Wochenklänge

„Talkin’ bout a revolution“

Tracy Chapman, 1988

72.000 Menschen im Stadion, 600 Millionen Menschen in 65 Ländern vor den Fernsehern und auf einer riesengroßen Bühne nur eine junge Frau mit Gitarre: Tracy Chapman. Im April 1988 veröffentlichte sie ihr Debütalbum, nur zwei Monate später kannte sie die ganze Welt. Zum 70. Geburtstag von Nelson Mandela, seit über 25 Jahren in südafrikanischer Haft, findet am 11. Juni 1988 ein Geburtstagskonzert in London statt: „Free Nelson Mandela“. Chapmans Auftritt war früh, die großen Stars kamen später. Ihr Auftritt kam gut an, es gab viel Applaus. Der spätere Auftritt von Stevie Wonder musste abgebrochen werden, weil die Computer, die er benötigte, streikten. Chapman wurde gefragt, ob sie einspringen könne. Und da stand sie zum zweiten Mal auf der Bühne – nur mit ihrer Akustikgitarre. Eine junge zierliche Frau, gerade einmal 1,64m groß, mit kurzen Rasterlocken, singt über eine leise Revolution.

Ich kann mich sehr gut an das Konzert erinnern. Mit Freunden saß ich vor einem Röhrenfernseher, das Radio war für den „Stereo“-Empfang eingeschaltet. Es war der Tag vor meinem zwanzigsten Geburtstag. Wir waren keine Weltverbesserer, wir hörten die „Rolling Stones“ und „Die Ärzte“, dennoch hat uns die Wucht ihres Auftritts elektrisiert. Und es ging vielen anderen auch so. In den Wochen danach verkaufte sich das Album 19 Millionen Mal, es erreichte in vielen Ländern Platz Eins der Albumcharts. Ein Jahr später wurde Tracy Chapman mit drei Grammy Awards ausgezeichnet.

Tracy Chapman –
Vom Uni-Café auf die Weltbühne

Es gibt wohl kaum einen kometenhafteren Beginn einer Musikkarriere wie der von Tracy Chapman. Geboren 1964 in Cleveland, Ohio, aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen, begann sie bereits mit acht Jahren Gitarre zu spielen. Wenig später schreibt sie ihre eigenen Texte. Durch ein Stipendium war es ihr möglich, ein College in Boston zu besuchen. Dort – teils im Freien, teils im Uni-Café – singt sie regelmäßig ihre Lieder. Ein Kommilitone ist so begeistert, sie solle doch seinem Vater, der bei einer kleinen Plattenfirma arbeitet, ein Demo-Tape schicken. Sie will jedoch nicht, nimmt ihn auch nicht ernst. Sie will lieber im Uni-Café vor 30-50 Leuten spielen. Irgendwie besorgt sich der Kommilitone dann doch ein Tape und schickt es seinem Vater – und der ist begeistert. Und er kann Chapman von einer Plattenaufnahme überzeugen. Am 5. April 1988 erscheint ihr Debütalbum, es kommt bei Kritikern und Publikum gut an und verkauft sich in den ersten Wochen fast eine Million Mal.

„It sounds like a whisper“
31 Jahre nach dem Konzert ist ein zierliches 16-jähriges Mädchen aus Schweden in der Lage, die Menschen erneut zu elektrisieren: Greta Thunberg macht seit Monaten mit der Bewegung „Fridays for Future“ Druck auf die Politik, den Klimawandel zu stoppen. Sie trifft die mächtigsten Politiker der Welt, den Papst, spricht auf dem „World Economic Forum“ in Davos und ist jetzt für den Friedensnobelpreis nominiert. Anfangs noch ganz allein war ihr Protest ein Flüstern. Mittlerweile haben sich weltweit tausende Schüler angeschlossen – aus dem Flüstern ist längst ein Rufen geworden.

