Wochenklänge

„I'd love to change the world“

Ten Years after, 1971

„I'd love to change the world“ ist der erfolgreichste Song der britischen Bluesrock-Band „Ten Years After“. Einer der Mitbegründer, Alvin Lee, galt eine Zeitlang als der schnellste Gitarrist der Welt – legendär sein zehnminütiges Gitarrensolo beim Woodstock Festival 1969 im Song „I’m going home“. 1975 trennte sich die Band, anschließend trat sie in großen Zeitabständen und in unterschiedlichen Besetzungen immer mal wieder auf die Bühne.

„Ten Years After“
Zehn Jahre, also exakt 120 Monate, dauert nun schon der aktuelle konjunkturelle Aufschwung in den USA. Mit dieser Entwicklung wurde der bisherige Rekordaufschwung von 1991 bis 2001 eingestellt – allerdings nur in der Dauer, nicht in der Stärke des Aufschwungs. Und das trotz eines 800 Milliarden US-Dollar schweren staatlichen Konjunkturprogramms und einer US-Notenbank, die die Wirtschaft nach der Finanzkrise mit ihrer sehr expansiven Geldpolitik massiv unterstützt hat. Noch etwas anderes ist bemerkenswert: Konnten im vorherigen Aufschwung die Staatschulden noch um vier Prozentpunkte gesenkt werden, stiegen sie in der vergangenen Dekade um 20 Prozentpunkte auf über 100 Prozent des BIP an.

An Schwung verloren
Der aktuelle Konjunkturaufschwung stellt zwar einen Rekord dar, wenn man nicht wie im klassischen Sinne die jeweils zwei rezessiven Quartale mit negativem Wachstum als Wendepunkte zur Berechnung heranzieht, sondern den Analysen des National Bureau of Economic Research (NBER) folgt, deren Statistiken bis in das Jahr 1854 zurückreichen. Hier wird nicht nur das reine Wachstum des Bruttosozialproduktes betrachtet. Auch die Entwicklung am Arbeitsmarkt, die Industrieproduktion, die Realeinkommen und die Groß- und Einzelhandelsumsätze spielen eine Rolle. Aber während in der Zeit von März 1991 bis zum März 2001 das reale Bruttosozialprodukt der USA um rund 42 Prozent und von Februar 1961 bis Dezember 1969 sogar um über 50 Prozent gewachsen ist, konnte in der aktuellen zehnjährigen Aufschwungphase das BIP „nur“ um rund 25 Prozent zulegen. Ein Grund dafür ist sicherlich der so genannte Basiseffekt (2009 war das reale Sozialprodukt in US-Dollar deutlich höher als noch 1991), aber auch in absoluten Zahlen liegt der Zuwachs aktuell knapp 100 Milliarden US-Dollar unter dem der vorherigen Periode.
Quelle: (https://www.nber.org/cycles.html).

Die Konkurrenz schläft nicht 
Die Vormachtstellung der USA war auch in diesem Aufschwung nie gefährdet, aber die Konkurrenz holt auf. China hat in den vergangenen Jahrzehnten ein rasantes Wachstum hingelegt. In absoluten Zahlen ist die chinesische Wirtschaft derzeit die zweitgrößte der Welt. Während der US-Anteil am Weltsozialprodukt in den letzten zehn Jahren aber bei unverändert rund 24 Prozent lag, hat sich der Anteil Chinas auf knapp 14 Prozent verdoppelt. Spätestens 2029 dürfte Prognosen zufolge das Reich der Mitte die USA von Platz Eins verdrängt haben. In Relation zur Kaufkraft hat China die USA sogar bereits vor fünf Jahren als führende Weltwirtschaft abgelöst. Das Land hält heute die höchsten Devisenreserven und ist der größte Gläubiger der Welt. Kredite in Höhe von geschätzt 5.000 Milliarden US-Dollar wurden vor allem an die Länder entlang der neuen Seidenstraße vergeben. Damit sichert sich China langfristig den Zugang zu wichtigen Rohstoffen und der Infrastruktur entlang dieser Route. Zudem hat sich die chinesische Wirtschaft verändert – von der ehemaligen Werkbank der Welt hat das Land in einigen Bereichen die Technologieführung übernommen. Zwar beträgt der Anteil der Industrie am chinesischen Sozialprodukt immer noch rund 33 Prozent, aber er wurde in den vergangenen Jahren deutlich reduziert.
 
