Wochenklänge

„The man comes around“

Johnny Cash, 2002

Johnny Cash – beim Klang dieses Namens erstarren Musikkenner auch dann vor Ehrfurcht, wenn sie keine Fans der Country-Musik sind. Geboren 1932 als „J.R.“, änderte er seinen Namen 1950 in „John R.“, weil das US-Militär keine Initialen als Vornamen akzeptierte. Mit zehn Jahren bekam er seine erste Gitarre geschenkt und bereits während seiner Militärzeit Anfang der 1950er Jahre in Landsberg am Lech absolvierte er seine ersten Auftritte. Zurück in den USA bekam er 1955 seinen ersten Plattenvertrag, die Erstveröffentlichung landete auf Platz 14 der amerikanischen Country-Charts. Im selben Jahr trat er im Vorprogramm von Elvis Presley auf.

Nach dem Absturz das Comeback
Insgesamt nahm Johnny Cash 80 Alben auf und veröffentlichte rund 1.500 Songs. Er wurde mit 15 Grammy-Awards ausgezeichnet. In den 1980er Jahren verschwand er für einige Zeit von der Bildfläche, gezeichnet von jahrelanger Tablettenabhängigkeit. Ich erinnere mich an einen Auftritt 1983 in der Fernsehsendung „Wetten dass..?“, damals noch mit Frank Elstner. Cash spielte ein Medley, er schwankte und lallte. Später hieß es, er sei nur erschöpft gewesen. Ich dachte nur: „Armer alter Mann, geh nach Hause“. 1994 dann sein fulminantes Comeback: „American Recordings“, eine Reihe von Veröffentlichungen eigener, aber auch fremder Country-Songs. Sparsam arrangiert, Cashs sonore Bassbariton-Stimme und die Gitarre im Vordergrund. Zusätzlich nahm er einige Cover-Versionen auf, unter anderem von Depeche Mode und Simon and Garfunkel. Cash war ein Kämpfer für die „Underdogs“, die Unterprivilegierten. Legendär seine Live-Auftritte vor Gefängnisinsassen Ende der 1960er Jahre in St. Quentin und Folsom. Er trug zeitlebens schwarz als Zeichen für die Ungerechtigkeiten in den USA – er war der „Man in Black“. Er starb im September 2003 nur wenige Monate nach dem Tod seiner Frau.

„There's a man goin' 'round takin' names
And he decides who to free and who to blame“

Der Song „The man comes around“ erschien 2002 auf dem Album „Hurt“, dem vierten der Reihe „American Recordings“. Es war das letzte Album, das zu Lebzeiten Cashs veröffentlicht wurde. Seine Stimme war schon brüchig, gezeichnet von einer Erkrankung des Nervensystems. Es geht in dem Song um das Jüngste Gericht und er beginnt mit einer Bibelstelle der apokalyptischen Reiter. Gott geht umher und entscheidet, wer befreit oder bestraft wird. Elon Musk, Gründer, Chef und Hauptaktionär des Autoherstellers Tesla ist zwar nicht Gott und er schickt auch keine apokalyptischen Reiter. Dennoch hat seine Ankündigung, im brandenburgischen Grünheide in der Nähe von Berlin eine „Gigafactory“ zu errichten, die deutsche Wirtschaft regelrecht „elektrifiziert“. Rund vier Milliarden Euro will Musk in die vierte dieser Art nach Nevada und Buffalo in den USA und Shanghai investieren. Ab 2021 sollen dort Batterien, Antriebe und das SUV-Modell Y gefertigt werden. Man spricht von 3.000 neuen Arbeitsplätzen, später könnten es sogar 8.000 werden. Zusätzlich soll in Berlin ein europäisches Design- und Entwicklungszentrum entstehen.

„The hairs on your arm will stand up“
Ob sich den deutschen Automanagern vor Schreck die Nackenhaare aufgestellt haben, weiß keiner. Herbert Diess, Vorstandsvorsitzender von Volkswagen, wertete die Entscheidung positiv; er glaube, Tesla suche den Austausch mit der starken deutschen Automobilindustrie. Andere wiederum sehen darin eine klare Kampfansage an die deutschen Autobauer, die Tesla lange belächelt und nicht ernst genommen haben. Zudem haben die heimischen Platzhirsche lange den Trend zur reinen E-Mobilität regelrecht verschlafen und auf alternative Antriebe wie zum Beispiel Hybrid, eine Kombination von klassischem Verbrennungsmotor und elektrischem Antrieb, gesetzt.

