Wochenklänge

„Anarchy in the U.K.“

Sex Pistols, 1976

Zugegeben, bei manchen Songs meiner Wochenklänge muss man schon etwas um die Ecke denken und ein paar Brücken zum aktuellen Weltgeschehen bauen. Der heute ausgewählte Titel allerdings steht für sich und könnte auch erst in diesen Tagen geschrieben worden sein, so passt er zum derzeitigen politischen Chaos im Vereinigten Königreich. Dabei ist es mehr als 40 Jahre her, als die „Sex Pistols“, die wohl populärste Punkband des Planeten, den Song „Anarchy in the U.K.“ veröffentlichten. Und Parallelen zu den Inhalten und Absichten damals sind heute klar erkennbar.

Sex Pistols – der Beginn der Punk-Ära
Im Oktober 1977 veröffentlichte die britische Punk-Band „Sex Pistols“ ihr einziges Studioalbum: „Never Mind The Bollocks – Here’s The Sex Pistols“. Bereits ein Jahr zuvor erschien die Single „Anarchy in the U.K“. Die Veröffentlichung wurde von einer Reihe von Skandalen begleitet: verstörende Bühnenauftritte und wüste Beschimpfungen von Fernsehmoderatoren. Zwei Mal wurden sie von ihrer Plattenfirma rausgeschmissen. Die Band wie auch die Lieder waren reine Provokation. Die Musiker trugen bei Auftritten Nazisymbole (ohne jedoch mit der Ideologie zu sympathisieren), die Texte waren zu 100 Prozent Aggression, die Musik und der Gesang laut und roh. Bereits ein Jahr später löste sich die Band wieder auf. Geblieben ist ihr Einfluss auf die Musik: In Großbritannien gründeten sich viele Punk-Bands und Anfang der 80er Jahre verbreitete sich die Musikrichtung über die ganze Welt. Viele behaupten, ohne das Album der Sex Pistols würde es die Punk-Musik, wie wir sie heute kennen, nicht geben.

„Winter of Discontent”
Es war der Stinkefinger von Sänger Johnny Rotten alias John Lydon in Richtung Establishment. Der Protest und die Gesellschaftskritik der britischen Punk-Bewegung Ende der 70er Jahre fiel in eine wirtschaftlich schwierige Zeit und damit auf fruchtbaren Boden. Großbritannien befand sich in einer schweren Wirtschaftskrise. Die Arbeitslosigkeit war dramatisch hoch, besonders bei Jugendlichen lag die Quote bei knapp 30 Prozent. Hohe Steuerausfälle führten fast zur Staatspleite, die Briten mussten sogar einen Hilfskredit des IWF in Anspruch nehmen. Rassenunruhen und monatelange Streiks erschütterten zudem das Land: es entstanden Müllberge in öffentlichen Parks, Hafenausfahrten und Zufahrten zu Betriebsgeländen wurden blockiert. Wochenlang waren keine Beerdigungen möglich, weil sogar die Totengräber streikten. In dieser Zeit, im Winter 1978/79, verwendete der damalige Chefredakteur der Zeitung „The Sun“ ein Zitat aus dem Drama „Richard III.“ von Shakespeare: „Winter of Discontent“ – der Winter der Unzufriedenheit. Premierminister James Callaghan musste zurücktreten. Auf ihn folgte „die eiserne Lady“ Margaret Thatcher, die zu Beginn ihrer Regierungszeit erst einmal die Wirtschaft des Landes radikal umbaute.

„Winter of Discontent“ – 2.0
Ein solcher „Winter der Unzufriedenheit“ droht den Briten erneut. Premier Boris Johnson will den Brexit bis zum 31. Oktober vollziehen, koste es was es wolle. Dazu bedient er sich aller zur Verfügung stehender Mittel, die viele in der Politik und der Bevölkerung als „Anarchy in the U.K.“ bezeichnen. Er schickt das britische Parlament in den Zwangsurlaub, beginnend am Montag, 09. September, bis zum 14. Oktober – ganze fünf Wochen. Dann wird traditionell die Queen im Unterhaus das Regierungsprogramm verlesen. Zwar ist es durchaus üblich, wenige Tage vor der „Queen’s Speech“, mit der die neue Sitzungsperiode eröffnet wird, das Parlament in den Urlaub zu schicken. Aber keine fünf Wochen und nicht in einer Zeit wichtiger und dringender politischer Entscheidungen. Johnson will dem Unterhaus damit so wenig Zeit wie möglich lassen, um gegen einen ungeregelten Brexit vorzugehen. Viele sprechen von einem Verfassungsbruch, was allerdings aus einem Grund schwierig zu argumentieren ist. Denn in Großbritannien gibt es keine geschriebene Verfassung. Vielmehr basiert das Verfassungsrecht auf teils Jahrhunderte alten Gewohnheiten, Konventionen und Präzedenzfällen. Das war wohl auch der Grund, warum die Queen dem Antrag Johnsons zugestimmt hat. Am 03. September findet die erste Sitzung des Unterhauses nach der Sommerpause statt. Hier wollen die Gegner eines harten Brexit ein Gesetz durchbringen, was es der Regierung verbietet, ohne Abkommen aus der Europäischen Union auszutreten. Stattdessen solle eine erneute Verlängerung bei der EU beantragt werden. Wir erinnern uns: der ursprüngliche Austrittstermin war Ende März und wurde dann auf Ende Oktober verschoben.

Fazit:
Das Risiko eines No-Deal-Brexit ist so hoch wie nie seit dem Referendum im Juni 2016. Für die EU ist klar: der mit der vorherigen Premierministerin May ausgehandelte Vertrag wird nicht neu verhandelt, die Backstop-Regelung für Irland bleibt fester Bestandteil des Vertrages. Innenpolitisch ist in Großbritannien derzeit vieles möglich: Misstrauensantrag gegen Johnson oder Aufstand in seiner eigenen Fraktion, die zudem mit nur einer Stimme eine hauchdünne Mehrheit hat. Nur wenige Überläufer könnten zusammen mit der Opposition eine „No-Deal“-Bremse verabschieden. Wie es auch kommt – die Zeichen stehen auf Sturm. Und auch die Ausweitung der gegenseitigen Strafzölle zwischen den USA und China sowie die heftigeren und gewaltsameren Proteste in Hongkong deuten auf ein eher unruhiges Fahrwasser hin, in dem sich die Kapitalmärkte in den nächsten Wochen bewegen müssen. Es bleibt dabei: Tagespolitik macht Tageskurse. Und fast jeden Tag in eine andere Richtung. Da kann man als Anleger nicht täglich reagieren, daher sollte man lieber weiter am trockenen Ufer auf eine Beruhigung der See warten.

2. September 2019 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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