Wochenklänge

„Land of Confusion”

Genesis, 1986

Keine Angst, liebe Leser, es geht nicht schon wieder um den Brexit. Auch weil hier der Schluss nahe liegt, Großbritannien ist schon weit über den Status der Konfusion hinaus. Sind wir doch mal ehrlich, es fallen einem so einige Länder ein, auf die dieser Songtitel momentan zutrifft. Und so wird aus „Land of Confusion“ wohl eher eine „World of Confusion“, in der wir leben.
Genesis veröffentlichten ihr Album „Invisible Touch“ 1986 in der Hochzeit des Kalten Krieges und thematisierten in „Land of Confusion“ das Risiko eines Atomkrieges. Sie kennen vielleicht auch das Video, in dem der damalige US-Präsident, Ronald Reagan, als Gummipuppe der britischen Satire-Sendung „Spitting Image“ nach einem Albtraum schwitzend aufwacht und völlig durcheinander die Krankenschwester rufen will. Allerdings drückt er den falschen Knopf: „Nuke“ statt „Nurse“ – und löst damit einen Atomschlag aus.

Peter Gabriel oder Phil Collins – ich lege mich fest!
Man kann den Sound von Genesis, in der „Land of Confusion“ entstand, als „Genesis 2.0“ bezeichnen. Gegründet 1967, war Genesis eine der wegweisenden britischen Bands des „Progressive Rock“. Vor allem die komplexen Texte und anspruchsvollen Sounds, entstanden unter Federführung ihres Frontmanns Peter Gabriel, kennzeichneten den Stil von Genesis. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war 1974 das Doppelalbum „The lamb lies down on Broadway“ – ein Album, das nahezu komplett von Gabriel geschrieben wurde. Das Album war so komplex, dass Kritiker, Hörer und selbst die restlichen Bandmitglieder es nicht verstanden haben. Ein Jahr später verließ Peter Gabriel die Band und startete eine sehr erfolgreiche Solokarriere, zwei Jahre später trennte sich Gitarrist Steve Hacket von Genesis. Die drei Verbliebenen änderten unter Führung des Schlagzeugers Phil Collins ihren Stil hin zum radiotauglichen Mainstream-Rock. Ich hingegen war immer ein Fan von „Genesis 1.0“ und bin bis heute ein großer Bewunderer der Kunst von Peter Gabriel als Solokünstler.

“There's too many men, too many people making too many problems“
Ähnlich irrlichternd verhalten sich die heutigen Staatsmänner der USA, Saudi-Arabiens und des Iran. Allerdings zündeln sie nicht an den Atomraketen, sondern am Ölhahn. Völlig ohne Not kündigte US-Präsident Trump im Mai vergangenen Jahres den Atomvertrag mit dem Iran. Seitdem dreht sich die Eskalationsspirale: waren es anfangs gezielte Nadelstiche durch Anschläge (vermutlich) iranischer Revolutionsgarden auf Tanker in der Straße von Hormus oder der Abschuss einer US-Drohne, hat der Angriff auf die größte saudische Raffinerieanlage vor einigen Tagen den Konflikt auf ein anderes Niveau gehoben. Auf einen Schlag fiel mehr als die Hälfte der saudischen Ölproduktion aus – täglich 5,7 Millionen Barrel Öl und damit über fünf Prozent des globalen Ölbedarfs. Prompt stieg der Ölpreis in der Spitze um 20 Prozent. Verantwortlich für diesen Anschlag zeichneten sich jemenitische Huthi-Rebellen. Die Präzision der Anschläge sowie die Flugbahn der Geschosse lässt jedoch eine Verantwortung direkt im Iran vermuten. Saudi-Arabien und der Iran sind zutiefst verfeindet. Es geht zum einen um die Vormachtstellung in der Region, aber auch um die Auslegung der gemeinsamen Religion, des Islam. Der Iran ist schiitisch, während die Saudis die sunnitische Glaubensrichtung innerhalb des Islam vertreten. Der Unterschied liegt in der Interpretation des legetimen Nachfolgers des Propheten Mohammed.

