Wochenklänge

„Gold“

Spandau Ballet, 1983

Spandau Ballet ist ein klassisches Produkt der 1980er Jahre. 1976 noch unter anderem Namen gegründet, experimentierte die Band zuerst recht erfolglos mit Coverversionen, drei Jahre später änderte sie den Namen in „Spandau Ballet“ (inspiriert durch eine Aufschrift einer Gefängnismauer in Berlin-Spandau) und wandte sich einem neu aufgekommenen Musikstil zu, der „New Romantic“. Im Gegensatz zum gesellschaftskritischen Punk und New Wave dieser Zeit wollte „New Romantic“ nur eins: die Flucht aus dem tristen Alltag. Das gelang Spandau Ballet perfekt – die Frisuren glatt, die Anzüge maßgeschneidert, die Musik eingängig, harmonisch und so glatt wie ihr Erscheinungsbild. Kritiker nannten das verächtlich „Softpop“. Dennoch: ihr Stil prägte die 1980er Jahre und noch heute werden ihre Hits regelmäßig im Radio gespielt. So auch „Gold“ aus dem Jahr 1983. 1990 löste sich die Band nach Streitigkeiten ums Geld auf, 2009 erfolgte die Wiedervereinigung und eine neue Platte.

Eine Flucht aus den Kapriolen und Unsicherheiten der vergangenen Monate wollen anscheinend auch zunehmend die Investoren. Gold erfährt einen enormen Nachfrageschub. Der Goldhändler Degussa berichtet von einer stark steigenden Nachfrage nach Münzen und Barren seit der Corona-Pandemie. Auch börsengehandelte Gold-Investments (ETC), die mit physischem Gold hinterlegt sind, haben durch die starken Käufe ihre Bestände seit Mitte März um über 20 Prozent gesteigert. Sie halten heute 3.300 Tonnen im Wert von rund 210 Milliarden US-Dollar, das entspricht in etwa den Goldreserven der Deutschen Bundesbank. Die von den ETCs aktuell gehaltenen Goldbestände liegen sogar noch 30 Prozent über dem bisherigen Höchststand während der europäischen Schuldenkrise 2012. Im Zuge dieser stark gestiegenen Nachfrage konnte Gold gestern einen neuen historischen Höchstpreis von knapp unter 2.000 US-Dollar für die Feinunze erreichen. Und anders als 2012 wird diesmal der Kurs nicht durch Spekulanten am Terminmarkt getrieben, sondern von tatsächlicher physischer Nachfrage der Investoren. Aber warum dieser Schub?

„'cause you are
Gold“

Nur mit „weil Du Gold bist“ wäre das zu einfach beantwortet. Gold übt seit Jahrtausenden eine ungemeine Faszination aus, das hatte ich bereits im Weltbild im September ausführlich beschrieben. Verschwörungstheoretiker sehen im Falle eines Zusammenbruchs der Weltwirtschaft und der globalen Finanzmärkte und einer Abschaffung von Bargeld Gold als das einzig verbleibende leicht zu transportierende Zahlungsmittel. Ein Kilobarren Gold ist nicht größer als ein Schokoriegel und passt in jede Hosentasche.

Aber schauen wir uns die Gründe mal rational an, ohne Verschwörungstheorien und ohne Emotionen. Gold galt in der Vergangenheit immer auch als Schutz gegen Inflation. Gerade zu Zeiten sehr hoher Inflation in den 1970er Jahren konnte der Goldpreis bereinigt um die US-Inflation sehr deutlich zulegen. In anderen Phasen danach gelang das nicht, der nominelle und erst recht der inflationsbereinigte Goldpreis hat sich sein Beginn der 1980er Jahre bis zur Jahrtausendwende deutlich reduziert. Derzeit kämpfen die Notenbanken bei Inflationsraten von knapp über null Prozent eher gegen eine Deflation als gegen eine Inflation, und eine stark steigende Inflationsrate wird ungeachtet der massiven Geldflut der Notenbanken auch nicht erwartet. Das kann also nicht der Treiber für den starken Goldanstieg sein.

„You're indestructible
Always believe in“

Sondern: Weil Gold unzerstörbar ist, „In Gold we trust“. Gerade in Zeiten zunehmender Turbulenzen an den Kapitalmärkten und politischer Unsicherheit kann Gold als Krisenmetall überzeugen. Das war Anfang der 2000er Jahre nach dem Platzen der Technologieblase so, während der globalen Finanzkrise 2008 und während der europäischen Schuldenkrise 2011. In diesen Zeiten konnte Gold deutlich zulegen und Aktienanlagen in der Performance übertreffen. Auch dieser Tage sind Turbulenzen und Unsicherheiten der Grund für die Höchstkurse beim gelben Metall. Die konjunkturellen Auswirkungen der Corona-Pandemie sind gänzlich noch gar nicht absehbar, obwohl sich die Stimmung in der Wirtschaft vor allem in der Eurozone deutlich verbessert hat. In den USA verbreitet sich das Virus weiterhin ungebremst und auch in Europa steigen die Fallzahlen nach einer deutlichen Eindämmung wieder an. Noch droht keine von vielen befürchtete zweite Welle, die Lockerungen und die Reisewelle während der Sommerferien bergen aber das Risiko deutlich steigender Infektionszahlen. Der Konflikt zwischen den USA und China hat mit der gegenseitigen Schließung von Konsulaten einen neuen Höhepunkt erreicht und die innenpolitische Lage in den USA ist knapp vier Monate vor der Präsidentschaftswahl angespannter denn je. Alles gute Gründe, Gold weiterhin als Sicherheits- und Stabilitätsanker in der Vermögensanlage zu berücksichtigen.

„After the rush has gone“
Natürlich kann man nicht erwarten, dass sich der Goldpreis auch zukünftig so dynamisch nach oben entwickelt wie bisher. Irgendwann ist der Rausch vorbei und es drohen Rückschläge. Dennoch: Als Sicherheitsanker ist und bleibt Gold in einer gut diversifizierten Vermögensanlage unerlässlich, in Zeiten von Turbulenzen es auch zukünftig das Portfolio stabilisieren. Gold wirkt dabei wie eine Versicherung: In Zeiten höheren Risikos steigen die Kosten für die Versicherung. Zwar hofft man, diese Versicherung nie zu benötigen, doch wenn es mal brennt, ist es gut, wenn man versichert ist.

28. Juli 2020 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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