagegen, dies konnte aber den Fall bisher nicht stoppen. Es bleibt zu befürchten, dass uns zumindest die hohe Nervosität an den Kapitalmärkten so lange erhalten bleibt, bis eine spürbare Verlangsamung der Neuinfektionen durch die harten politischen Maßnahmen erkennbar ist. Expertenmeinungen zufolge dürfte dies aber erst im Verlauf der nächsten Woche erkennbar sein.

Wann wieder so etwas wie Normalität eintritt, kann man am Beispiel Chinas sehen: Zwei Monate nach Ausbruch – oder besser gesagt der offiziellen Bestätigung – der Epidemie in Wuhan stieg die wirtschaftliche Aktivität in China wieder an. Seit einigen Tagen verzeichnet China auch keinerlei Neuinfektionen mehr. Geholfen, das Virus relativ schnell einzudämmen, haben sicher die umfangreichen Quarantänemaßnahmen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) warnt allerdings vor einer zweiten Infektionswelle, die mit steigender wirtschaftlicher Aktivität und vermehrter Reisetätigkeit durchaus wieder losbrechen kann.

Fazit:
Die nächsten Wochen dürften entscheidend dafür sein, wie sich die globale Konjunktur und dementsprechend die Kapitalmärkte entwickeln werden. Viele Aktien notieren auf mehrjährigen Tiefstständen, die Bewertungen sind deutlich attraktiver geworden. Dennoch sollte mit größeren Engagements noch abgewartet werden, bis sich ein klareres Bild abzeichnet. Sollte es jedoch gelingen, die Ausbreitung des Virus einzudämmen und damit den wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen, bieten sich attraktive Einstiegschancen für langfristig orientierte Investoren.

23. März 2020 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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