Wochenklänge

„No No Never”

Matt Bianco, 1984

So zeitlos wie die musikalische Mischung aus Jazz, Latin und Pop auf dem 1984 veröffentlichten Album der britischen Band Matt Bianco ist auch sein Name selbst: „Whose side are you on“. In einer turbulenten Woche im britischen Unterhaus war sie die wohl am meisten gestellte Frage: Auf welcher Seite stehst Du – bist Du für oder gegen einen No-Deal-Brexit, für oder gegen Premierminister Boris Johnson. Diejenigen aus der konservativen Regierungspartei, die die Frage mit „dagegen“ beantworteten, wurden unverzüglich aus der Fraktion und damit auch aus der Partei geworfen – ein Vorgang, der einer demokratischen Partei unwürdig ist.

„An meine Haut lasse ich nur Wasser und Sade“
Anfang der 1980er Jahre war eine musikalische Stilrichtung sehr erfolgreich: Smooth-Jazz und ein Stilmix aus Jazz, Pop und Latin als angenehmer Kontrast zum Punk und New Wave dieser Zeit. Bekannteste Vertreterin dieses Sounds war sicher die Sängerin Sade – stilvoll und schön mit nigerianischen Wurzeln. Eine sinnlich schöne Stimme und die Musik und Arrangements so cool, dass anschließend die Plattennadel enteist werden musste. Ein klassischer Spruch unter uns halbwüchsigen Jungs war damals – in Abänderung einer Seifenwerbung: „An meine Haut lasse ich nur Wasser und Sade“. Andere Vertreter dieser Gattung waren unter anderem Working Week und Matt Bianco. Drei Musiker gründeten 1982 die Band Matt Bianco. Zwei Jahre später veröffentlichten sie Ihr Debütalbum, für das sie eine polnische Sängerin engagierten. Diese verließ die Band kurz vor Veröffentlichung der ersten Single.

„Let your inhibitions go, let me take control“
Auch der Song „No No Never“ ist auf dem Album enthalten, wurde aber nie als Single veröffentlicht. In dem Stück im schnellen Cha-Cha-Cha-Rhythmus umwirbt ein Tänzer eine Frau. Er fordert sie auf, sich von der Melodie treiben zu lassen und ihm nicht zu widerstehen. „Gib Deine Hemmungen auf, lass mich die Kontrolle übernehmen“: zweimal hatte Boris Johnson damit bisher Erfolg. 2016, als er sich auf die Seite der „Leave“-Bewegung stellte und mit einer populistischen Kampagne das knappe Votum zum EU-Austritt erreichte. Und im Juli dieses Jahres, als ihn 66 Prozent der Mitglieder zum neuen Chef der Konservativen Partei und damit auch zum neuen Premierminister wählten. 92.000 Mitglieder der Konservativen Partei stimmten für ihn – gerade einmal 0,2 Prozent der Wahlberechtigten Großbritanniens.

„No no never“
Es war die klare Absage der Frau an den Tänzer – und eine klare Absage des britischen Unterhauses an einen ungeregelten Brexit. „No No-Deal“ lautet die Botschaft. Das Unterhaus hat sich damit noch vor dem von Johnson verfügten fünfwöchigen Zwangsurlaub gegen seine Entmachtung gewehrt. Sollte die Regierung nun bis zum EU-Gipfel am 19. Oktober kein Abkommen verabschieden, müsste Johnson nach dem Gesetz um einen erneuten Aufschub um drei Monate bitten. „No No never“: Lieber läge Johnson wohl tot im Graben. Angeblich arbeitet er an einem Plan, das Gesetz zu umgehen und nicht um einen Aufschub zu bitten – ein klarer Gesetzesbruch. Stattdessen will er am heutigen Montag erneut im Unterhaus einen Antrag auf Neuwahlen stellen, dem allerdings zwei Drittel der Abgeordneten zustimmen müssten. „No No Never“ heißt es von der Opposition, aber auch von einigen Regierungsmitgliedern: der jüngere Bruder von Johnson, Jo Johnson, hat am Donnerstag sein Amt als Staatssekretär und sein Abgeordnetenmandat niedergelegt – zerrissen zwischen der Loyalität zur Familie und zum Land. Einen Tag später reichte Arbeitsministerin Rudd, eine Brexit-Gegnerin, ihren Rücktritt ein. Und was sagt der Wähler? Wenn es Neuwahlen gäbe, könnten die derzeit regierenden Tories aktuellen Umfragen zufolge 35 Prozent der Stimmen erzielen, weitere 11 Prozent bekäme die Brexit-Partei des ehemaligen Mitstreiters Nigel Farage. Labour hingegen käme auf 25 Prozent. Johnson hätte die Chance, die Wahlkreise von Abtrünnigen zu „säubern“ und mit Brexit-Hardlinern zu besetzen. Damit könnte er im Falle eines Wahlsieges das neue Gesetz eventuell kippen und doch noch den harten Austritt vollziehen.

„Don't resist my charms when you could be in my arms“
Als gewiefter Taktiker treibt Johnson damit einen Keil durch seine Fraktion, das Parlament und durch das ganze Land. Bereits bei Amtsantritt hat er gemäßigte Mitglieder im Kabinett durch Hardliner ersetzt. Die nach seinen Worten „Rebellen“ in der Fraktion hat er ebenfalls rausgeschmissen. So wird er alle Tories los, die nicht seinem EU-kritischen Kurs folgen und macht die Tories zur „Brexit-Partei“. Ganz Populist will er neue Stellen für die Polizei schaffen und mehr Geld für Bildung und das Gesundheitswesen bereitstellen. Und ganz nebenbei inszeniert er sich als der Mann, der den Willen des Volkes durchsetzen will, nur das Parlament hätte ihn bisher daran gehindert. Es ist durchaus vorstellbar, dass Johnson das alles so geplant und inszeniert hat, um durch Neuwahlen seine Machtbasis zu stärken. Ob dies allerdings gelingen wird, ist derzeit völlig ungewiss. Gewiss ist dagegen, dass das (un)vereinigte Königreich immer stärker gespalten wird und droht, im Chaos zu versinken.

Fazit:
Die Gefahr eines ungeregelten EU-Austritts Großbritanniens Ende Oktober ist zwar wieder etwas geringer geworden, letztlich verschwunden ist sie allerdings nicht. Dennoch sorgt dies für eine Entspannung an den Kapitalmärkten. Wie beim anderen politischen Krisenherd, dem Handelsstreit, ist aber auch in der britischen Politik jederzeit mit unerwarteten Wendungen zu rechnen. Die derzeitige Beruhigung an den Märkten könnte sich daher als trügerisch erweisen. Es bleibt dabei: die Beine der politischen Börsen werden nicht nur länger – nein, sie kommen sogar auf Stelzen daher. Die Kapitalmärkte sind weiterhin im politischen Spannungsfeld gefangen.

Vor einigen Jahren verfasste Boris Johnson eine viel beachtete Biographie über Winston Churchill: „How one man made history“. Gerne würde er sich auch in dieser Rolle sehen, Geschichte zu schreiben. Sein großes Vorbild Churchill hat in seiner berühmten Rede im britischen Unterhaus am 04. Juni 1940 nach der deutschen Invasion in Frankreich gesagt: „We shall go on the end... We shall defend our island, whatever the cost may be… We shall never surrender.“ Wir werden uns nie ergeben – das versucht auch Boris Johnson zu vermitteln. Mal sehen, wie weit er damit kommt.

9. September 2019 Gregor Müller, Leiter Investmentstrategie, CEFA Wochenklänge: unser Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen – jeden Montag.
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