Wochenklänge

„Wellenreiter“

BAP, 1982

Die heutigen Wochenklänge führen uns zu meinen frühesten musikalischen Begegnungen. Die Kölner Band BAP um ihren Sänger Wolfgang Niedecken wurde 1976 gegründet. Stilistisch wurde Niedecken stark von Bob Dylan und Bruce Springsteen, mit dem er bis heute eng befreundet ist, beeinflusst. Die ersten Auftritte der Band fanden in Köln und der näheren Umgebung statt. So auch in meiner Heimatstadt Prüm in der Eifel, gut eine Stunde von Köln entfernt. Ich weiß nicht mehr genau wann, auf jeden Fall aber vor dem großen kommerziellen Durchbruch. Eine Schülerband meines Gymnasiums trat mit BAP sogar im SWR-Fernsehen auf. Der Erfolg über den Kölner Raum hinaus stellte sich 1981 mit dem dritten Album „Für usszeschnigge“ („zum Ausschneiden“) ein. Und mit „Vun drinnen noh drusse“ („von drinnen nach draußen“) ein Jahr später war BAP dann endgültig bundesweit erfolgreich. Auf diesem Album erschien auch der Song „Wellenreiter“.

„Wie e Wetterfähnche driehßte dich em Wind.
Woher dä jraad weht ess dir ejal,
De Haupsaach ess, et ess der neuste Wind“

Lange Zeit haben sich in den USA die Mitglieder der republikanischen Partei mit dem Wind gedreht, der gerade aus dem Weißen Haus wehte. Ob im Handelskrieg mit China, dem Amtsenthebungsverfahren gegen ihren Präsidenten, der Unterstützung Israels bei der Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten oder der Aufkündigung des Atomabkommens mit dem Iran – die überwiegende Mehrheit der Republikaner hat es entweder still akzeptiert oder laut verteidigt. Die wenigen kritischen Stimmen wurden via Twitter beleidigt und verunglimpft. Größter parteiinterner Kritiker war der 2018 verstorbene Senator John McCain, ein Held des Vietnam-Krieges, der sogar verfügte, dass Donald Trump bei seiner Beerdigung nicht zugegen sein durfte.

„Wat ess bloß passiert, dat do su mutlos bess,
Dat ding Power fott ess,
Dat do dich dermaßen selver opjejovven häss“

Der Machtwille der Republikaner ist wohl so stark, dass lange politische Überzeugungen über Bord geworfen wurden und sie sich damit regelrecht aufgegeben haben. Trump selbst hat kritische Stimmen aus seinem Kabinett und Beraterstab entfernt und durch loyale Ja-Sager ersetzt. Doch so allmählich bröckelt die Unterstützung, die Kritiker werden lauter und mehr. Der geplante Truppenauszug aus Deutschland als „Bestrafung“ für die laut Trump zu geringen Verteidigungsausgaben Deutschlands gefährdet nach Meinung der Kritiker vor allem die Sicherheit der USA. Die Basis in Ramstein nahe Kaiserslautern ist die größte Militäreinrichtung außerhalb der USA und der wichtigste Knotenpunkt zu den Krisengebieten im Nahen und Mittleren Osten. Zudem befindet sich im nahe gelegenen Landstuhl das größte Lazarett der US-Armee außerhalb der USA. Eine deutliche Truppenreduzierung dort würde nach Meinung der Kritiker die militärischen Aktionen der USA und damit die Sicherheit des Landes schwächen.

Ähnliches zeigt sich beim Thema Coronavirus: Seit Mitte Juni nimmt in den USA die Zahl der Neuinfizierten stark zu, über das Wochenende stieg sie nach Angaben der Johns Hopkins mit über 40.000 auf einen neuen Höchststand. Vor allem die republikanisch regierten Bundesstaten wie Florida, Texas und Arizona sind betroffen. Die Gouverneure dieser Staaten haben frühzeitig dem Druck Trumps nachgegeben und die Lockdown-Maßnahmen wohl zu früh gelockert. Die Unzufriedenheit in der republikanischen Partei über die Corona-Politik des Präsidenten steigt, der Protest in der Bevölkerung ebenso. Dies zeigt sich auch in aktuellen Umfragen: Der demokratische Herausforderer Biden führt in nationalen Umfragen derzeit mit rund zwölf Prozentpunkten, Trump droht bei der Wahl im November der Verlust wichtiger „Swing-States“ – Bundesstaaten, in denen beide Parteien eine ähnlich große Wahrscheinlichkeit eines Wahlsieges haben und sie dementsprechend großen Einfluss auf den Ausgang der Präsidentschaftswahlen haben.

„Hühr ens, Wellenreiter, t'ess nit alles Driss
T'süht zwar baal su uss,
Doch et künnt sinn - dat jenachdem - noch jet ze ändre ess“

Mitglieder der republikanischen Partei, aber vor allem die Wähler erkennen: Man kann etwas ändern, und man MUSS etwas ändern. Eine erdrutschartige Wahlniederlage Donald Trumps im November wird damit wahrscheinlicher. Wie er mit dieser Perspektive umgehen wird, lässt Schlimmes erahnen: noch mehr Polemik, noch mehr Lügen, noch mehr Polarisierung. Es gibt eine Machtbasis, die fest zu ihm steht – aber die allein reicht für einen Wahlsieg nicht aus. Gerade die andere und überwiegende Mehrheit der Wähler wird sich, so scheint es, nicht mehr davon blenden lassen. Aber auch immer mehr republikanische Politiker werden das erkennen und sich – sei es aus Überzeugung oder einfach nur aus dem Willen zur Machterhaltung – von Trump abwenden.

Damit man ihnen später nicht vorwerfen kann:
„Nur, wie du jetz bess pass du dänne janz prima ent Konzept
Die dich su hann wollte - halt als Depp.“

29. Juni 2020 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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