Eine Änderung in der Klimapolitik ist nötiger denn je: die globale Erderwärmung schreitet schneller voran als noch vor Jahren von Wissenschaftlern vorhergesagt. Rund um den Globus fallen die Temperaturrekorde. Die steigenden Temperaturen führen zu einem Abschmelzen der Pole und Gletscher. Durch Wärme und Trockenheit ausgelöste Brände am Polarkreis produzieren Millionen Tonnen CO2. Der Permafrostboden taut, Millionen Tonnen organisches Material, Jahrtausende lang im Eis eingeschlossen, werden freigesetzt. Durch deren Zersetzung werden ebenfalls Millionen Tonnen CO2 produziert. Bevölkerungswachstum und steigender Wohlstand in den Schwellenländern führen zu steigendem Fleischkonsum. In den vergangenen 50 Jahren hat er sich auf rund 330 Millionen Tonnen vervierfacht, eine weitere Steigerung von über 30 Prozent bis zum Jahr 2050 wird erwartet. Das bedeutet: mehr Wasserverbrauch, mehr Ackerfläche für Futterpflanzen – oft durch das Abholzen tropischer Regenwälder.

Klimaforscher sind sich uneinig darüber, ob es 5 vor 12, Punkt 12 oder bereits 5 nach 12 ist. Einigkeit besteht aber darin, dass jeder etwas tun muss: die Politik, die Unternehmen und jeder einzelne Bürger durch sein Konsum- und Mobilitätsverhalten. Und auch „nachhaltiges Investieren“ ist derzeit in aller Munde. Der Begriff „Nachhaltigkeit“ ist dabei nicht neu, bereits 1987 hat die von den Vereinten Nationen eingesetzte Brundtland-Kommission festgelegt: Nachhaltig ist eine Entwicklung, „die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen.“ Genau die Generation, die heute auf die Straße geht und protestiert.

„And finally the tables are starting to turn“
Nachhaltiges Investieren bedeutet jedoch nicht nur den schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen, sondern auch eine nachhaltige Unternehmenspolitik zur Vermeidung von Risiken und im Umgang mit den Angestellten. Zusammengefasst wird das in dem Begriff „ESG“ –„Environmental“ für Umwelt und Klima, „Social“ für Soziales und „Governance“ für Unternehmensaufsicht. Gerade bei institutionellen Anlegern und Stiftungen fließen Nachhaltigkeitskriterien immer stärker mit in die Anlageentscheidungen ein, aber auch Privatanleger achten zunehmend auf diese Faktoren. Investoren hinterfragen immer kritischer die Unternehmenspolitik. Denn unternehmerisches Fehlverhalten verursacht nicht nur Reputationsschäden, sondern kann auch große finanzielle Belastungen zur Folge haben. Volkswagen nach dem Dieselskandal oder Bayer nach der Übernahme des Saatguthersteller Monsanto sind zwei aktuelle Beispiele dafür. Auch die Politik hat die Notwendigkeit erkannt: Investoren werden zukünftig verpflichtet, bei ihren Investitionen vorab definierte Nachhaltigkeitskriterien umzusetzen. Und dass nachhaltiges Investieren nicht auf Kosten der Rendite gehen muss, zeigt eine aktuelle Untersuchung von MSCI: in den letzten fünfJahren konnten Aktieninvestments mit Nachhaltigkeitsfaktor eine bessere Wertentwicklung bei gleichzeitig leicht reduziertem Risiko erzielen.

Fazit: Von einer Nachhaltigkeit in der Geldanlage profitieren am Ende alle
Der Trend zu nachhaltigem Investieren hat deutlich an Fahrt aufgenommen. Unternehmen müssen nachhaltiger wirtschaften, und das auch transparenter machen. Sonst droht – neben einem Reputationsverlust - Liebesentzug von Investoren. Und das kann sich kein Unternehmen an der Börse leisten. Gerade große Anleger – Stiftungen, Versicherungen und Fonds – werden zukünftig mehr Druck auf die Unternehmen ausüben und ihre Investitionen danach ausrichten. So können alle einen Beitrag für eine nachhaltigere Unternehmenspolitik leisten, ohne dass der Investor dabei auf Rendite verzichten muss.

Nelson Mandela übrigens wurde 1990, zwei Jahre nach dem Konzert, aus der Haft entlassen. Von 1994 bis 1998 war er Staatspräsident von Südafrika. Manchmal lohnt es sich also, für seine Überzeugung die Stimme zu erheben. Danke,Tracy Chapman! Danke, Greta Thunberg!

15. Juli 2019 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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