Wochenklänge

„Living in a Ghost Town”

The Rolling Stones, 2020

Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche
Maßnahmen – die Corona-Krise sorgt für noch nie dagewesene Eingriffe in unser tägliches Leben und fordert nicht ganz unerwartet nun auch die Musikindustrie heraus. Und so kommt es auch zu dem außergewöhnlichen Umstand, dass heute zum ersten Mal in der Historie der Wochenklänge ein aktueller Song Namensgeber für den regelmäßigen Blick auf das Wirtschafts- und Finanzmarktgeschehen ist. Besser gesagt, eine leicht veränderte Version eines Titels aus dem vorigen Jahr. Wer aber hätte gedacht, dass der Soundtrack zur Corona-Pandemie ausgerechnet von den Rolling Stones kommt.

Chapeau, meine Herren!
„Living in a Ghost Town“ ist die erste Veröffentlichung eines komplett neuen Songs der Rolling Stones seit 2012. Aufgenommen wurde er bereits vor einem Jahr und nun mit leicht verändertem Text veröffentlicht. Es ist ein klassischer Stones-Song im Blues-Stil: Die leicht verzerrte Stimme von Mick Jagger und sein Spiel der Bluesharp – man spürt förmlich, wie sich die Gitarren von Keith Richards und Ron Wood durch die leeren Straßen schlängeln, dazu das stoische Schlagzeugspiel von Charlie Watts. Für eine absolute Ausnahmesituation konnte wohl nur eine absolute Ausnahmeband den passenden Song liefern.
Chapeau, meine Herren!

„Life was so beautiful
Then we all got locked down
Feel like a ghost
Living in a ghost town, yeah“

In der Tat gleichen viele Städte denen von Geisterstädten. Die ergriffenen Maßnahmen der Regierungen zur Eindämmung des Coronavirus spüren wir alle im Alltag, im Beruf, in der Betreuung unserer Kinder. Die Auswirkungen des quasi staatlich verordneten Stillstands der Wirtschaft werden dramatisch sein: Der Internationale Währungsfonds IWF rechnet mit der größten Rezession der Weltwirtschaft seit den 1930er Jahren. Gerade der Dienstleistungssektor, der im vergangenen Jahr noch die negativen Effekte eines bereits kriselnden Industriesektors kompensieren konnte, ist per Gesetz auf Null gefahren worden. Regierungen und Zentralbanken versuchen mit Hilfsprogrammen in vorher nie dagewesenem Ausmaß gegenzusteuern und die wirtschaftlichen Auswirkungen möglichst in Grenzen zu halten. Der IWF schätzt den Umfang der weltweit direkten Hilfspakete und Kreditgarantien auf über acht Billionen US-Dollar. Das entspricht knapp zehn Prozent der Jahreswirtschaftsleistung der gesamten Welt. Die Kapitalmärkte, die im Rekordtempo bis Mitte März abgestürzt sind, konnten sich seitdem deutlich erholen. Die Investoren hoffen zum einen auf die außerordentliche Liquiditätszufuhr durch die Geldpolitik und zum anderen auf die nun schrittweise einsetzenden Lockerungsmaßnahmen aus dem Shutdown.

„Please let this be over,
not stuck in a world without end“

Und tatsächlich läuft nun nach mehreren Wochen mit Ausgangs- und Kontaktsperren, stillgelegten Produktionsstraßen und geschlossenen Geschäften, Schulen und Kindergärten das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben in Europa – wenn auch nur in sehr geringen Dosen – wieder an. In Deutschland sind kleinere Läden seit einer Woche wieder geöffnet, die Industrie fährt so langsam die Produktion wieder hoch und auch die Schulen beginnen allmählich wieder mit dem Unterricht – alles unter besonderen Schutz- und Hygienemaßnahmen. Denn ein erneuter Anstieg in den Neuinfektionszahlen würde sofort wieder eine Verschärfung der politischen Maßnahmen nach sich ziehen und die Wirtschaft höchstwahrscheinlich noch viel stärker belasten, als es die vergangenen Wochen sowieso schon getan haben.

Genau das aber macht eine Prognose für den Verlauf der Wirtschaft und der Kapitalmärkte so schwierig. Gelingt es, eine zweite oder gar dritte Infektionswelle zu vermeiden, können die verhängten Maßnahmen nach und nach gelockert werden. Bis allerdings wieder der Zustand vor der Pandemie erreicht wird, dürfte es dennoch einige Monate dauern. Gelingt dies jedoch NICHT, dürfte das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben auf absehbare Zeit stark eingeschränkt bleiben und die jetzt schon tiefroten Konjunkturprognosen müssten nochmal nach unten angepasst werden.

Die Kapitalmärkte blenden dieses sogenannte „Worst Case“-Szenario derzeit noch aus und setzen auf die schrittweise Normalisierung, unterstützt durch die massive Zufuhr von Liquidität durch die Zentralbanken. Als Anleger sollte man sich jedoch etwas in Erinnerung rufen. In vorherigen Rezessionen sind die Unternehmensgewinne zwischen 20 und sogar 40 Prozent eingebrochen. Ein solcher Rückgang ist in den aktuellen Notierungen noch nicht eingepreist und würde die sowieso schon recht teure Bewertung von Dividendenpapieren weiter nach oben treiben. A propos Dividenden: Auch der Geldsegen aus unternehmerischen Gewinnbeteiligungen dürfte entgegen der vergangenen Jahre ausbleiben. Schaut man sich die Erwartungen anhand der Futures auf zukünftige Dividendenzahlungen der großen Indizes am Terminmarkt an, ist die Richtung eindeutig. Die Marktteilnehmer rechnen durch Dividendenkürzungen bis hin zu kompletten Ausfällen mit einer Halbierung des gesamten Ausschüttungsbetrages. Gleichzeitig zu Dividendenkürzungen oder -streichungen stoppen viele Unternehmen ihre Aktienrückkaufprogramme – in den vergangenen Jahren ebenfalls ein wesentlicher Treiber für Kursgewinne vor allem in den USA.

Fazit:
Nur Notenbankliquidität kann auf längere Sicht die Aktienmärkte nicht dauerhaft steigen lassen, die Fundamentaldaten dürften bald wieder stärker in den Fokus rücken. Und da deren Entwicklung derzeit sehr unsicher und damit kaum zu prognostizieren ist, sollte man sich nur sehr vorsichtig am Aktienmarkt positionieren.

27. April 2020 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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