„Hear the trumpets hear the pipers“
Aber die deutschen Autobauer haben die Trompeten gehört. Sie sind aufgewacht, auch weil neben Tesla die Konkurrenz in China mit Herstellern wie BYD oder Byton immer größer wird. Während Audi, Porsche und Daimler ihre E-Modelle eher für das Premiumsegment entwickeln, drängt Volkswagen mit dem ID3 auf den Massenmarkt. BMW wiederrum entwickelt den elektrischen Mini und mit dem iX3 einen Nachfolger für den i3, der 2013 auf den Markt kam und bald eingestellt wird. Damit könnte sich 2020 als „Schicksalsjahr“ nicht nur für die deutschen Hersteller erweisen, sondern auch für Tesla, die dann ernsthafte Konkurrenz bekommen. Und mit den zuletzt noch einmal angehobenen Kaufprämien soll nun endlich auch der deutsche Autokäufer die Trompeten hören. Das Umdenken hat, wenn auch nur zögerlich, bereits begonnen. Zwar macht der Anteil von E-Autos an den gesamten PKW-Zulassungen bis Oktober dieses Jahres gerade einmal 1,75 Prozent aus und der von Hybrid-Autos nur 6,25 Prozent. Aber die Richtung stimmt: Mit 53.000 neu zugelassenen reinen E-Autos in den ersten zehn Monaten lag der Wert schon deutlich über dem des Gesamtjahres 2018 mit 36.000 Fahrzeugen. An der Spitze der Neuzulassungen steht Tesla, gefolgt von Renault und BMW. Auch VW hat noch einen nennenswerten Anteil, während Mercedes weit abgeschlagen ist.

„Voices callin', voices cryin'
Some are born and some are dyin”

Gestritten wird nach wie vor über die Ökobilanz eines E-Autos im Vergleich zum klassischen Verbrenner. Erst kürzlich hat das Grazer Forschungsinstitut Joanneum den „Klima-Rucksack“ eines E-Autos berechnet. Angefangen von der Rohstoffgewinnung über die Akku-Herstellung bis hin zur Aufladung aus dem deutschen Strommix teils aus Braunkohlegewinnung – die dabei ausgestoßenen Treibhausgase sind weit höher als die bei der Produktion eines Autos mit Verbrennungsmotor. Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass die Ökobilanz eines E-Autos gegenüber einem Benziner erst nach 127.000 Kilometern positiv wird. Ein Diesel kann dafür sogar 219.000 Kilometer fahren.

„And I heard a voice in the midst of the four beasts
And I looked, and behold a pale horse
And his name that sat on him was death, and hell followed with him"

Der Song endet auch mit einem biblischen Zitat der apokalyptischen Reiter. So schlimm allerdings dürfte es für die deutschen Autohersteller nicht kommen – Elon Musk sitzt nicht auf einem fahlen Pferd, sein Name ist nicht „Tod“ und die Hölle folgt ihm nicht nach. Dennoch dürfen sich die deutschen Autobauer, Erfinder des Automobils und Innovationsführer über viele Jahrzehnte, nicht zu sehr auf den Erfolgen der Vergangenheit ausruhen. Eine entsprechende Infrastruktur mit flächendeckenden Ladestationen muss endlich her, um E-Autos auch für Langstrecken attraktiv zu machen. Und um den „Klima-Rucksack“ des E-Autos zu erleichtern, muss sich der Energiemix deutlich Richtung erneuerbare Energien verändern. Da aber sind sie wieder, die Probleme. Wie in meinem November Weltbild zu lesen, stockt der Ausbau der Windenergie in Deutschland gerade wegen hoher bürokratischer und regulatorischer Hürden.

2002, im Jahr der Veröffentlichung des Albums, brachte Apple die zweite Generation des iPod auf den Markt. Gemeinsam mit der ein Jahr später veröffentlichten Software iTunes revolutionierte und dominierte Apple in den folgenden Jahren den Musikmarkt. Tesla ist im Bereich E-Mobilität ähnlich revolutionär. Die übrigen Hersteller werden aber alles daran setzen, um eine Dominanz von Tesla zu verhindern.

25. November 2019 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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