„I'd love to change the world“
US-Präsident Trump würde die Welt nun gern verändern und den Vormarsch Chinas stoppen oder zumindest verlangsamen – und dabei besteht die Gefahr einer Blockbildung. Zwar nicht im militärischen Sinne wie zu Zeiten des kalten Krieges, aber im wirtschaftlichen Sinne. In diesem Zweikampf drohen andere führende Volkswirtschaften den Anschluss zu verlieren. Gerade die deutsche Wirtschaft muss sich wandeln: Während innerhalb der führenden Industrienationen (G7) der Anteil der Industrie an der Wirtschaftsleistung auf durchschnittlich 17 Prozent zurück gegangen ist, ist die deutsche Wirtschaft unverändert zu rund einem Viertel von der exportabhängigen Industrie abhängig. Das ist gerade in diesen Tagen schmerzlich zu spüren. Die Unternehmen halten aufgrund des schwelenden Handelsstreits ihre Investitionen zurück. Hinzu kommen rückläufige Auftragseingänge im verarbeitenden Sektor, außerdem häufen sich die Ankündigungen von Arbeitsplatzabbau und Gewinnwarnungen wie zum Beispiel aktuell bei BASF.
 
„But I don't know what to do
So I'll leave it up to you“

Die Unternehmen in Deutschland können den Wandel jedoch nicht komplett alleine stemmen, Unterstützung muss dazu von der Politik kommen. Zwar hat der Bund in der Finanzplanung bis 2023 jährlich knapp 40 Milliarden Euro für Investitionen in Wohnraum, Bildung, Infrastruktur und Forschung eingeplant. Angesichts des schnellen Wandels der globalen Wirtschaft ist das jedoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Industrieverbände kritisieren zudem die aktuelle deutsche Wirtschaftspolitik. Die von Wirtschaftsminister Altmeier geforderte Bildung von „nationalen Champions“ sei ein falscher Weg, beklagte zum Beispiel der Bundesverband der deutschen Industrie. Statt mehr politischen Einfluss auf die Industrie zu nehmen, seien Maßnahmen zur Standortstärkung wie Reduzierung der Energiepreise, Bürokratieabbau, Ausbau der Infrastruktur und eine unternehmensfreundliche Steuerpolitik nötig.

Fazit: Die sich verändernde Weltwirtschaft erzeugt Handlungsbedarf bei allen Beteiligten
Es zeigt sich immer deutlicher, dass der andauernde Handelsstreit teils deutliche Bremsspuren in der wirtschaftlichen Entwicklung anderer Industrieländer hinterlässt. Aber auch wenn es eine dauerhafte Lösung gibt – die Weltwirtschaft verändert sich rapide. Und auf diesen Wandel müssen Unternehmen wie auch die Politik reagieren. Deutsche Unternehmen sind unverändert innovativ und in vielen Bereichen Weltmarktführer, aber der Vorsprung wird geringer. China will bis 2025 Importe durch eigene Innovationen ersetzen und in Schlüsseltechnologien zum Weltmarktführer werden. Das dürfte auch nach dem Abschluss eines Handelsabkommens zu andauernden Spannungen mit den USA führen. Die übrigen Industrienationen sollten gemeinsam eine Strategie entwickeln, wie man zwischen den beiden Wirtschaftsblöcken USA und China konkurrenzfähig bleibt. 

8. Juli 2019 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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