Wochenklänge

„Little Lies“

Fleetwood Mac, 1987

Am 31. Januar ist es soweit – mehr als dreieinhalb Jahre nach dem Volksentscheid wird Großbritannien die Europäische Union verlassen. Zwei Premierminister mussten in dieser Zeit ihr Amt räumen, zweimal wurde der ursprüngliche Austrittstermin verschoben. Unzählige Treffen, Gipfel und Verhandlungen haben die Nerven dies- und jenseits des Ärmelkanals strapaziert. Und so manche nicht wirklich kleine Lüge sollte dabei helfen, diejenige Hälfte der Briten noch vom Austritt zu überzeugen, die bis dato mit dem Leben innerhalb der Europäischen Union ganz zufrieden waren. Passend dazu gibt es in den Wochenklängen heute „Little Lies“, ein Song der absoluten Supergruppe der 1970er Jahre, Fleetwood Mac, erschienen 1987 auf ihrem Album „Tango in the night“.

Fleetwood Mac – Vom Blues zum Mainstream
Peter Green, ein bedeutender britischer Blues-Gitarrist, gründete die Band im Jahr 1967. Sie war von Beginn an sehr erfolgreich und verkaufte schon 1969 mehr Platten als die Beatles oder die Rolling Stones. Ein Jahr später aber wurde Green aus der Band geworfen, als er nach einem mehrtätigen Aufenthalt in der Kommune von Uschi Obermeier und Rainer Langhans im Drogenrausch das gesamte Bandvermögen spenden wollte. Die restlichen Bandmitglieder gingen in die USA, verstärkten sich mit Lindsey Buckingham und Stevie Nicks und änderten den Stil vom Blues in Mainstream-tauglichen Rock. Auch hier waren große Erfolge zu verzeichnen, vor allem mit dem 1977 erschienen Album „Rumours“ ein absoluter Meilenstein. Würde ich auf eine einsame Insel verbannt und dürfte nur zehn Platten mitnehmen – diese wäre definitiv dabei!

„If I could turn the page
In time then I'd rearrange
Just a day or two“

So manch einer im Vereinigten Königreich würde sich sicherlich wünschen, die Zeit noch einmal zurückdrehen zu können und sich neu zu arrangieren, die Entscheidung vielleicht doch noch einmal rückgängig zu machen.

„But I couldn't find a way
So I'll settle for one day
To believe in you“

Aber spätestens seit dem starken Wahlsieg des derzeitigen Premierministers und damaligen Wortführers der Brexit-Kampagne Boris Johnson gibt es kein Zurück mehr. Die Briten und auch die Europäische Union wollen endlich zu einem Ende kommen und sind des ewigen Verhandelns überdrüssig. Beide Kammern, das Unterhaus und das Oberhaus, haben dem Brexit-Gesetz zugestimmt, die Unterschrift der Queen gilt nur noch als Formsache. Am 29. Januar soll schließlich das EU-Parlament die Ratifizierung des Austrittsvertrages vornehmen, auch das gilt als sicher. Die Brexit-Befürworter wollen zum Zeitpunkt des Austritts landesweit die Kirchenglocken läuten lassen, inklusive der Glocke „Big Ben“ im Parlamentsturm von Westminster. Dieser wird jedoch seit drei Jahren saniert. Eine kurzfristige Herrichtung, um die Glocke am 31. Januar läuten zu lassen, würde rund eine halbe Million Pfund kosten. Um die Finanzierung ist deshalb ein heftiger Streit entbrannt.

In der Auseinandersetzung zwischen Gegnern und Befürwortern eines Brexit hat es in den vergangenen Jahren viel Streit und Lügen gegeben. Viele dieser Lügen, mit denen die Kampagne geführt wurde, sind mittlerweile als solche enttarnt worden. Weder werden sich die größten Hoffnungen auf einen wirtschaftlichen Aufschwung erfüllen noch die Befürchtung, die Wirtschaft könne kollabieren, eintreten. Zwar hat sich auch das britische Wachstum im vergangenen Jahr abgeschwächt, neben der Investitionszurückhaltung aufgrund der unsicheren Austrittsbedingungen war aber auch der US-chinesische Handelskrieg für die Schwäche verantwortlich. Mit dem höchstwahrscheinlich geregelten Austritt haben sich die Aussichten wieder leicht verbessert.

Insgesamt rechnet der IWF in seiner jüngsten Prognose mit einem Wirtschaftswachstum in Großbritannien leicht über dem EU-Durchschnitt. Umfragen unter Konsumenten wie auch Unternehmen zeigen wieder mehr Optimismus, auch die Investitionsbereitschaft steigt wieder deutlich an.

„Tell me lies
Tell me sweet little lies
Oh, no, no you can't disguise“

Die Zeit der Lügen ist jetzt jedoch vorbei, man kann sich nicht mehr verstellen. Dem Austritt müssen nun Fakten folgen. Bis zum Jahresende 2020 wird Großbritannien wie ein Mitgliedsstaat der EU behandelt – es bleibt im EU-Binnenmarkt und der Zollunion. Ab Februar wird über das künftige Verhältnis verhandelt. Es geht um ein Freihandelsabkommen, um Fischereiquoten, um die Zusammenarbeit unter anderem in den Bereichen Energie, Luft- und Raumfahrt, Klimaschutz und Sicherheitspolitik. Ob in diesen komplexen Punkten tatsächlich bis zum Jahresende eine Einigung erzielt werden kann, ist durchaus fraglich. Premier Johnson lehnt aber bereits jetzt eine Verlängerung der Übergangsphase ab.

„Although I'm not making plans
I hope that you understand
There's a reason why“

Man sollte als Anleger also durchaus mit einer gewissen Skepsis und Vorsicht die nun folgenden Verhandlungen beobachten und sich nicht allzu sehr auf die Versprechungen der britischen Regierung verlassen. Eine vollständige vertragliche Regelung der zukünftigen Beziehungen innerhalb von elf Monaten erscheint doch eher fraglich. Die Chancen für ein partnerschaftliches Miteinander in der Zukunft aber sind deutlich gestiegen. Für Deutschland ist das sehr wichtig: 2017 tätigten deutsche Unternehmen Direktinvestitionen von 145 Milliarden Euro auf der Insel, 2.300 deutsche Unternehmen mit über 430.000 Beschäftigten sind in Großbritannien aktiv. Umgekehrt sind rund 1.500 britische Unternehmen mit über 280.000 Mitarbeitern in Deutschland aktiv. Dies kann und wird nicht komplett zurückgedreht werden, zu sehr sind die jeweiligen Volkswirtschaften miteinander verwoben. Innerhalb Europas wie auch der gesamten Welt haben sich durch die Globalisierung Wertschöpfungsketten so stark internationalisiert, eine Re-Nationalisierung ist unmöglich und würde die Weltwirtschaft ins Chaos stürzen. Das sollte auch jeder noch so populistische und nationalistische Politiker mit gesundem Menschenverstand begreifen.

27. Januar 2020 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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