Die USA sind seit Ende des zweiten Weltkrieges enger Verbündeter Saudi-Arabiens und damit ebenfalls Feindobjekt der Iraner. Präsident Trump ist in einer prekären Situation. Er hat seinen Wählern versprochen, das Militärengagement der USA im Ausland deutlich zu reduzieren. Die Bevölkerung ist nach nahezu zwei Jahrzehnten militärischen Dauereinsatzes in der Region kriegsmüde. Aber durch seine Scheu vor einer direkten militärischen Auseinandersetzung läuft er Gefahr, zum zahnlosen Tiger zu werden. Und nur mit Druck und Sanktionen kann er den Iran nicht in die Knie zwingen, damit stärkt er eher die Hardliner in Teheran. Auch der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman fährt einen gefährlichen Kurs mit Zuckerbrot und Peitsche. Einerseits gibt er sich als Reformer – Frauen dürfen zum Beispiel neuerdings Auto fahren sowie Fußball-Länderspiele im Stadion besuchen. Zugleich aber führt er ein hartes Regime gegen Kritiker, wie die Ermordung des Journalisten Kashoggi im Oktober vergangenen Jahres im saudischen Konsulat in Istanbul zeigt. Befeuert wird der Konflikt durch den seit 2015 andauernden Krieg im Jemen, in dem Saudi-Arabien versucht, die schiitischen und vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen zu vertreiben. Der blutige Konflikt wird nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgetragen. Tausende Tote vor allem unter der Zivilbevölkerung sowie Millionen Menschen von Hunger bedroht – die Vereinten Nationen bezeichnen die Situation im Land als die schlimmste humanitäre Katastrophe der Welt.

“Ooh, Superman where are you now when everything's gone wrong somehow?
Derzeit ist leider kein „Superman“ in Sicht, der die Situation dauerhaft entschärfen könnte. Die Europäische Union, die weiterhin zum Abkommen mit dem Iran steht, ist nur Beobachter am Rande.

“The men of steel, the men of power are losing control by the hour”
Das „Trio Infernale“, wie der aktuelle „Spiegel“ den saudischen Kronprinz Salman, US-Präsident Trump und den iranischen Präsidenten Rohani bezeichnet, zündelt derzeit gefährlich an der Stabilität einer ohnehin durch den Handelskrieg schwächelnden Weltkonjunktur. Gerade die impulsgetriebene Politik Trumps, der sich keine Schwäche leisten kann, kann eine Eskalation hervorrufen. Manch einer vergleicht die Situation mit der von 1914, als die europäischen Mächte nahezu schlafwandlerisch den ersten Weltkrieg provozierten.

Fazit:
Die Aktienmärkte haben die erneute Eskalation nahezu unbeeindruckt weggesteckt. Zum einen, weil die USA zur Deckung des Ölausfalls angekündigt haben, notfalls auf ihre strategischen Reserven zurückzugreifen. Zum anderen, weil die Bedeutung Saudi-Arabiens als Öllieferant abgenommen hat. Weltgrößter Ölproduzent sind aktuell die USA durch die enorme Zunahme der Förderung durch das sogenannte „Fracking“. Ein Ölpreisschock wie 1973, als die arabischen Länder als Reaktion auf den Jom-Kippur-Krieg, in dem sich der Westen auf die Seite Israels stellte, die Förderung drosselten, ist heute unwahrscheinlicher. Nichtsdestotrotz ist jede Gefährdung der Ölversorgung Gift für die Weltwirtschaft. Vor allem für China, das rund 40 Prozent seiner Ölimporte aus dieser Region bezieht. Die derzeitige politische Situation ist damit um einen Krisenherd reicher.

23. September 2019 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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